Rohrauerhaus in Hausham
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Von 1942 bis 1945 stand das Rohrauerhaus in Hausham unter dem Regime der SS. Heute ist es in Privatbesitz.

Gebäude war früher KZ-Außenstelle

Rohrauerhaus in Hausham: SPD-Mann will über SS-Vergangenheit von Ex-Schullandheim aufklären

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Von 1942 bis 1945 stand das Rohrauerhaus in Hausham unter dem Regime der SS. Der Haushamer Hans Pawlovsky kämpft dafür, dass diese dunkle Zeit nicht in Vergessenheit gerät.

Hausham – Der jüngeren Generation ist das Rohrauerhaus in Hausham kaum bekannt. Und wenn, dann lediglich als Schullandheim, das die Stadt München ab 1974 dort betrieben hat. Seit dem Verkauf 2013 ist das Gebäude, das in der Nähe der Staatsstraße 2076 von Hausham nach Ostin hinter einem kleinen Waldstück am Eckerbach liegt, weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Zu Unrecht, findet der Haushamer Hans Pawlovsky. Der Vorsitzende des SPD-Arbeitskreises für Arbeitnehmerfragen (AfA) und steter Kämpfer gegen rechte Tendenzen im Oberland will die Geschichte des Rohrauerhauses aus dem Schatten der Vergessenheit holen – vor allem das dunkelste Kapitel: Von 1942 bis 1945 befand sich in Vorder- und Hintereckart eine Außenstelle des KZ Dachau.

Bereits im Herbst vergangenen Jahres wandte sich Pawlovsky deshalb mit einem Vorschlag an Bürgermeister Jens Zangenfeind und die Gemeinderäte. Man möge auf öffentlichem Grund eine Informationstafel aufstellen, um ein Signal gegen den zunehmenden Rechtsextremismus zu setzen und zugleich über die äußerst wechselhafte Historie des Rohrauerhauses aufzuklären.

Die beginnt mit einem Bauernhof. 1924 kauften die Naturfreunde Südbayern das landwirtschaftliche Anwesen Vordereckart, bauten dieses zu einem Unterkunftshaus aus und tauften es auf den Namen eines seiner Gründerväter: Rohrauerhaus. Nur sieben Jahre später verboten die Nazis den Verein und den Betrieb des Hauses. Nach mehreren Eigentümerwechseln richtete 1935 ein Polizeioberwachtmeister dort eine Gastwirtschaft ein und verpachtete den Komplex an die SS, die hier ein Kameradschaftsheim eröffnete. Das benachbarte Haus in Hintereckart kaufte 1936 ein Diplomlandwirt. Nachdem er im Krieg gefallen war, verpachtete es seine Frau an die Deutsche Versuchsanstalt für Verpflegung und Ernährung unter der Leitung eines zivilen Verwalters.

Am meisten erwähnenswert ist für Pawlovsky aber, dass während des Zweiten Weltkriegs männliche KZ-Häftlinge aus Dachau als Zwangsarbeiter am Rohrauerhaus eingesetzt wurden. Ende 1944 begannen diese gar mit dem Bau eines Luftschutzbunkers in Vordereckart. In Hintereckart lebten und arbeiteten zehn Häftlingsfrauen.

Nach Kriegsende lebten heimatlose Kinder im Rohrauerhaus, 1965/66 wurde es durch einen Neubau ersetzt und an die Stadt München verkauft. Seit 2013 ist es in Privatbesitz. Laut Bürgermeister Jens Zangenfeind vermietet der Eigentümer die Zimmer an Arbeiter, die nur für einige Wochen in Hausham im Einsatz sind, beispielsweise im Straßenbau. Wegen dieser Tatsache reagiert der Bürgermeister auch skeptisch auf Pawlovskys Vorschlag einer Infotafel.

„Was würden Arbeiter aus Polen oder anderen Ländern empfinden, wenn sie darauf hingewiesen werden, dass sie in einem ehemaligen Zwangsarbeiterheim aus der NS-Zeit wohnen sollen?“, fragt Zangenfeind. Für ihn eine eher makabre Vorstellung. Selbstverständlich sei es Aufgabe der Gemeinde Hausham, auch an die dunklen Kapitel ihrer Geschichte zu erinnern. Dies müsse aber pietätvoll und der jeweiligen Situation angebracht erfolgen. So liege das Rohrauerhaus keinesfalls an einer viel besuchten Stelle im Ort, sodass eine Infotafel außer den Bewohnern kaum jemand lesen würde. Zangenfeind denkt deshalb über Alternativen nach, beispielsweise über eine historische Aufarbeitung im Gemeindeblatt.

Wichtig ist dem Rathauschef vor allem, das Thema zuerst mit dem Gemeinderat zu besprechen und Ideen zu sammeln. Dies sei bislang nicht erfolgt, räumt Zangenfeind ein. Er begründet dies mit der Maßgabe, wegen Corona vorerst nur zeitlich dringliche Punkte in den Sitzungen zu behandeln. „Wir werden uns der Sache aber so bald wie möglich annehmen.“ Darauf hofft auch Pawlovsky, denn für ihn besteht auch beim Rohrauerhaus ein gewisser Zeitdruck. „Über dessen Geschichte wurde viel zu lange geschwiegen.“

sg

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