Rätselraten vor Gericht

Schlägerei: Alle sind zu betrunken, um sich zu erinnern

Hat ein Schlierseer (25) einen Irschenberger (23) vor der Schlossleitn gegen den Kopf getreten? Das hätte das Amtsgericht in der Verhandlung klären sollen. Hätte...

Miesbach – In der Anklageschrift klingt es brutal, was ein 25-jähriger Schlierseer im September des vergangenen Jahres vor der Schlossleitn in Miesbach gemacht haben soll: Tritte auf den Kopf seines am Boden liegenden Opfers, also gefährliche Körperverletzung. Dieser Vorwurf bestätigte sich nun in der Hauptverhandlung am Miesbacher Amtsgericht nicht.

Fakt ist: Es kam zu einem Disput zwischen dem Angeklagten und einem 23 Jahre alten Irschenberger. Dabei hatten es die beiden Streithähne zunächst gar nicht aufeinander abgesehen. Vielmehr wollte der Irschenberger einen Freund des Schlierseers, ein 23-jähriger Miesbacher, schlagen, weil der angeblich sein Bier verschüttet hatte. Beide wurden vom Ladenbesitzer nach draußen zitiert, um die Angelegenheit dort zu klären. Da war es bereits 5 Uhr, Alkohol schenkte der Barkeeper nicht mehr aus. Somit konnte der Irschenberger seinen Anspruch auf Ersatz für das verschüttete Bier an diesem Abend auch nicht mehr geltend machen. Vor dem Lokal ging dann alles erst richtig los. Doch welche Rolle spielte nun der beschuldigte Schlierseer?

Viel dazu sagen konnte er nicht. „Ich war ziemlich betrunken“, meinte der 25-Jährige vor Gericht. „Die Erinnerung kam erst am nächsten Tag zurück.“ Doch ein Unschuldslamm war offenbar auch der Geschädigte nicht. „Zehn bis zwölf Bierchen habe ich mindestens getrunken“, gab das Opfer der Attacke zu. Die Trunkenheit mag wohl auch ein Grund dafür gewesen sein, warum er immer wieder auf den Schlierseer und seine Clique losging. Der 23-jährige Miesbacher versuchte zu schlichten und hielt den Irschenberger immer wieder von seinen Kumpels fern.

Dabei traf den Irschenberger – wohl versehentlich – ein Schlag oder Tritt im Genitalbereich, weshalb er zu Boden sank und sich vor Schmerzen krümmte. An diesem Punkt, es war bereits 5.30 Uhr, kommt ein weiterer Zeuge ins Spiel, ein Fischbachauer. „Ich habe gesehen, wie er dem am Boden Knieenden leicht ins Gesicht getätschelt hat, um ihn zu provozieren“, erinnerte sich der 25-Jährige vor Gericht.

Er will auch gesehen haben, dass der Schlierseer „noch mit dem Fuß zugetreten hat. Ob er getroffen hat, weiß ich allerdings nicht, aber wenn, dann nur leicht“. Fest steht: Im weiteren Verlauf der rauschigen Nacht trug das Opfer noch einen Nasenbeinbruch davon. Daran waren aber weder der Miesbacher noch der Schlierseer schuld, sondern ein Kumpel – ein Haushamer (24), der beiden, der sich zuvor die ganze Zeit im Hintergund gehalten hatte. Die Umstände bleiben im Dunkeln. Der Haushamer hat eine Geldstrafe ohne Verhandlung akzeptiert.

Vor Gericht ging es um die Schuld des Angeklagten aus Schliersee. Da dem 25-Jährigen – auch aufgrund der lückenhaften Erinnerungen der Zeugen – keine Schuld an den schweren Verletzungen des Irschenbergers nachgewiesen werden konnte, einigten sich Verteidigerin Helena Tiefenbacher-Leitner, Amtsrichter Waltner Leitner sowie die Staatsanwaltschaft darauf, das Verfahren gegen die Zahlung einer Geldauflage vorläufig einzustellen. Die fällt aber nicht zu knapp aus. 1500 Euro muss der Schlierseer an die Jugend- und Familienhilfe zahlen.

Philip Hamm

Rubriklistenbild: © dpa

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