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Optisch mitspielen im Konzert der Könner durfte Merkur-Redakteur Sebastian Grauvogl. Gehört hat man leider nichts.

Zum 50-jährigen Jubiläum der Agatharieder Schnalzer-Gruppe

Im Selbstversuch: Das Geheimnis Goaßlschnalzen

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Agatharied - Die Peitsche schwingen bis es kracht: Goaßlschnalzen kann ja nicht so schwer sein. Haben wir uns auch gedacht - bis wir es selbst ausprobiert haben.

Ein schüchternes „Flapp“. Das ist alles, was ich meiner Goaßl entlocken kann. Ein kaum hörbares Kratzen an der für mich unüberwindbaren Überschallmauer. Was gestandene Goaßlschnalzer als peinlichen Ausrutscher bezeichnen würden, ist für mich der Silberstreif am Horizont. Der Lichtblick, der mich für das schmerzhafte Ziehen im Unterarm und die pochende Mittelfingerwurzel entschädigt. Jetzt will ich mehr. „Nicht mit Gewalt“, sagt Karl Weber. Genau davor hat mich der Vorschnalzer der Agatharieder Goaßlschnalzer nämlich zuvor gewarnt. Zu spät. Ich reiße zu fest. Der Strick schnellt nach vorne, vollführt eine unkontrollierte Pirouette unter den weiß-blauen Stoffbändern im Haushamer Volksfestzelt – und stürzt ab wie ein schlecht gefalteter Papierflieger.

Starke Truppe: Jede Woche treffen sich die Agatharieder Goaßlschnalzer zum Training. Ihr 50-jähriges Jubiläum feiern sie heute Abend mit 13 weiteren Gruppen auf dem Haushamer Volksfest.

Dass ich beim Training für das 50-jährige Jubiläum überhaupt mitmachen darf, hab ich der Gutmütigkeit der Agatharieder „Schnoiza“ zu verdanken. Normalerweise, meint Michael Reichlmayr, hätten sie mich in meinem Aufzug nämlich gleich wieder heimgeschickt. Trachtenhemd und Jeans: „Des gäht gar ned“, sagt Reichlmayr. Für mich macht er eine Ausnahme – wenn ich die Ärmel hochkremple. „Mist“, denke ich und stelle mir vor, wie mir der Strick bei meinen erbärmlichen Anfänger-Versuchen den Unterarm aufschlitzt. Ein Blick auf Reichlmayrs Schnittwunde scheint mich zu bestätigen. „Das war die Flex“, sagt er. Wie beruhigend.

Nahaufnahme: Karl Weber (r.) erklärt Sebastian Grauvogl den Aufbau einer Goaßl.

Wobei: Im Ruhezustand schaut so eine Goaßl gar nicht so gefährlich aus. Webers Exemplar ist ein circa 1,20 Meter langer Stab aus Fiberglas, ummantelt von einer Kunststoffschicht. Die Profis feilen diese manchmal an bestimmten Stellen ab, um die Biegsamkeit anzupassen. „Das ist das Feintuning“, sagt Weber schmunzelnd. Um den Griff hat er ein Lederband gewickelt. Schwitzende Hände sind beim Schnalzen an der Tagesordnung. An der Spitze der Goaßl ist der Strick festgeknotet, der wiederum in den sogenannten „Schmitz“ übergeht. Eine 1,7 Millimeter dünne und am unteren Ende ausgefranste Schnur. Die letzten zwei Zentimeter sind entscheidend. „Da entsteht der Überschallknall“, erklärt Weber. Natürlich nur, wenn der Schnalzer die Goaßl richtig bewegt.

Wie das geht, zeigt mir Weber in der „Trockenübung“. Die Goaßl fest am Griff packen, das Handgelenk aufrecht, den Arm leicht angewinkelt – und dann eine „liegende Acht“ in die Luft zeichnen. Weber führt mich, damit ich besser in die fließende Bewegung komme. Ohne die schnalzt es nämlich maximal einmal, meint er. „Dann gibt’s a Watschn vom Strick.“ Alles klar, und irgendwie auch gar nicht so schwer. Aber was muss ich eigentlich genau machen, damit es richtig schnalzt? Das könne er gar nicht so leicht erklären, meint der Experte. Eigentlich müsse man das spüren. Er versucht es trotzdem. Immer wenn der Strick am äußeren Ende der „Acht“ angekommen ist, müsse ich ihn zurückziehen. Dann mache der Schmitz eine zackige Kurve – und „Peng“.

Was mir nicht ein einziges Mal gelingt, schaffen die Agatharieder im Takt von Walzer oder Marsch – drei bis fünf Minuten ohne Pause. Wer ein bisschen musikalisch ist, erklärt Weber, der schnalzt sogar blind. „Spur 14“ ruft einer der drei Musikanten von der Bühne. Eine Polka. Die Schnalzer haben sich in zwei gegenüberliegenden Reihen auf den Biertischen aufgestellt – mit mindestens drei Meter Sicherheitsabstand nach allen Seiten. Was dann kommt, lässt meinen Versuch an der Goaßl zu einem lächerlichen Herumfuchteln verkümmern. Es kracht, dass ich mein Trommelfell spüren kann. Zuerst von rechts, dann von links, dann im ganzen Zelt. Zur Auflockerung streuen die Schnalzer die sogenannten Triangeln ein. Aus einem „dam-dam-dam“ wird ein „da-da-da-dam“. Ach ja, Sechzehntel beherrschen sie auch noch. All das hört sich nicht wie ein wildes Maschinengewehrfeuer an, sondern wie ein perfekt abgestimmtes Orchester.

Optisch mitspielen im Konzert der Könner durfte Merkur-Redakteur Sebastian Grauvogl. Gehört hat man leider nichts.

„Mogst mitschnoizn?“, schreit Weber von seinem Biertisch herunter. Der Schweiß läuft ihm übers Gesicht. Ich versuche, seine Worte nicht als Mitleid zu interpretieren und klettere auf die Bank. Die freie Hand stecke ich wie die Profis in die Hosentasche. Schaut besser fürs Foto aus. Dann zeichne ich wieder meine liegende Acht. Diesmal reicht’s nicht mal mehr fürs „Flapp“.  Sei’s drum: Die Akustik überlasse ich ohnehin lieber den echten Schnalzern.

Die Jubiläumsfeier

zum 50-jährigen Bestehen der Agatharieder Goaßlschnalzer steigt am Freitag, 8. Juli, um 19.30 Uhr im Zelt auf dem Haushamer Volksfest. Nicht nur die Gastgeber lassen es krachen, sondern auch noch 13 weitere Gruppen, die die Agatharieder eingeladen haben. Und hier gibt's das Programm vom Volksfest.

sg

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