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Wachsen, um wirtschaftlich gesund zu bleiben: Das kommunale Krankenhaus Agatharied will mit mehr Fallzahlen die steigenden Kosten decken. Dazu gehören auch mehr Pflegekräfte.

Immer mehr Patienten, immer weniger Personal

Schwere Vorwürfe gegen Krankenhaus Agatharied

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Teile der Belegschaft attestieren dem Krankenhaus Agatharied einen besorgniserregenden Zustand: Während die Auslastung der Klinik kontinuierlich ausgebaut werde, spare man an Mitarbeitern.

Agatharied - Das Krankenhaus Agatharied hat einen guten Ruf. Das hat einen Grund: In den vergangenen Jahren hat sich die Klinik strategisch immer besser positioniert. Das Erfolgsrezept: wohnortnah ein breites medizinisches Spektrum bieten. So kamen Onkologie, Neurologie und Orthopädie hinzu, und auch bestehende Bereiche wie die Geburtshilfe legten zu. 2016 wurde erstmals die 1000-Geburten-Marke geknackt.

Doch es soll Risse in der Fassade geben. Wie aus zwei anonymen Briefen an unsere Redaktion hervorgeht, soll den Pflegekräften die Luft ausgehen. Chronisch unterbesetzt sei man, heißt es im ersten Schreiben. Während Geschäftsführer Michael Kelbel ständig verkünde, „was er alles neues Tolles vorhat“, falle kein Wort darüber, wo er die Pflegekräfte dafür herholen wolle. Die weiteren Vorwürfe klingen beunruhigend, wurden so aber auch schon von der Klinikleitung beschrieben: OP-Bereich und Intensivstation seien zu klein, Stationen überbelegt, Flur- und Badbetten keine Seltenheit. Zudem – so behauptet der anonyme Schreiber – solle Angst vor Abmahnungen und außerordentlichen Kündigungen herrschen. Im zweiten Brief, der laut Kelbel offenbar auf zwei erfolgte außerordentliche Kündigungen abziele, ist sogar von Mobbing gegen unliebsame Mitarbeiter die Rede.

Für Kelbel sind beide Briefe ein Affront und eine Enttäuschung. „Nichts davon entspricht den Tatsachen“, versichert der Geschäftsführer gegenüber unserer Zeitung. „Es widerspricht dem, wie ich ticke.“ Seit er das Haus leite – seit Mitte 2012 –, sei der Bestand des Pflegepersonals ausgebaut worden. Das belegt Kelbel mit Zahlen: Wies der Stellenplan 2011 noch 141,7 Vollstellen bei Normal- und Intensivstationen auf, sind es aktuell 242,7 Stellen. Den größten Sprung gab es von 2012 auf 2013: Damals kletterte die Zahl von 157,6 auf 198,3.

Das liegt nicht zuletzt auch an den steigenden Fallzahlen. Wurden 2011 insgesamt 16.199 Fälle registriert, waren es 2016 exakt 19.274. Für das laufende Jahr geht man von 19.554 Fällen aus. Dennoch, betont Kelbel, habe man es geschafft, die Überstunden über die Jahre zu senken – von 16.952 im Jahr 2014 auf 9691 im vergangenen Jahr. Und auch die Fälle pro Vollstelle seien weniger geworden: Musste eine Planstelle 2011 noch 114 Fälle übernehmen, waren 2015 nur noch 80 Fälle. 2016 folgte ein leichter Anstieg auf 84, für 2017 sind 81 geplant.

Auch Benjamin Bartholdt, Leiter Unternehmensplanung und -steuerung, widerspricht den Vorwürfen: „Wir haben viele Stellen in der Pflege aufgebaut und auch besetzt.“ Darüber hinaus bilde man mehr Kräfte aus und biete auch interne Fortbildungen an. Und die Maßnahme, sich aufgrund der jüngsten Noro-Virus-Welle am Krankenhaus nur noch auf die Notfälle zu konzentrieren, wäre laut Kelbel kein Thema gewesen, wenn es nur um Gewinne gehen würde.

Dennoch: Die Wirtschaftlichkeit spielt eine zentrale Rolle bei Krankenhäusern. Das Problem erklärt der Geschäftsführer mit den Steigerungen der Personalkosten: Während der Landesbasisfallwert – die allgemeine Orientierungsgröße für die Kostenentwicklung – von 2016 auf 2017 um 1,16 Prozent zunahm, stiegen die Personalkosten für Pflegekräfte nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Diensts um 3,5 Prozent und bei den Ärzten um 2,2 Prozent. Für die Klinik Agatharied bedeute diese Diskrepanz Mehrkosten in Höhe von 1,25 Millionen Euro. So gehe es schon seit Jahren.

Um weiter schwarze Zahlen – oder als Kommunalunternehmen zumindest eine schwarze Null – schreiben zu können, setzt Kelbel auf Wachstum: Je mehr Fälle, desto kleiner wird der Fixkostenanteil pro Fall. Dass mit mehr Arbeit auch das Pflegepersonal mehr werden muss, verstehe sich dabei von selbst. „Sonst fahren wir unser Ergebnis runter.“ 2011 habe die Klinik noch 4,5 Millionen Euro Plus gemacht, aktuell sei es die schwarze Null. Kelbel: „Das Geld ging in die Pflege.“

Noch sei das Wachstum nicht abgeschlossen. Im Oktober kommen zwei neue Operationssäle hinzu, und auch die Intensivkapazitäten werden ausgebaut – alles mit dem Ziel, eine qualitativ hochwertige Versorgung wohnortnah zu gewährleisten. Dazu gehören laut Kelbel die Notfallversorgung, aber auch die wählbaren Eingriffe. Zuletzt wurden Onkologie, Neurologie und Orthopädie aufgebaut. Eine geriatrische Rehabilitationseinheit soll ebenfalls folgen – auch wenn damit kein Geld zu verdienen sei, wie Kelbel anmerkt.

Wie die Entwicklungspläne aussehen und dass weitere Pflegekräfte kommen werden, will der Geschäftsführer nun auch verstärkt intern kommunizieren. Ob das den anonymen Schreiber reiche, bezweifelt er.

Wieder Normalbetrieb

Am Krankenhaus Agatharied herrscht nach der Noro-Virus-Welle, die auch mehrere Ärzte und Pflegekräfte erwischt hatte, wieder Normalbetrieb. Alle OPs finden wie geplant statt – Termine werden wieder zeitnah vergeben.

ddy

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