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Vom Kirchbichl bis zum Himalaya: Gedichte aus 30 Jahren hat Heinz Dießl in seinem Buch zusammengefasst. 

Neuerscheinung 

Die Heimat in Reimform

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Schliersee - Die Faszination des Augenblicks fesselt Heinz Dießl immer wieder aufs Neue. Dann greift der Schlierseer zu Stift und Block. Seine Gedichte hat er jetzt in einem Buch zusammengefasst.

Die Reim-Maschine springt an, wenn Heinz Dießl seinen Kopf frei hat. Mal beim Joggen um den Schliersee, mal beim Wandern in den hiesigen Bergen und manchmal auch beim Trekking in Nepal. In diesen Momenten formen sich die Verserl fast von alleine vor seinen Augen. Über die Jahre sind einige Mappen mit Gedichten zusammengekommen. In seinem Buch „Eigfoin und niedagschriem“ hat der 60-Jährige jetzt seine schönsten Reime zusammengefasst – obwohl er eigentlich nie ein Buch schreiben wollte.

Angefangen hat alles, als Dießl 18 Jahre alt war. Damals arbeitete er für die Deutsche Bahn im Schlierseer Bahnhof. Erst am Fahrkartenschalter, später als Fahrdienstleiter. Schon als junger Mann schrieb er gerne ein paar Verserl auf, die er bei Nikolaus- und Geburtstagsfeiern vortrug. „Das hat sich schnell rumgesprochen“, erzählt der Schlierseer. Ehe er sich versah, reimte er für eine Weihnachtsfeier mit mehr als 100 Leuten.

Trotzdem – und das ist Dießl wichtig – machte er sich nie viel aus großen Auftritten. Er dichtet, weil es ihm Spaß macht. Und so mussten seine Freunde auch einiges an Überredungskunst aufwenden, um den Schlierseer von der Veröffentlichung eines Buchs zu überzeugen. Den Ausschlag gab letztlich eine Operation, die Dießl eine sieben Wochen lange Auszeit bescherte. „Da hab ich mich hingesetzt und meine Notizen zusammengetragen“, sagt er. Da gab es viel zu tun: Gedichte aus 30 Jahren – die meisten davon in Mundart – haben Eingang in „Eigfoin und niedagschriem“ gefunden. 200 Exemplare hat Dießl bislang drucken lassen.

Die meisten Verserl fallen ihm ein, wenn er draußen unterwegs ist. „Am Schreibtisch sitze ich ja viel genug“, sagt der Regierungsbeamte. Er sportelt gerne unter freiem Himmel, joggt fast täglich um seinen geliebten Schliersee. Nicht um Kilometer zu schinden, sondern um seine Heimat mit offenen Augen zu erleben. Oft hat er die Laufschuhe noch gar nicht ausgezogen, da hat er schon den ersten Absatz im Kopf. Mal kurz wie beim Vierzeiler „Hoamad“, mal länger wie bei der „Weinbergkatz“. Der Schatten eines Katzerls an der von der Abendsonne angeleuchteten Weinbergkirche hat Dießl dazu inspiriert.

Die zu seinen Gedichten passenden Fotos knipst er selbst, ein paar der Bilder in seinem Buch stammen aber auch von seinen Bergspezln Heiner Flieger und Jürgen Hönig. Selbst bei seinen Trekkingtouren in Nepal, Pakistan oder Argentinien hat Dießl immer Stift, Block und Kamera im Rucksack. Berührende Momente hat er dabei eingefangen. Zum Beispiel Fotos von Kindern, die nicht viel mehr haben als ihre Kleider am Körper – und trotzdem glücklich sind.

Es ist die Gastfreundschaft jener Menschen, die Dießl schwer beeindruckt hat. Einmal, erzählt er, habe ihn ein einheimischer Bergführer mit nach Hause genommen und zum Essen eingeladen – und das, obwohl er selbst gerade seine Familie ernähren konnte. „Da gehst du dann in deinen Schlafsack und denkst nach.“ Szenen wie diese haben den Schlierseer zu seinem Gedicht „Wohlstandseinheitsbrei“ inspiriert. „Dog fia Dog“, schreibt er in der ersten Strophe, „d’Leid hetzn, renna, a Staadhoitn gibt’s ned, weil’s des nimma kenna, im Wohlstandseinheitsbrei, der an Mensch bestimmt, eam as Menschsei nimmt.“

Er selbst nehme sich dabei nicht aus, betont Dießl. Der Widerspruch, tausende Euros für Trekking-Reisen zu bezahlen, und dann über das einfache Leben zu schreiben, sei ihm bewusst. „Aber diese Momente“, sagt er, „erkenne ich auch im Kleinen“. Er müsse nicht auf einem 7000er stehen, um zu solchen Einsichten zu gelangen. Die tiefe Zufriedenheit im Einklang mit der Natur findet Dießl auch am Kirchbichl.

Ob es die „Stoamandl“ sind, die ihm am Berg den Weg weisen, das „Herrgotts-gschenk“ von Krokussen unter einem Wegkreuz, oder der Ausblick von der Brecherspitz, der Dießl zum „Gipfelkreuzgedicht“ für den 2008 gestorbenen Pater Valentin Hertle aus Neuhaus angeregt hat: Es ist die Faszination des Augenblicks, die den Schlierseer zum Reimen bringt. „Moi dahoam und moi auswärts.“

„Eigfoin und niedagschriem – Gedichte vom Dießl Heinz aus Schliersee“ hat 80 Seiten und kostet 39 Euro. Es ist erhältlich bei der Slyrs-Destillerie in Neuhaus, in den Verkaufsräumen der Destillerie Lantenhammer in Hausham und Tegernsee, im Geschenkeladen Gerg in Schliersee sowie in den Pfarrbüros in Schliersee und Neuhaus.

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