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„Ein Werk von großem dokumentarischen Wert“: Verleger Carl Langheiter ist sehr angetan von Gisela Hennens neuem Buch, das ein einfühlsames Portrait Irschenbergs zur Zeit des Ersten Weltkriegs zeichnet.

Neues Buch über Irschenberg und den Ersten Weltkrieg

Die letzten Erinnerungen bewahren

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2018 jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Und dann? Diese Frage nahm Gisela Hennen aus Irschenberg zum Anlass, in ihrer Gemeinde auf Spurensuche zu gehen. Das Ergebnis ist eine Dokumentation, die nicht nur Schicksale beschreibt, sondern auch Einblicke in das Irschenberg von einst erlaubt.

Gisela Hennen hat Zeit. Und die braucht es, wenn man ein so ehrgeiziges Buchprojekt umsetzen will. Über zweieinhalb Jahre hinweg hat die 80-Jährige die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 auf die Gemeinde Irschenberg erforscht. Entstanden ist daraus ein Buch, das die Lebenssituationen und Schicksale von 282 Soldaten nachzeichnet.

Angefangen hat alles mit einem etwa 100 Jahre alten Holzkoffer, den Hennen vom Wirt in Loiderding, Alois Vogl, bekommen hatte – ein Fundstück vom Dachboden: Mitnehmen oder entsorgen, lauteten die Optionen für das alte Behältnis. Die ehemalige Leiterin der Realschule Bad Aibling nahm den Koffer samt Inhalt mit. Denn der hatte es der Deutsch- und Geschichtslehrerin angetan.

Darin befand sich der Lebenslauf eines Österreichers, der den Beginn des Ersten Weltkriegs in Sarajewo miterlebt hatte, sowie Zeitschriften der ehemaligen Wirtshaus-Vermieter, die aus Schlesien stammten. Wie passte das zusammen? Hennen entdeckte die Lösung: Die Frau der Vermieterfamilie war die Tochter des Österreichers. Doch mit der Lösung dieses Rätsels beschloss sie, die Zeit des Ersten Weltkriegs in ihrer Heimatgemeinde genauer zu beleuchten: „Ich sagte zu mir: Jetzt machst du wieder was.“

Denn „Die Irschenberger im 1. Weltkrieg“ ist nicht Hennens erstes Buch. Bereits 2009 erschien ihr Debüt „Die Irschenberger“, das aus Gesprächen im Arbeitskreis Geschichte hervorgegangen war und die Schul- und Gemeindehistorie beleuchtet. Ende 2013 folgte das Buch „Sich selber treu, sich selber fremd“ (750 Seiten, erschienen bei der Deutschen Literaturgesellschaft), in dem die gebürtige Bonnerin, die seit 40 Jahren in Irschenberg lebt, den Briefwechsel zwischen ihren Eltern während des Zweiten Weltkriegs thematisiert.

Um an genug Material zum Ersten Weltkrieg zu gelangen, startete sie gemeinsam mit der Gemeinde zwei Aufrufe. Der Zuspruch war sehr gut. Viele Familien aus Irschenberg, Frauenried, Reichersdorf und Niklasreuth meldeten sich und gewährten ihr Einsicht in die Hinterlassenschaft der Vorfahren – Briefe, Grußkarten, Unterlagen. Und im Gespräch mit vielen älteren Irschenbergern konnte Hennen nachfragen und Lücken schließen.

Zusätzlich griff sie auf die bayerischen Kriegsstammrollen aus dem Kriegsarchiv in München zurück, die mittlerweile online gegen Gebühr zugänglich sind. Beim Studium all dieser Dokumente erwies sich allerdings nicht die Sütterlin-Schrift als Erschwernis, sondern die verschiedenen Handschriften, Risse im Papier, Schmutz und Lücken. „Teilweise war es sehr schwer zu lesen“, sagt Hennen. Hinzu kamen Widersprüche bei den Daten. „Da ist als Geburtsdatum mal der 7., mal der 8. Juli genannt. Und aus Loiderding wird Lederding. Es wurde eben meist nach Gehör niedergeschrieben.“

Geordnet hat die Autorin, die immer noch mit Leidenschaft am Seniorenstudium an der Münchner Uni teilnimmt, die Information nach den Namen der Soldaten. Akribisch ergänzt um Teilnahme und bestimmten Gefechten und Schlachten, Auszeichnungen, Verwundungen und auch die Todesstunde. „Ich wollte diesen Männern in der Masse wieder ein Gesicht geben.“

Auch über die damalige Generation der Irschenberger hat sie einiges erfahren: „Das waren sicherlich keine Hurra-Patrioten. Es waren brave, Gott ergebene Menschen, die sich ihrem Schicksal gestellt haben.“ Kritik an den Zuständen habe es nicht gegeben – „der Staat wurde nicht angezweifelt“.

Hinzu kommt die tiefe Gläubigkeit, die die Menschen ausgezeichnet habe und „die beeindruckt“. Da sei beispielsweise zu lesen: „Die Heiligen von Wilparting stehen mir bei.“ Überhaupt sei die Sorge um die Familien und Menschen daheim im Vordergrund gestanden. „Die fremde Kultur wie im besetzten Frankreich hat man nicht gesehen. Man interessierte sich vielmehr für die Dorffeste und die Tradition in Irschenberg.“ Doch stets dringe der Wunsch nach Frieden durch. Deshalb habe sie als Untertitel auch „Wenn endlich Frieden wäre“ gewählt. Die Schicksale von damals seien ihr teils sehr nahe gegangen. Und in vielen Familien hätten ihre Recherchen Erinnerungen freigelegt.

„Aus Verlegersicht ist das Werk von großem dokumentarischen Wert“, lobt der Miesbacher Carl Langheiter Hennens Buch, das sein Sohn Alexander – wie auch schon „Die Irschenberger“ – in dessen Maurus Verlag veröffentlicht hat. Es sei eine besondere Arbeit, die durch viele Fotografien greifbar wird. Dessen ist sich auch die Autorin bewusst: „Am 11. November 2018 jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal.“ Dann werde dieses Kapitel in der öffentlichen Wahrnehmung geschlossen. „Die wenigen Leute von damals, die noch etwas berichten können, werden weniger – die Erinnerungen gehen verloren. Deshalb war mir dieses Buch so wichtig.“

Buch und Präsentation

Das Buch „Die Irschenberger im 1. Weltkrieg – Wenn endlich Frieden wäre“ ist im Maurus Verlag erschienen und umfasst 470 Seiten. ISBN 978-3-940324-11-5. Preis: 48 Euro. Präsentiert wird die Dokumentation am Freitag, 17. November, im Trachtenheim Irschenberg. Beginn ist um 19.30 Uhr, Einlass ab 18 Uhr.

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