+
Eingeschneit bis übers Fenster: Martina Schmotz’ Haus am Huberspitz. 

Brotlieferung aus der Luft erhalten

Während des Schneechaos im Januar: Zehn Tage abgeschnitten am Huberspitz

  • schließen

Zehn Tage von der Außenwelt abgeschnitten: Angst hatten die Bewohner des Huberspitz in Hausham während des Schneechaos im Januar keine, erzählen können sie aber umso mehr.

Hausham – Auf Ski rutschte Martina Schmotz (66) zum Einkaufen vom Huberspitz aus ins Tal. Immer wieder zwängte sie sich an umgestürzten Bäumen vorbei. Schon da beschlich die Haushamerin ein ungutes Gefühl. Also füllte sie ihren Rucksack mit einer Extra-Portion Brot und Wurst, ehe sie sich auf den Rückweg zu ihrem einsamen Häuschen machte. Dass sie ihre nächste Brotlieferung aber aus der Luft erhalten sollte, ahnte Schmotz da noch nicht.

Auch Peter Kirchberger kann sich an den Moment erinnern, an dem er spürte, dass dieser Schnee selbst für wintererprobte Huberspitz-Bewohner außergewöhnlich ist. Besser gesagt bekam es erst die Technik zu spüren. Als sein 5,5 Tonnen schwerer Radlader angesichts der weißen Massen in die Knie ging, wusste der Betreiber des Almbads Huberspitz, dass er das tun muss, was kein Wirt gerne tut: seinen Gästen absagen. Schweren Herzens griff Kirchberger zum Telefon und sagte Geburtstage und Firmenfeiern ab.

In etwa zur gleichen Zeit wurde am Miesbacher Landratsamt der Katastrophenfall ausgerufen. Während die Menschen im Tal über den Stillstand von Bus und Bahn ächzten und die Schüler in die Zwangsferien geschickt wurden, kämpfte der Haushamer Bauhof um den Fahrweg hoch zum Huberspitz. Bis zur Abzweigung der Gindelalmstraße habe es die Fräse geschafft, berichtet Schmotz. Dann ging wegen der umgestürzten Bäume nichts mehr. Der Huberspitz war quasi abgeschnitten.

Zuerst machte sich die 66-Jährige keine Sorgen. Da sie Schafe hält und auch sonst vieles auf Vorrat einkauft, war ihre Versorgung gesichert. Dank eines Holzofens hatte sie es warm und konnte kochen. Das erwies sich vor allem dann als wichtig, als plötzlich der Strom weg war – und damit auch der Handy-Empfang. Denn der Mobilfunkmast steht am Huberspitz, erklärt Schmotz. Dies sollte sich aber auch wieder als Glück erweisen. Weil nämlich auch die Einsatzkräfte ihren Behördenfunk über den Sender abwickeln, sei die Stromversorgung schnell repariert worden.

Per Helikopter schwebten die Techniker ein – und brachten Schmotz gleich noch Brot mit, wie diese schmunzelnd erzählt. Sie habe ihnen dafür einen Pfad durch den hüfttiefen Schnee geschaufelt. Doch auch während des Netzausfalls wusste sich die 66-Jährige zu helfen. Sie steckte einfach ihr altes Tastentelefon wieder an. „Das hat funktioniert.“ Täglich habe sich jemand vom Bauhof oder aus dem Rathaus nach ihrem Wohlbefinden erkundigt, schwärmt Schmotz dankbar. Sogar Vogelfutter habe man ihr vorbeigebracht und auch beim Freischaufeln ihrer Wildfütterungsstelle sei sie nicht allein gelassen worden. „Wirklich toll“, sagt Schmotz.

Dankbar ist auch Kirchberger – und zwar seinen beiden eingeschlossenen Mitarbeitern, die tapfer die Stellung im Almbad gehalten haben. Stundenlang schaufelten sie Schnee, weil der Fräse nach ein paar Stunden der Sprit ausgegangen sei, erzählt Kirchberger. Immerhin hätten sie die schmerzenden Muskeln in der hauseigenen Sauna erholen können.

Die von der Bergwacht angebotene Evakuierung hätten die beiden Mitarbeiter – ein Mann und eine Frau – letztlich sogar ausgeschlagen. „Sie haben sich wohlgefühlt so ganz alleine da oben“, sagt Kirchberger. Abenteuer Huberspitz, sozusagen. Dank des Gastronomie-Betriebs seien die Essens- und Getränkevorräte nicht erschöpft. „Das Bier hätte bis Mai gereicht“, erzählt Kirchberger und fügt schmunzelnd hinzu: „Nur das Klopapier wäre knapp geworden.“

Dass es so weit nicht gekommen ist, haben die Huberspitz-Bewohner den Einsatzkräften von Technischem Hilfswerk (THW) und Bauhof zu verdanken. Die schafften es nach zehn Tagen, die Zufahrt wieder frei zu bekommen. Nicht nur ihnen wird diese Zeit noch lange in Erinnerung bleiben. Auch Schmotz, die seit 20 Jahren am Huberspitz wohnt, ist überzeugt: „So etwas habe ich hier oben noch nie erlebt.“ Ins Tal ziehen will sie trotzdem nicht.

sg

Lesen Sie auch:

Starke Truppe gegen die Schneemassen: Bürgermeister zieht Bilanz nach Katastrophenfall

Nach Katastrophenfall: Ein Dankeschön für die Männer in Orange 

Für guten Zweck: Haushamer Bergwachtlerinnen ziehen sich aus

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Keine Kompromisse für die Kirche
Die Kirchenstiftung Miesbach wird sich für ihr geplantes neues Pfarrheim etwas einfallen lassen müssen. Nach dem Bauausschuss hat nun auch der Stadtrat sein Ja zu dem …
Keine Kompromisse für die Kirche
LfU fordert Verbote – sofort
Wer glaubt, in Sachen Wasserschutzzone Reisach-Thalham-Gotzing herrsche nach dem politischen Schlagabtausch erst mal Funkstille, sieht sich getäuscht. Auf Behörden-Ebene …
LfU fordert Verbote – sofort
Mit Malerbürste und Stirnlupe: Über eine Meisterin der Kirchenmalerei
Bettina von Boch braucht in ihrem Beruf nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern auch Bewegungsfreude, Kraft und Geduld. Die Kirchenmalerin aus Miesbach gibt einen …
Mit Malerbürste und Stirnlupe: Über eine Meisterin der Kirchenmalerei
Häuserzeile an der Perfallstraße: Wiederholt ersetzt das Landratsamt Entscheidungen von Schlierseer Gremien
Dem Schlierseer Gemeinderat schwillt der Kamm: Zum wiederholten Mal ersetzt das Landratsamt Entscheidungen an der Perfallstraße von Schlierseer Gremien. 
Häuserzeile an der Perfallstraße: Wiederholt ersetzt das Landratsamt Entscheidungen von Schlierseer Gremien

Kommentare