Kämpfen für die Kombi-Haltung: Georg und Anna Eham vom Leitenbauer-Hof in Agatharied.
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Kämpfen für die Kombi-Haltung: Georg und Anna Eham vom Leitenbauer-Hof in Agatharied.

„Macht‘s bitte Erinnerungsfotos“

Protest-Aktion mit dramatischer Botschaft: Landwirt kämpft um seinen Hof - Harsche Kritik an CSU-Ministerin

  • Sebastian Grauvogl
    VonSebastian Grauvogl
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„Macht‘s bitte Erinnerungsfotos“: Dazu ruft Landwirt Georg Eham aus Agatharied Passanten auf, die an seinem Hof vorbeikommen. Doch die Aktion hat einen ernsten Hintergrund.

Agatharied – Was sich liest wie ein Schnappschusswettbewerb für Touristen, ist bei genauerem Hinsehen eine dramatische Botschaft: „Liabe Leid, wenn Eich de Art wia mia unsan Bauernhof betreiben gfoid, dann macht’s bitte Erinnerungsfotos. A Landwirtschaft in dera Form werd’s, nach Willen der bayerischen Politik und des Lebensmitteleinzelhandels, boid nimma gem“, steht auf einem Schild an einem Schafstall am Ortsausgang von Agatharied Richtung Wörnsmühl.

Agatharied: Schild soll Passanten auf Bauernhof locken - Aktion hat ernsten Hintergrund

Aufgehängt haben es Georg Eham – nach seinem unter anderem durch die Unzufriedenheit mit der Landwirtschaftspolitik bedingten Austritt aus der CSU parteiloser Gemeinderat in Hausham (wir berichteten) – und seine Frau Anna vom Leitenbauer-Hof. Der Grund für den ungewöhnlichen Aufruf ist eigentlich ein Protest. Gegen die Politik, vor allem die der CSU, und ganz speziell die von Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber.

Harsche Kritik an CSU: Ministerin Kaniber fordert Ausstieg aus ganzjähriger Anbindehaltung

Wie berichtet, hatte diese in einer Regierungserklärung den „zügigen Ausstieg aus der ganzjährigen Anbindehaltung“ gefordert. Die Einstellung der Menschen zu den Themen Verbraucherschutz und Tierwohl habe sich geändert, sagte Kaniber jüngst auch bei einer Diskussion mit Landwirten im Bräustüberl auf Kloster Reutberg. Schon da bekam die Ministerin heftigen Gegenwind von den Bauern zu spüren.

Auch im Landkreis Miesbach braut sich der Unmut der Bauern zusammen. So hatte unter anderem Kreisbäuerin Marlene Hupfauer vor einer Abkehr von der vor allem in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft seit Jahrzehnten erfolgreich praktizierten Kombinationshaltung aus Stall und Weidegang gewarnt. Das Aktionsbündnis Zivilcourage Miesbach ist „in Sorge“, dass sich die Aussage der Ministerin auf „pauschal alle Formen der traditionellen Tierhaltung“ bezogen hat. „Dies hätte aus unserer Sicht schwerwiegende negative Folgen für die landwirtschaftliche Struktur in unserem Landkreis Miesbach, aber auch darüber hinaus“, schreiben die Initiatoren in einem Brief an Kaniber, den diese mittlerweile auch aufklärend beantworten ließ (siehe unten).

Eham, der als Landwirt im Nebenerwerb mit einem Bestand von im Schnitt 15 Kühen klar der kleinbäuerlichen Seite zuzuordnen ist, teilt diese Sorgen auch ganz persönlich. Schon sein Opa und Vater hätten ihr Milchvieh in der Kombination aus Stall und Weidegang gehalten. Auch er praktiziere diese, seit er den Hof 2010 mit seiner Frau übernommen habe, „aus ganzem Herzen“.

Aus für Kombinationshaltung? Kleine Höfe stehen bei Generationswechsel bereits jetzt auf der Kippe

Einen Laufstall zu bauen, wie es eine vollständige Abkehr von der Anbindehaltung erfordern würde, sei finanziell nicht darstellbar. Eine solche Investition müsse er über Jahrzehnte abtragen. „Bis alles abbezahlt ist, gibt es wieder neue Auflagen der Politik“, fürchtet Eham. Schon jetzt stünden kleine Höfe wie der Leitenbauer bei jedem Generationswechsel auf der Kippe. Müsste der Nachwuchs – die Ehams haben drei Kinder – auch noch mit einem Schuldenrucksack anfangen, sei die Übernahmebereitschaft noch viel geringer.

Überhaupt stelle der Ausstieg aus der Anbindehaltung den größten Strukturwandel in der Landwirtschaft seit dem Umstieg vom Pferd auf den Traktor dar, sagt Eham. Ein solcher Umbruch müsse auf europäischer Ebene erfolgen – nur so sei die Wettbewerbsfähigkeit der bayerischen Bauern sichergestellt werden.

Landwirtschaft: Größter Strukturwandel seit Umstieg von Pferd auf den Traktor

„Unter erhöhten Auflagen bei gleicher Bezahlung arbeiten, das kann in keinem Wirtschaftszweig der Welt auf Dauer funktionieren“, betont Eham. Auch den von Kaniber skizzierten Druck der Verbraucher kann der Landwirt so nicht erkennen. „Die ansässige Bevölkerung möchte kleine Milchviehbetriebe, die ihren Tieren Weidegang ermöglichen.“ Die Kombinationshaltung habe eine „hohe gesellschaftliche Akzeptanz“. Nur mit Weidegang werde es weiter Biodiversität geben. Diese Haltungsform erfülle einen tierwohlgerechten Standard und solle auch so bewertet werden.

Noch etwas ist Eham wichtig: „Ich bin kein Laufstallgegner“, betont er. Er sehe sogar ein, wenn die Molkereien die Tierhaltung bei der Preisbildung einfließen lassen würden. Ein Verbot der Kombinationshaltung dürfe es aber keinesfalls geben. „Es kann nicht sein, dass man einen Teil seines Lands als Baugrund verkaufen muss, damit der Hof überlebt“, findet Eham. Denn auch dann wäre die landwirtschaftliche Kulturlandschaft nicht mehr die, die sie heute ist.

Ministerin kämpft für Kombinationshaltung

Mit einer ausführlichen Stellungnahme hat Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber auf die kritische Nachfrage des Aktionsbündnisses Zivilcourage Miesbach reagiert. Tierwohl und Tierhaltung müssten kontinuierlich fortentwickelt werden, „um auch in Zukunft eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung in Bayern gewährleisten zu können“, schreibt Ministerialdirigent Friedrich Mayer im Auftrag der Ministerin.

Schon heute würden Molkereien eine Preisdifferenzierung je nach Haltungsform vornehmen. Der Lebensmitteleinzelhandel plane, Milch aus ganzjähriger Anbindehaltung mittelfristig nicht mehr über seine Eigenmarken zu vertreiben. Vor diesem Hintergrund habe Kaniber dieses Thema bei ihrer Regierungserklärung aufgegriffen.

Die Landwirtschaftsministerin habe aber ausdrücklich nur vom „zügigen freiwilligen Ausstieg aus der ganzjährigen Anbindehaltung“ gesprochen. Von einem Verbot sei nie die Rede gewesen, vor allem nicht für die Kombinationshaltung mit Weide oder Laufhof. Im Gegenteil: Kaniber setze sich gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel „massiv dafür ein, dass Milch aus Betrieben mit Kombihaltung in die Kennzeichnungsstufe zwei komme und so weiterhin auch für Eigenmarken verwendet werden könne. Übrigens gebe es auch Alternativen zum Neubau eines Laufstalls. „Auch ein Stallumbau oder -anbau mit dem Ziel einer tierwohlorientierten Haltung ist grundsätzlich über Programme unseres Hauses förderfähig“, teilt Mayer mit. sg

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