Bereit für die virtuelle Diagnose: Dr. Christiane Weck und Prof. Dr. Stefan Lorenzl freuen sich über den gelungenen Start des neuen telemedizinischen Projekts am Krankenhaus Agatharied.
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Bereit für die virtuelle Diagnose: Dr. Christiane Weck und Prof. Dr. Stefan Lorenzl freuen sich über den gelungenen Start des neuen telemedizinischen Projekts am Krankenhaus Agatharied.

Neues Projekt in der Neurologie

Telemedizin: Krankenhaus Agatharied berät Palliativteams in ganz Bayern

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Die Telemedizin im Krankenhaus Agatharied nimmt weiter Fahrt auf. Jetzt kommt die neue Technik auch in der Neuorologie und Palliativmedizin zum Einsatz.

Agatharied – Ob Schule, Arbeit oder Fitness: Durch die Corona-Krise hat die Digitalisierung in vielen Lebensbereich richtig Fahrt aufgenommen. Auch das Krankenhaus Agatharied setzt auf die moderne Technik und hat nun das Projekt „Telemedizinische Antworten auf Neuropalliative Nachfragen in Echtzeit“ – kurz TANNE – ausgerollt. Eine neue Versorgungsform, bei der die Experten des Krankenhauses mittels Videoübertragung mobile Palliativteams in ganz Bayern per virtuellem Besuch am Patientenbett unterstützen können. Wie die Beratungen ablaufen und wo die Herausforderungen liegen, erklären Oberärztin Dr. Christiane Weck und Chefarzt Prof. Stefan Lorenzl von der Abteilung Neurologie und Palliativmedizin im Interview.

Herr Professor Lorenzl, Frau Dr. Weck, Ihr telemedizinisches Projekt passt perfekt in den derzeitigen Trend zur Digitalisierung. Ist es tatsächlich eine Reaktion auf die Pandemie?

Weck: Nein. Die Idee ist bereits 2016 entstanden, also weit vor Corona. Schon damals ging es uns darum, Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Demenz, Parkinson oder Multipler Sklerose zu Hause oder im Pflegeheim besser versorgen zu können. Mittlerweile sind wir unserem Ziel, ambulante Palliativteams und Hospize in ganz Bayern durch unsere Expertise zu unterstützen, einen großen Schritt näher gekommen.

Haben die denn nicht Angst, dass sie durch den Videodoktor auf dem Tablet quasi ersetzt werden?

Weck: Ganz und gar nicht. Die Akzeptanz ist sehr groß. Bei den Teams, aber auch bei den Patienten. Sogar die Angehörigen schauen oft interessiert zu.

Lorenzl: Ohne die Ärzte oder Pfleger vor Ort würde TANNE auch gar nicht funktionieren. Sie kennen den Patienten, erleben ihn vor Ort und erleichtern uns die Ferndiagnose. Und sie sind es auch, die am Ende die Behandlung durchführen. Wir hier in Agatharied sehen uns als Berater, die durch ihre fachlichen Erfahrungen helfen können, bei auf den ersten Blick diffusen Symptombildern eine Einschätzung zu treffen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Lorenzl: Nehmen wir an, ein Patient bekommt zu wenig Luft. In der Onkologie würde man beispielsweise Metastasen in der Lunge als Ursache vermuten. In der Neurologie ist das deutlich komplexer. Hier könnten etwa auch Fehlfunktionen im Gehirn dafür verantwortlich sein. Diese lassen sich unter anderem an Störungen des Atemmusters erkennen. Über eine Echtzeit-Diagnose per Live-Videoübertragung können wir das direkt am Patienten erkennen. Über ein Arztgespräch am Telefon wäre das hingegen nur sehr eingeschränkt, aufwendig und vielleicht sogar fehlerbehaftet möglich.

Stichwort Fehler: Wer trägt eigentlich die Verantwortung für die Diagnose und Therapie in der Telemedizin?

Weck: Die liegt bei uns. Das setzt natürlich einiges an Erfahrung voraus. Darum führen aktuell nur Prof. Lorenzl und ich die Beratungen durch. Trotzdem versuchen wir, dass wir rund um die Uhr die ganze Woche über erreichbar sind. Wenn sich das Projekt etabliert hat, wollen wir den dafür einsetzbaren Personenkreis im Krankenhaus noch ausweiten.

Lorenzl: Gleichzeitig hoffen wir aber auch, dass sich bei den Teams vor Ort eine gewisse Lernkurve ergibt. So geben wir unsere Expertise weiter und bauen Wissen und Vertrauen auf. Wir hätten also nichts dagegen, wenn wir uns zu einem gewissen Teil überflüssig machen (lacht).

Und damit auch die Fachärzte und Kliniken in der näheren Umgebung der Patienten?

Lorenzl: Nein. Ziel ist vielmehr eine Entlastung der Strukturen vor Ort – und natürlich der Patienten. Gerade für schwer kranke Menschen und auch für ihre Angehörigen ist es oft viel besser, wenn sie nicht in ein möglicherweise weit entferntes Krankenhaus müssen, sondern in ihrem gewohnten häuslichen Umfeld bleiben können. Dank TANNE kommt die neurologische Kompetenz von Agatharied zu ihnen ins Schlaf- oder Wohnzimmer. Egal, ob sie 30 oder 200 Kilometer entfernt leben.

Können Sie schon sagen, wann das Angebot flächendeckend in Bayern zur Verfügung steht?

Weck: Nach der erfolgreichen Pilotphase starten wir im April eine klinische Studie, in der TANNE zwei Jahre lang intensiv beforscht wird. Durch die wissenschaftliche Begleitung sammeln wir die benötigten Daten, um das Projekt in die Regelversorgung überführen und damit allen Patienten dauerhaft zugänglich machen zu können.

sg

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