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Trauriger Rekord: Mit 158 Stundenkilometern bretterte dieser Audi-Fahrer 2016 durch eine Radarmessung des Zweckverbands Kommunale Verkehrssicherheit Oberland – erlaubt waren 80. Wo genau das Foto aufgenommen wurde, ist aus Datenschutzgründen geheim. Aber auch so schaffte es der Raser in der Rubrik „Verstoß des Monats“ auf die Internetseite des Zweckverbands.

60 Jahre Radarfalle: Den Raser-Jägern auf der Spur

Wie die Blitzer ticken, wie sich die Autofahrer schützen

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Es ist ein Jubiläum, das nur die wenigsten Autofahrer feiern dürften. Seit 60 Jahren jagt die Polizei Temposünder mit Radartechnik. Wie im Landkreis Miesbach geblitzt wird, wie Sie sich schützen können.

Landkreis – Wann und wo es im Landkreis Miesbach zum ersten Mal geblitzt hat, kann selbst die Polizei nicht mehr genau rekonstruieren. Es muss aber wohl Ende der 1960er-Jahre gewesen sein, weil die für die Region zuständige Verkehrspolizeiinspektion Rosenheim erst 1966 und damit zehn Jahre nach der Präsentation des ersten Radargeräts auf der Internationalen Polizeiausstellung in Essen gegründet wurde. Heute lauern nicht nur die Radarfallen der Polizei, sondern auch die des Zweckverbands für Verkehrssicherheit im Oberland auf die Bleifüße im Landkreis. Wer wann, wo und wie oft die Geschwindigkeit auf den Straßen überwacht und wie sich die Autofahrer vor den Blitzern warnen, zeigen wir in unserem großen Überblick.

So blitzt die Polizei

Wer an Radarfallen denkt, hat unweigerlich die Polizei im Kopf. Für den Landkreis Miesbach ist dabei die Verkehrspolizei Rosenheim zuständig. Sie führt mit Unterstützung der örtlichen Inspektionen – allen voran der Autobahnpolizei Holzkirchen – die Messungen durch. Meist blitzen die Polizisten aus einem Kleinbus heraus oder stellen den Apparat auf einem Stativ am Straßenrand auf. Seltener kommt auch eine Laserpistole zum Einsatz. Weil die keine Fotos schießt, halten die Beamten die Temposünder direkt an.

Alles in allem haben sie es 2016 auf mehr als 1800 Messungen gebracht – jede davon bis zu drei Stunden lang. Von gut 15,5 Millionen kontrollierten Fahrzeugen waren 226 335 zu schnell unterwegs – eine Beanstandungsquote von gerade einmal 1,46 Prozent. Den mit mehr als 100 000 Verstößen weitaus größten Anteil hat daran die stationäre Radaranlage an der A8 am Irschenberg. Auf den drei Fahrspuren in Richtung München blitzt es teils im Minutentakt – so oft wie sonst nirgends in Deutschland.

Aber auch an den anderen 200 Messpunkten werden die Autofahrer im Landkreis kostenpflichtig fotografiert. Laut Polizeihauptkommissar Winfried Thalmaier besonders herausgestochen haben im Vorjahr etwa die Kreisstraße MB 22 an der Feilnbacherstraße in Fischbachau mit einer Beanstandungsquote von 15,4 Prozent und einem Spitzenwert von 107 Stundenkilometern (erlaubt sind 60) sowie die B 307 im Kreuther Ortsteil Bayerwald. In der dortigen 70er-Zone waren 13,1 Prozent aller kontrollierten Autofahrer zu schnell, einer bretterte sogar mit 105 Stundenkilometern durch die Messung.

Entgegen der landläufigen Meinung ist die Zahl der Raser in den vergangenen Jahren aber zurückgegangen. Der Polizist führt das auf die zunehmende Verkehrsdichte im Landkreis zurück. „Zu bestimmten Zeiten können die Leute gar nicht mehr schneller fahren als erlaubt.“

Wer doch erwischt wird, dessen Foto landet kurze Zeit später auf dem Schreibtisch von Thalmaier und seinen Kollegen. Die werten die Geschwindigkeitsverstöße aus ganz Oberbayern aus und überprüfen, ob die Bildqualität zur Identifikation des Fahrers ausreicht. Anders als früher ist der Ausschuss dank der Digitaltechnik minimal. Fehlerhafte Kameraeinstellungen lassen sich bereits im Messfahrzeug auf dem Laptop erkennen und korrigieren. Auch eine tief ins Gesicht gezogene Kappe oder eine dunkle Sonnenbrille schützt die Autofahrer nicht vor einer Zahlungsaufforderung der Bußgeldstelle in Straubing. „Unsere Gutachter können auch mit Ausschnitten arbeiten“, sagt Thalmaier. Trotz Rechtsschutzversicherung würden es nur die wenigsten Bleifüße auf ein teures Verfahren ankommen lassen.

So kontrolliert der Zweckverband

Das bevorzugte Revier des Zweckverbands Kommunale Verkehrssicherheit Oberland sind die innerörtlichen Straßen. Seit zehn Jahren machen die aktuell 19 Mitarbeiter im Außendienst Jagd auf die Temposünder. Zehn der 17 Gemeinden im Landkreis haben den Verband mit der Überwachung des sogenannten fließenden Verkehrs beauftragt. Anders als die Polizei darf der Zweckverband laut Geschäftsführer Michael Braun keine Autos anhalten. Dafür wickelt er die gesamten Bußgeldverfahren im eigenen Haus ab. „Zur Not bis vor Gericht“, sagt Braun.

2016 registrierte der Zweckverband an 160 Messpunkten insgesamt 19 614 Verstöße, ein durchschnittliche Beanstandungsquote von  immerhin 7,4 Prozent. Was sich im Vergleich zu den Werten der Polizei nach viel anhört, ist bei genauerer Betrachtung nicht ganz so dramatisch. Die weitaus meisten Geschwindigkeitsüberschreitungen bewegen sich im Bereich von sechs bis zehn Stundenkilometer (13 091) sowie zwischen elf und 15 Stundenkilometer (4614).

Prozentual gesehen die meisten Verstöße gab es 2016 in Holzkirchen (9,70 Prozent), gefolgt von Otterfing (8,79) und Gmund (8,68). Eher unauffällig verhielten sich die Autofahrer in Waakirchen (3,47 Prozent). Stellen mit der höchsten „Gefährlichkeitskennzahl“ – eine Berechnung aus der Häufigkeit und der Schwere der Verstöße – sind beispielsweise die Finsterwalder Straße in Gmund, die Kreisstraße MB 20 bei Fentbach oder die Rosenheimer Straße in Holzkirchen.

So warnen sich die Autofahrer

Während die Autofahrer im Alltag nicht immer rücksichtsvoll miteinander umgehen, entwickeln sie in der Nähe von Radaranlagen plötzlich eine ungeahnte Form der Solidarität. Sie warnen sich nicht nur per Aufblenden des Fernlichts, sondern setzen durchaus auch mal einen Anruf beim Radio ab. Eine im Landkreis bislang einmalige Plattform hat der Haushamer Marco Privitera ins Leben gerufen. Vor knapp vier Jahren gründete er die Facebook-Gruppe „Verkehrskontrollen Landkreis Miesbach“, die inzwischen fast 7000 Mitglieder zählt. Die Idee ist aus einem Zufall heraus entstanden, erklärt Privitera: „Eigentlich wollte ich nur eine private Gruppe für meine Freunde gründen.“ Er legte sie versehentlich öffentlich an – und staunt noch heute über die große Resonanz.

Im Schnitt 15 Mal pro Tag setzen Autofahrer einen Post ab. Manchmal geht es um Unfälle oder Staus, meist aber um die gefürchteten Blitzer. Mit Sätzen wie „Fotoapparat in Holz am Parkplatz“ oder „Roter Caddy Schliersee Richtung Neuhaus nach der Surfschule“ warnen sich die Mitglieder vor den Radarfallen. Zwischenzeitlich lief das Projekt derart erfolgreich, dass Privitera sogar einen Werbesponsor an Land zog.

Ärger mit der Polizei hatte der 24-Jährige deshalb noch nie. Und er muss auch weiterhin keinen befürchten, wie Polizeihauptkommissar Thalmaier betont. „Wir sehen das ganz entspannt.“ Falls die Leute wegen der Warnungen den Fuß vom Gas nehmen würden, sei die Gruppe sogar eine Art Prävention. „Uns geht es ja nicht darum, möglichst viele zu erwischen“, sagt Thalmaier. Vielmehr dienten die Messergebnisse der Verbesserung der Verkehrssicherheit. So würden die auffälligen Punkte genau analysiert und – wenn möglich – baulich entschärft.

Auch der Zweckverband hat kein Problem mit den Blitzer-Warnern auf Facebook und im Radio. „Manchmal“, sagt Braun, „stellen wir uns bewusst so hin, dass wir entdeckt werden.“

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