Die Geschichte als große Chance: Der Förderturm soll Teil eines neuen Zentrums in Hausham werden. Foto: Archiv TP

Wie sich Hausham entwickeln will

Vom Kumpel zum Hipster

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Der Förderturm ist zweifellos das Wahrzeichen von Hausham. Dies will die Gemeinde nutzen, um sich ein neues Image zu verschaffen.

Hausham – Junge Fußballer, die stolz das Symbol von Schlägel und Eisen auf ihren Käppis tragen. Schulkinder, die mit großen Augen das Bergbaumuseum erkunden. Und ein 48-jähriger Bürgermeister, der seine Ansprachen mit einem überzeugten „Glück Auf“ abschließt. Es sind kleine Zeichen, die zeigen, dass der Bergbau in Hausham auch fast 54 Jahre nach dem Ende der Kohlegewinnung noch fest in den Köpfen der Bürger verankert ist. Doch die Herausforderung, das Erbe nicht nur aus Verpflichtung gegenüber der Historie heraus zu pflegen, sondern es in das alltägliche Leben einer Generation zu integrieren, die die Stollengeschichten nur noch von ihren Großvätern erzählt bekommen hat, ist so hoch wie der Förderturm, der die Gemeinde überragt – mindestens.

Ruhrgebiet als Vorbild für Hausham?

Es ist eine Aufgabe, mit der Hausham nicht allein ist. Viele ehemalige Industrieorte stehen vor der Frage, wie sie sich ein neues Image geben können, ohne sich ganz von der Tradition zu verabschieden. Vom Kumpel zum Hipster: Kann das gelingen? Kann es. Das zeigen zumindest etliche Beispiele aus dem Ruhrgebiet, wo frühere Industrieanlagen, vor allem aus dem Bergbau, heute Teil eines städteübergreifenden Kultur- und Tourismus-Marketings geworden sind. Höhepunkt ist die alljährliche „Extraschicht“ – eine ganze Nacht im Zeichen der Industriekultur mit unzähligen Besuchern aus Nah und Fern.

Auch Hausham hat einen zentralen Anker: den Förderturm. Seit der Schließung des Bergwerks wacht der Betonriese wie ein stummer Zeuge über den früheren Klenzeschacht. Ein Mahnmal, eines der prägendsten Kapitel der Haushamer Geschichte nicht zu vergessen. Den Schlierseer Architekten Johannes Wegmann lässt es seit 30 Jahren nicht mehr los. Während seines Studiums in der Schweiz entdeckte er den Turm in einem italienischen Buch über Industriekultur. Seit Anfang der 1990er-Jahre engagiert sich Wegmann ehrenamtlich für den 1935 gebauten Riesen, initiierte unter anderem die nächtliche Beleuchtung mit und den Schriftzug mit den Jahreszahlen des Bergwerks (1860-1966). „Ich habe da viel Kraft reingegossen“, sagt der Architekt.

Und doch floss das alltägliche Leben weitgehend am Förderturm vorbei. Fast hätte es ihn sogar unterspült: 2004 stand ein Abriss im Raum, weil der damalige Eigentümer das Gelände so leichter hätte vermarkten können. „Der Turm stört“, ließ ein Immobilienmakler verlauten.

Förderturm als Anker

Doch das Bauwerk erwies sich als standhaft – und erhielt eine neue Rolle. Nicht nur Wegmann und der Interessenkreis Bergbaumuseum, sondern auch Bürgermeister Zangenfeind und die Gemeinderäte sehen ein enormes Potenzial in den bröckelnden Wänden. Der Förderturm könnte Dreh- und Angelpunkt eines neuen Kulturzentrums in Hausham werden. Mit Gewerbe, Gastronomie, Veranstaltungsräumen – und natürlich dem Bergbaumuseum, das durch den bevorstehenden Abriss des alten Rathauses eine neue Bleibe sucht. Mittlerweile ist sogar noch die Einbeziehung der früheren Maschinenhalle angedacht.

Das Problem: Förderturm, Schacht- und Maschinenhalle befinden sich in Privatbesitz, müssten also erst von der Gemeinde gekauft werden. Hinzu kämen Kosten in Millionenhöhe für Sanierung und Umbau. Ein erstes Finanzierungskonzept wird derzeit von einem Fachbüro erarbeitet. Der Interessenkreis Bergbaumuseum könnte sich auch die Gründung einer Stiftung vorstellen. „Es gibt viele wohlhabende Bürger, die ihr Geld gern für so einen Zweck geben würden“ , weiß Mitglied Wolfgang Bloch.

Bürger von Hausham sehen viel Potenzial

Das zeigt auch die Auswertung einer Umfrage, die das mit der Erstellung eines integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzepts für Hausham beauftragte Stadtplanungsbüro Dragomir aus München durchgeführt hat. „Kultur- und Wohnungsgebiet – ich würde sogar darin investieren“, haben einheimische Teilnehmer für das Gebiet um den Förderturm vermerkt. Einige sehen hier eine Art neues Zentrum für Hausham, das sie sonst im Ort noch vermissen.

Gleich vier Mal taucht das Thema Bergbau in der Kategorie Freizeit und Kultur auf. Von einem Alleinstellungsmerkmal ist hier genauso die Rede wie von einer Belebung mit Wohnungen, einem Café und Kultur. Ein weiterer Beitrag spricht von einem „absolut ungenutzten Potenzial“. „Bergwerk-Stolz, keine Scham“, sollte künftig die Devise lauten.

Der Förderturm Hausham - eine Marke mit Strahlkraft

Doch wie lässt sich der Wandel gestalten, ohne den Bergmannskittel für immer in den Schrank zu legen? Indem man die Chancen der Geschichte nutzt, sagt Wegmann, der die ersten Entwürfe für das Areal angefertigt hat. Ein so herausragendes Industriedenkmal in einer Region, die sonst in erster Linie mit sakralen und bäuerlichen Bauwerken aufwartet, könne durch seine Einzigartigkeit zu einer Marke werden, die weit über Hausham hinaus strahlt. Wegmanns Vision: ein Industriepark als „coole Stätte zum Arbeiten, Erleben und Feiern“, an den sich andere Firmen andocken können. Interessenten dafür gebe es bereits, bekräftigt der Architekt.

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Um den Wandel erfolgreich zu gestalten, müsse es der Gemeinde gelingen, die Vision bei allen Beteiligten zu wecken, betont Wegmann. Dann könnte etwas richtig Großes entstehen, wie etwa im Industriedenkmal Zeche Zollverein in Essen, das mittlerweile zum Unesco-Welterbe zählt. Ein gutes Vorbild, findet Wegmann – mit großem Hausham-Bezug. Denn das dortige Bergwerksareal haben Fritz Schupp und Martin Kremmer geschaffen – und das waren immerhin die Architekten des Haushamer Förderturms.

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