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Hofft auf viele Unterschriften: Inge Jooß (r.), Integrationsbeauftragte der Stadt Miesbach, übergibt die Listen im Weltladen an der Kirchgasse an Weltladen-Vorsitzende Helga Geh.

„Es gibt kaum friedliche Gegenden in Afghanistan“

Abschiebeflüge: Asyl-Helfer starten Unterschriftenaktion

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Immer wenn ein Flugzeug mit Flüchtlingen Richtung Afghanistan abhebt, ist der Protest nicht weit. Auch in Miesbach wehren sich nun Asyl-Helfer gegen die umstrittenen Abschiebungen.

Miesbach – Als Studentin wollte Inge Jooß mit dem Rucksack durch Afghanistan reisen. Heute würde sie keinen Fuß mehr in das von Gewalt und Terror gebeutelte Land setzen. „Die Fronten des Bürgerkriegs verschieben sich ständig“, sagt die Integrationsbeauftragte der Stadt Miesbach. Nirgends sei man vor den Taliban sicher. Das gelte vor allem auch für die Flüchtlinge, die per Abschiebeflug unter Begleitung der Bundespolizei in ihre Heimat zurückgebracht werden. „Das ist absurd“, sagt Jooß.

Mit einer Unterschriftenaktion will sie nun auf die Problematik aufmerksam machen – und die Politik zum Stopp der Abschiebungen nach Afghanistan auffordern. Die Idee zur Aktion sei bei einem Helferkreistreffen entstanden und mit dem Integrationsbeirat des Landkreises abgestimmt. Ausgehend von der Kreisstadt sollen die Listen in Kirchen, Weltläden, Apotheken, Arztpraxen und Geschäften im ganzen Landkreis ausliegen. Die Botschaft ist klar formuliert: Die verantwortlichen Politiker sollen den hier lebenden afghanischen Flüchtlingen „einen sicheren Aufenthaltsstatus sowie eine Ausbildungs- und Arbeitserlaubnis gewähren“.

Der Kreis der potenziell von den Abschiebungen Betroffenen beläuft sich laut Landratsamt Anfang März auf 103 Personen. Drei von ihnen seien bereits „vollziehbar ausreisepflichtig“, 95 befänden sich gerade im Klageverfahren vor dem Verwaltungsgericht München. Bei vier aus Afghanistan Geflüchteten laufe das Asylverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge noch.

Die Chancen auf eine Anerkennung ist gering, weiß Jooß. „Afghanen erhalten in unserem Landkreis in der Regel keine Aufenthaltserlaubnis.“ Sie müssten in ein Land zurückkehren, in dem sie überall mit Gewalt rechnen müssten. „Es gibt kaum friedliche Gegenden, in denen sie und ihre Familien leben können“, sagt Jooß.

Diese Perspektivlosigkeit wirke sich auch auf das Verhalten der Flüchtlinge vor Ort aus, berichtet die Integrationsbeauftragte aus Miesbach. „Sie haben Angst und sind frustriert.“ Weil sie auch nicht arbeiten dürften, könnten sie sich keinen geregelten Alltag aufbauen. „Das ist tödlich“, sagt Jooß. Und würde manche auch aggressiv machen.

Dass die Bundesregierung Afghanistan trotzdem in Teilen als sicheres Land bezeichnet und damit Abschiebungen als begründet ansieht, kann Jooß nicht nachvollziehen. Überhaupt hält sie die Rückflüge für unverhältnismäßig. Alleine schon die hohen Kosten – zuletzt war von bis zu 300 000 Euro die Rede – rechtfertigten die Aktionen in keiner Weise. „Das ist unsinnige Verschwendung von Steuergeldern“, schimpft die Integrationsbeauftragte. Viele der Abgeschobenen würden sich ohnehin gleich wieder auf den Weg machen.

In erster Linie will Jooß mit der Unterschriftenaktion aber einen Blick auf die Afghanen in den Flugzeugen lenken. In der Wahrnehmung vieler Leute handle es sich dabei ausschließlich um Straftäter oder Identitätsverweigerer. Dass unter den afghanischen Flüchtlingen aber auch viele gut ausgebildete Kräfte seien, die ihr Land wegen des Bürgerkriegs verlassen mussten, sei in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt. Anders als Syrien komme Afghanistan in den Nachrichten nur selten vor.

Bis zum Miesbacher Ostermarsch hofft Jooß auf möglichst viele Unterschriften. Dass nicht alle Bürger die Aktion unterstützen werden, ist ihr klar. Wer Fragen habe oder mehr wissen wolle, könne die Initiatoren jederzeit gerne ansprechen. Jeder, der sich mit dem Thema auseinandersetze, sei willkommen.

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