Feiert heute Dienstjubiläum: Seit genau 30 Jahren leitet Wolfgang Hodbod das Kinderdorf Irschenberg. Er hat den Schritt nie bereut.
+
Feiert heute Dienstjubiläum: Seit genau 30 Jahren leitet Wolfgang Hodbod das Kinderdorf Irschenberg. Er hat den Schritt nie bereut.

Wolfgang Hodbod (63) feiert Dienstjubiläum

Er ist das Gesicht des Irschenberger Kinderdorfs

  • Christine Merk
    VonChristine Merk
    schließen

Er ist das Gesicht des Caritas-Kinderdorfs Irschenberg: Am 1. Februar 1991 trat Wolfgang Hodbod (63) dort die Stelle als Leiter an. Im Interview blickt er auf 30 Jahre zurück.

Irschenberg ‒ Bei Amtsantritt war Wolfgang Hodbod deutschlandweit der Jüngste in einer solchen Position. Heute, zu seinem 30-jährigen Dienstjubiläum, ist er der Älteste. Hodbod ist Erzieher und Sozialpädagoge. Bevor er nach Irschenberg kam, arbeitete er in einem Kinderheim in Heidelberg, in einer Therapeutischen Wohngruppe in Gauting und in einem Lehrlingsheim in der Schweiz. Im Mai 2023 möchte er in den Ruhestand gehen, vorher aber noch das 50-jährige Bestehen des Kinderdorfs feiern. Wir haben mit ihm über seine bisherige Zeit in Irschenberg gesprochen.

Herr Hodbod, erinnern Sie sich an Ihren ersten Besuch im Kinderdorf?

Wolfgang Hodbod: Daran erinnere ich mich genau. Ich wohnte damals in der Schweiz, als mir mein ehemaliger Chef vom Caritasverband die Stelle anbot. Mein erster Gedanke war allerdings: Okay, aufs Land hinaus, will ich das überhaupt? Meine Frau und ich sind dann für zwei Tage nach Irschenberg gefahren. Ich wollte mir die Einrichtung genau ansehen und habe relativ schnell gewusst: Das ist das, was ich machen will.

Von wem wurde das Kinderdorf damals geführt?

Hodbod: Das waren Ordensfrauen, die das Kinderdorf im Auftrag des Caritasverbands leiteten. Aber da gab es keine Nachfolgerin.

Hatten Sie viele Neuerungen im Kopf?

Hodbod: Erst mal wollte ich alles genau anschauen. Das Kinderdorf gab es damals schon 20 Jahre, und es war gut geführt. Als ich anfing, ergaben sich aber schon deshalb neue Aufgabenstellungen, weil 1991 das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft trat. Hinzu kam ein Paradigmenwechsel. Früher hat man den Eltern die Kinder ja quasi weggenommen, wenn es nicht anders ging. Heute wird auch erkannt, dass die meisten Eltern zumindest versuchen, ihr Bestes zu geben.

Was bedeutete das für Sie?

Hodbod: Mir war von Anfang an besonders wichtig, dass wir als Caritasverband und Träger des Kinderdorfs ausdifferenziertere Hilfen anbieten, also nicht nur das Wohnen in der Kinderdorffamilie, sondern – damit die Kinder ihre Geschichte nicht immer wieder neu erzählen müssen – alle Hilfen aus einer Hand. Als eine der ersten Einrichtungen haben wir mit Unterstützung des Landesjugendamts ein Konzept entwickelt, um die Eltern, deren Kinder in Einrichtungen wohnen, mehr in deren Leben miteinzubeziehen. Dieses Konzept galt vielen anderen Einrichtungen als Vorbild.

Bei so vielen Aufgaben, die es zu stemmen galt, fehlte Ihnen da der Kontakt zu den Kindern?

Hodbod: Der musste mir nicht fehlen, weil ich ihn zum Glück immer hatte. Ich wohne ja gleich unmittelbar beim Kinderdorf und war früher, als meine eigenen zwei Töchter noch klein waren, mit denen viel im Kinderdorf unterwegs, etwa am Spielplatz. Dann wurde damals ganz neu die Bereitschaftspflege eingerichtet, dass also Familien Kinder, die in Obhut genommen wurden, für eine gewisse Zeit bei sich aufnehmen. Das haben wir als Familie für einige Jahre gemacht, auch weil ich wissen wollte, ob das überhaupt zumutbar ist. Später habe ich mir meine Steckenpferde gesucht, um den Kontakt zu den Kindern zu halten.

Verraten Sie uns so ein Steckenpferd?

Hodbod: Unternehmungen, für die ich mir neben dem Arbeitsalltag Zeit nehme: eine Nachtwanderung, gemeinsam auf unsere Hütte, die Rabenmoosalm, fahren oder ein Ritterfest feiern.

Das alles ist ja zurzeit wegen Corona nicht möglich. Wie hat die Pandemie das Leben im Kinderdorf verändert?

Hodbod: Wir haben in den 30 Jahren, seit ich hier bin, viele Herausforderungen erlebt, etwa die Aufnahme der vielen unbegleiteten Flüchtlinge. Und wir haben gelernt: In Herausforderungen liegen immer auch Chancen. Beim ersten Lockdown hatte ich aber schon eine schlaflose Nacht, weil ich mich gefragt habe: Wer kümmert sich um die Kinder, wenn viele Mitarbeiter krank werden? Wir haben das Dorf deshalb in sechs Einheiten geteilt, wie jetzt auch wieder.

Wie gehen die Kinder damit um?

Hodbod: Nach dem ersten Lockdown haben wir Bilanz gezogen. Da erzählten viele, dass sie innerhalb der Kinderdorffamilie weniger gestritten und mehr miteinander gemacht haben. Es sind auch viele kreative Dinge entstanden: ein Kochwettbewerb und bunt bemalte Steinschlangen, die auf dem Gelände liegen. Es gibt also auch Positives, das die Kinder mitnehmen können. Wichtig ist, alle Mitarbeiter und Kinder miteinzubeziehen. Mit den Kindern machen wir Treffen im kleinen Kreis, erklären ihnen den Stand und fragen nach, was sie gehört oder gelesen haben. Und toi,toi,toi – auch mit den Älteren ist es bisher gut gelungen. Für die Jugendlichen ist es besonders schwer. Sie dürfen nicht nach Miesbach fahren, nur in Irschenberg spazieren gehen und das auch nur zu zweit. Das ist nicht leicht für sie.

Wenn die ehemaligen Kinder als junge Erwachsene ausziehen, sind sie dann für immer weg?

Hodbod: Wir laden unsere „Ehemaligen“ regelmäßig zu Treffen ein, und da kommen ganz viele. Das ist für uns eine sehr positive Bestätigung, dass sich der Einsatz gelohnt hat. Manche rufen sogar als Erwachsene noch an und fragen um Rat. Das freut mit besonders. Es ist eine Auszeichnung, ein Vertrauensbeweis, dass sie sich jederzeit an uns wenden können. Und einige engagieren sich im Förderverein.

Herr Hodbod, gibt es ein Erlebnis aus diesen 30 Jahren, das Sie ganz besonders in Erinnerung haben?

Hodbod: Ich war noch nicht lange da, vielleicht zwei Jahre, da gab es einen schweren Verkehrsunfall. Ein 14-Jähriger war kurz vor der Querschnittslähmung. Wir haben bisher keine behinderten Kinder im Kinderdorf, weil wir nicht dafür eingerichtet sind. Das Thema wird jetzt allerdings aktuell. Damals haben aber alle überlegt: Was tun, wenn der Junge im Rollstuhl sitzt? Wie bauen wir das Haus um? Klar war: Wir lassen kein Kind fallen. So viele Mitarbeiter haben sich dafür eingesetzt, da habe ich gewusst: Genau hier bin ich richtig.

Der Kinderdorf-Förderverein

Den Förderverein des Caritas Kinderdorfs gibt es bereits zwei Jahre länger als das Kinderdorf selbst. Vorsitzende ist Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Der Förderverein ermöglicht den Kindern und Jugendlichen beispielsweise Musikunterricht, Kino- oder Museumsbesuche, die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder die Behandlung bei einem Homöopathen. „Aktionen und Anschaffungen, die sonst nicht möglich wären“, sagt Kinderdorf-Leiter Wolfgang Hodbod. „Genauso wichtig wie diese finanzielle Hilde ist aber, dass wir in den Mitgliedern des Fördervereins Fürsprecher haben, die uns andere Sichtweisen aufzeigen, wie wir unsere Themen anbringen können, und uns ein wichtiges Feedback geben.“ Nicht zuletzt stelle der Förderverein ein Netzwerk an Kontakten dar, zum Beispiel zu Firmen, bei denen sich die Jugendlichen des Kinderdorfs für ein Berufspraktikum vorstellen können. Die Mitgliedschaft kostet 24 Euro im Jahr. 

Lesen Sie auch: So sieht der Alltag in einer Kinderdorffamilie aus.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare