Die Messung muss stimmen: Christine Weinzierl-Seidl wiegt Fleisch vor dem Befüllen ab und führt einen Nullabgleich der Strahlung durch. Bei der Arbeit der Jägerin, Landwirtin und Mutter geht es um Lebensmittelsicherheit.
+
Die Messung muss stimmen: Christine Weinzierl-Seidl wiegt Fleisch vor dem Befüllen ab und führt einen Nullabgleich der Strahlung durch. Bei der Arbeit der Jägerin, Landwirtin und Mutter geht es um Lebensmittelsicherheit.

Folgen des Supergaus

35 Jahre nach Tschernobyl: Wildschweine oft verstrahlt - Laborantin testet in Irschenberg

  • Jonas Napiletzki
    VonJonas Napiletzki
    schließen

Die Folgen des Supergaus in Tschernobyl sind im Kreis Miesbach noch spürbar. Wildschweine graben radioaktive Pilze aus. Eine Chemielaborantin untersucht das Fleisch in Irschenberg.

Irschenberg – Christine Weinzierl-Seidl sitzt in einem Hinterraum ihres Hofs am Ortsrand von Irschenberg. Draußen spazieren Tagestouristen zwischen Hügeln und Wäldern. Manchmal spähen sie durch die blumengeschmückten Fenster des Bauernhauses. Doch das Blut, das vor der Bewohnerin auf einem Schneidebrett schwimmt, sieht niemand.

Im fahlen Licht einer Neonröhre spiegelt sich Edelstahlbesteck in den dunklen Augen der 42-Jährigen. Sie trägt Gummihandschuhe, hebt konzentriert rote Fleischstücke an. Kühl, ruhig, vor Tageslicht verborgen: Kriterien, die für diese Arbeit essenziell sind.

Der Grund: „die Lebensmittelsicherheit.“ Das Fleisch stammt von einem Wildschwein. Dessen Essbarkeit entscheidet sich wenige Zentimeter neben dem Schneidebrett – und etwa zehn Minuten später. Weinzierl-Seidl, selbst Jägerin, verkauft Wildfleisch, betreibt eine Stoffdruckerei und bewohnt und pflegt den Bauernhof mit ihrer Familie. In ihrer Freizeit prüft sie von Jägern gebrachtes Wildschweinfleisch auf Radioaktivität.

Radiocäsium sitzt zehn bis 30 Zentimeter unter dem Boden - Wildschweine suchen dort nach Pilzen

In diesen Minuten löffelt sie mit feinen Handgriffen Fleisch auf eine Waage. Zwischen ihr und der Waage steht ein Messgerät. Zwölf Kilo schwer. Das Herzstück: ein bleierner Zylinder in Form eines Kelchs, verkabelt mit einem fingerbreiten Display. Wenn die Laborantin fertig ist, werden sich 500 Gramm Muskelfleisch darin befinden. Das Gerät misst anschließend die Strahlung.

Der Grund für die Arbeit liegt über 35 Jahre zurück. Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 gelangte radioaktive Strahlung mit dem Fallout in die Böden vieler bayerischer Gemeinden. In zehn bis 30 Zentimeter Tiefe „sitzt die ganze Strahlung von damals“, erklärt Weinzierl-Seidl. Genau in der Tiefe, in der Wildschweine graben – und Pilze mit ihren verzweigten Fasern fressen. Die kilometerlangen Myzelien speichern die Isotope. Neuronenschwammerl, Hirschtrüffel, Semmel-Stoppelpilze: „Die sind stark angereichert.“

Jäger müssen Wildbret deshalb vor Verkauf oder Verzehr zu Prüfern wie Weinzierl-Seidl bringen. Die Station in Irschenberg ist amtlich zertifiziert, finanziell zu 90 Prozent vom Bayerischen Jagdverband getragen – die Arbeit selbst jedoch ist mehr ein Ehrenamt als ein Zuverdienst. „Ich will Jäger unterstützen.“ Auf ihnen laste viel Druck, etwa von der Landwirtschaft.

Ergebnisse bis 4000 Becuerel pro Kilo - Grenzwert: 600

Auf dem Labortisch landet dann wie heute in Tüten verpacktes Fleisch. Vor der Messung muss die Laborantin einen Nullabgleich durchführen. „Strahlung ist immer und überall“: Weinzierl-Seidl kennt das – auch wegen ihrer früheren Arbeit in einem Labor eines Pharmakonzerns. Doch auch nach Abzug des Grundrauschens gilt oft: „Ich bekomme Ergebnisse bis zu 4000 Becquerel pro Kilo.“ 30 bis 50 Prozent des Fleischs liege im Schnitt über dem Grenzwert von 600. Dann wird es entsorgt.

Für Jäger eine Enttäuschung. „Manchmal schimpfen sie, ärgern sich.“ Zwar bekämen sie eine staatliche Ausgleichszahlung übers Atomgesetz. Aber: „Stell dir vor, das ist deine erste erlegte Sau“, sagt die Jägerin. „Und dann schmeißt du sie weg.“

Radioaktivität ist für Jäger im Kreis Miesbach eher neu. Bisher gab es hier vor allem Rotwild – reine Grasfresser. „Sträucher und Bäume, da ist von der Strahlung nichts drin.“ Anders bei Wildschweinen. Deren Population wuchs zuletzt stark an, etwa wegen vieler neuer Maisfelder in der Region. Biogasanlagen haben den monokulturellen Anbau beliebter gemacht. Das Problem: Schwarzwild ist „furchtbar gescheit, schwer zu bejagen und hat eine wahnsinnige Reproduktionsrate“.

Bleizylinder misst das Fleisch - Akkurate Vorarbeit nötig

Wenn doch mal ein Jäger erfolgreich war, bringt er nach Absprache ein gutes Pfund Wildbret nach Irschenberg. „500 Gramm sind ein Haufen Probe“, sagt die Laborantin und lacht. Früher, bevor sie den „harten Job“ in der Pharmaindustrie gekündigt hat, hatte sie mit Spatelspitzen gearbeitet. Ungenauigkeiten erlaubt sie sich aber auch mit dem Esslöffel nicht: Weinzierl-Seidl muss beim Fleischeinfüllen akkurat arbeiten. Sanft presst sie im nächsten Schritt das Wildbret fest und setzt den Deckel auf den grau-beigen Bleizylinder, der farblich einem vergilbten Computer ähnelt, aber technisch auf dem neuesten Stand ist.

Das Herzstück der Prüfstation: Ein Bleizylinder, zwölf Kilo schwer, misst die Strahlung.

Ob feine oder grobe Arbeit: Weinzierl-Seidl ist flexibel. „Mir graust es nicht leicht vor irgendetwas. Ich bin eine Praktikerin.“ Die Arbeit habe sie gefunden – nicht andersherum. Dafür ist die Mutter dankbar. Ihre beiden Söhne (8 und 11) auch: „Während ich die Probe messe, können sie ihre Hausaufgaben aufschieben“, sagt sie lächelnd.

Mit dem Piepsen des Messgeräts endet diese Zeit. Weinzierl-Seidl blickt auf das Gerät: „860 Becquerel.“ Zu viel, um das Fleisch zu essen. „Die Sau kann nicht verwertet werden.“ Ein paar Mausklicks in der Excel-Tabelle eines Laptops besiegeln das Ergebnis.

Ein Prüfbericht surrt aus dem Drucker. Der Jäger wird davon in Kürze erfahren – und beim nächsten Wildschwein mehr Glück haben, hofft die Irschenbergerin. Sie wird auch dann wieder gerne messen. „Nur wenn wir alle zusammenarbeiten, kommt etwas dabei heraus“, sagt Weinzierl-Seidl, während sie das dunkle Blut vom hellen Schneidebrett wischt.

+++ Lesen Sie auch: Radioaktiv belastetes Wildschwein-Fleisch: Experte warnt Jäger vor Verzehr +++

Radioaktivität in Zahlen:

Die überall vorhandene Radiocäsium-Strahlung liegt laut Weinzierl-Seidl bei 30 bis 40 Becquerel pro Kilo – je nach Wetter. Nach Abzug dieses „Grundrauschens“ dürfen 600 Becquerel im Fleisch bleiben. Die Station in Irschenberg ist zertifiziert, verfügt aber über kein Prüfpräparat. Wegen der Messungenauigkeit muss die Betreiberin Werte ab 500 Becquerel so werten, als lägen sie über 600. Der Unteren Jagdbehörde in Miesbach wurden heuer 17 Wildschwein-Messungen gemeldet, zwei überschritten den Grenzwert. 2020 konnten 17 von 35 gemessenen Schweinen nicht verzehrt werden. 2019 traf das auf vier von 27 Wildschweinen zu. (nap)

Alles aus Ihrer Region! Unser Miesbach-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Miesbach – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare