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Hat seine schwarze Uniform abgelegt: Der langjährige Haushamer Friedhofswärter Karl Scheifl (63) ist in den Ruhestand gegangen.

„Den Schmerz muss jeder alleine ertragen.“

Porträt eines Friedhofwärters: Charly und sein schwerster Gang

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Der Friedhof war für die Haushamer mit Friedhofwärter Charly verbunden. Doch sein schwerster Gang war, die Urne seiner Frau zum Grab zu tragen. Ein Porträt zum Ruhestand.

Hausham – Unzählige Male hat Karl Scheifl (63) Trauernde auf dem Weg zum Grab ihrer Lieben begleitet. Er hat ihre Tränen gesehen, ihr Schluchzen gehört – und war einfach da, wenn sie reden wollten. Wie groß ihr Schmerz wirklich war, erfuhr der Haushamer Friedhofswärter, als er schon sieben Jahre im Dienst war. 2005 musste er sich von seiner Frau verabschieden. Die Urne trug er selbst zum Grab. „Sie wollte es so“, sagt Scheifl. „Aber hart war es trotzdem.“

Bei jeder Beerdigung fühlte er sich danach unweigerlich an den Tod seiner Frau erinnert. Ans Aufhören dachte er dennoch nicht. Das ist jetzt anders: Nach 19 Jahren im Dienst hat Scheifl seine schwarze Uniform an den Nagel gehängt und seinen verdienten Ruhestand angetreten. Sein Nachfolger ist der 33-jährige Markus Neumann, der zuvor beim Miesbacher Bestattungsunternehmen Rauffer gearbeitet hat.

Die Friedhofsbesucher gönnen Scheifl seinen Ruhestand – und doch sind sie traurig, wie sie in einem Brief an ihn geschrieben haben: „Unser Friedhof ist durch Deinen Fleiß und unermüdlichen Einsatz ein Ort der Ruhe und Besinnung geworden. Du hast Hochachtung und Anerkennung verdient.“ Als Scheifl diese Zeilen liest, wird er ein bisschen rot auf den Wangen. „Ich stehe nicht so gerne im Mittelpunkt“, meint er. Doch genau diese Zurückhaltung ist es, mit der „Charly“ über die Jahre die Herzen der Trauernden für sich gewonnen hat.

1998 erzählte ihm eine Nachbarin, die bei der Gemeinde arbeitete, dass in Hausham ein neuer Friedhofswärter gesucht werde. Scheifl, der damals Hausmeister im Polizeiheim am Stolzenberg im Spitzinggebiet war, stellte sich vor – und wurde eingestellt. „Die ersten Wochen waren hart“, erinnert er sich. Rasenmähen, Heckenschneiden und Schneeräumen waren ihm zwar nicht neu. Wohl aber die nahezu alltägliche Begegnung mit der Trauer. Doch seine ruhige Art kam Scheifl zugute. Statt große Worte zu wählen, hörte er einfach zu. „Zu viel Mitleid bringt nichts“, sagt er. „Den Schmerz muss jeder alleine ertragen.“

Und doch gab es Momente, in denen der Friedhofswärter emotional an seine Grenzen kam. Zum Beispiel, wenn Eltern ihr Kind beerdigen mussten. „Das war immer ein langer Weg“, erzählt er. Keines dieser Kinder habe er vergessen. Um seine Gedanken wieder zu beruhigen, setzte er sich auf ein Bankerl am Schliersee und schaute aufs stille Wasser hinaus. Auch die Stille auf dem Friedhof schätzte Scheifl sehr. Begleitet vom Gezwitscher der Vögel machte er sich schon um 6 Uhr morgens auf seine erste Runde – eine Stunde vor Dienstbeginn. „Da habe ich meine verstorbenen Freunde besucht“, erzählt Scheifl. „Und meine Frau.“

So tankte er Kraft für den Tag. Und die brauchte er auch. Denn mit den Gärtnerarbeiten war es auf dem Friedhof nicht getan. Scheifl war auch für Planung und Ablauf der Trauerfeiern und Beisetzungen verantwortlich. Im Austausch mit den Bestattungsunternehmen versuchte er, die Wünsche der Angehörigen möglichst gut zu erfüllen. Und die waren manchmal durchaus ausgefallen, berichtet Scheifl schmunzelnd. „Wir hatten auch mal eine Jazzkapelle.“ Doch es gab auch Lieder, die der Friedhofswärter nicht am Grab abspielen ließ. „Ordinäre Stücke“ von Hans Söllner zum Beispiel. „Das hat einfach nicht gepasst“, sagt Scheifl.

Und wenn dem heute 63-Jährigen etwas nicht passte, sprach er es offen an. Trotzdem schaffte er es, den Haushamer Friedhofsbesuchern stets das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Wie wichtig das ist, weiß Scheifl aus eigener Erfahrung. Nicht nur aus beruflichen Gründen, sondern auch wegen seiner Frau. „So war ich immer bei ihr.“

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