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Bereit für die Übergabe: Johann Schweiger (r.) räumt den Schreibtisch des Leiters der Kriminalpolizeistation Miesbach und übergibt an seinen Nachfolger und bisherigen Stellvertreter Rainer Kehrer.

Abschiedsinterview mit dem Chef der Kripo Miesbach

„Ermittler brauchen Fingerspitzengefühl“

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Eine lange Polizeikarriere geht zu Ende. Fast 46 Jahre war Johann Schweiger aus Hausham für Recht und Ordnung im Einsatz, zuletzt seit 24 Jahren als Leiter der Kriminalpolizeistation Miesbach.

Zusammen mit seinen 15 Beamten hat der 62-Jährige etliche aufsehenerregende Fälle aufgeklärt. Ende März geht Schweiger in den Ruhestand. Im Interview mit unserer Zeitung blickt der Erste Kriminalhauptkommissar auf seine Zeit bei der Kripo zurück und erklärt, warum man als Ermittler einen langen Atem braucht – und ein ruhiges Gemüt.

Herr Schweiger, schauen Sie Tatort?

Durchaus. Noch lieber lese ich Krimis. Zum Beispiel die von Andreas Föhr, weil die ja meist bei uns im Landkreis handeln. Und ich muss sagen, dass die echt gut gemacht sind. Das liegt vielleicht auch daran, dass Herr Föhr zur Recherche immer wieder mal bei uns vorbeischaut (lacht).

Das heißt, dass Krimis den realen Polizeialltag eins zu eins abbilden?

Das sicherlich nicht. Aber das wäre so ja gar nicht möglich, vor allem nicht in Film und Fernsehen. Da wollen die Leute nach eineinhalb Stunden wissen, wer der Täter war. Deshalb finden die Ermittler wie durch Zufall immer genau die richtige Spur, die zum Ziel führt. Das ist in der Realität ganz anders.

Nämlich?

Da braucht es vor allem eines: viel Zeit und einen langen Atem. Man wertet unendliche Mengen an Spuren und Daten aus, ermittelt in alle erdenklichen Richtungen und hat trotzdem manchmal nichts in der Hand, was einen weiter bringt. Aber wer tüchtig ist, hat irgendwann auch mal das nötige Glück und dreht den richtigen Stein um. Aber auch dann heißt es ruhig bleiben und nicht gleich zuschlagen. Lieber observiert man einen Tatverdächtigen eine Woche länger, bis man wirklich was Fundiertes hat. Sonst schreckt man ihn nur zu früh auf und riskiert, dass am Schluss nichts übrig bleibt, was für eine Anklage und Verurteilung ausreicht.

Klingt jetzt ganz und gar nicht nach einem spannenden Krimi...

Das ist auch nicht unsere Aufgabe als Polizei. Uns geht es darum, Täter zu überführen und damit die Sicherheit in unserem Landkreis zu erhöhen. Das erreicht man nicht mit spektakulären Zugriffen, sondern vor allem mit guter Ermittlungsarbeit. Die Fälle selbst sind mitunter schon spannend genug.

Welcher bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?

Am extremsten war sicherlich die Geiselnahme an der Miesbacher Berufsschule im März 1997. Da war ich einer der ersten am Einsatzort und habe versucht, den Täter zu beruhigen. Er war nur ein paar Meter von uns entfernt und hat eine scharfe Waffe auf den Kopf einer Mitschülerin gehalten. Acht Stunden lang haben wir auf den unter Drogen stehenden 16-Jährigen eingewirkt. Ein Sondereinsatzkommando hat die Geiselnahme dann Gottlob ohne Blutvergießen beendet. Das war ein Einsatz, den man ein Leben lang nicht vergisst.

Wie sind Sie persönlich damit umgegangen?

Ich habe viel drüber geredet. Mit meiner Familie, aber auch mit Kollegen. Das hilft ungemein. Heute gehört psychologische Begleitung für Polizisten nach solchen Einsätzen zum Standardprogramm – das ist sehr wichtig. Früher musste man allein damit fertig werden. Ich denke da zum Beispiel an das Zugunglück 1975 in Warngau, wo ich als junger Rotkreuzler mit vor Ort war und die ganzen Leichen gesehen habe. Diese Bilder vergisst man nie.

Trotzdem sind Sie zur Polizei gegangen und da sogar zur Kripo. Warum?

Weil ich seit jeher einen ausgeprägten Ordnungs- und Gerechtigkeitssinn habe. Auch wenn man als Kriminaler mit vielen dramatischen Schicksalen konfrontiert wird, kann man durch seine Arbeit etwas Gutes tun: eine Klärung im Sinne des Verstorbenen und seiner Angehörigen herbeiführen. Dabei sind eben nicht Rambo-Methoden gefragt, sondern viel Fingerspitzengefühl. Das war für mich immer ein zentrales Kriterium bei der Personalauswahl.

Zu zart besaitet sollte man bei Tötungs- oder Sexualdelikten aber auch nicht sein, oder?

Natürlich ist es nicht jedermanns Sache, Leichen zu entkleiden und zu fotografieren. Das gehört bei einer kleineren Kriminalpolizei wie bei uns in Miesbach aber zum Alltag. Bei uns muss jeder Beamte ein echter Generalist sein und von der Spurensicherung über die Beschuldigten- und Zeugenvernehmung bis zum Schlussbericht alles können. Das liegt auch am großen Spektrum an Fällen, die im Landkreis auftreten.

Können Sie dafür ein paar Beispiele nennen?

Sicher. Zum Standardprogramm gehören Todesfälle mit ungeklärter Ursache. Das sind jedes Jahr zwischen 150 und 200, darunter auch Suizide. Die übrigen 350 bis 400 Fälle sind breit gestreut, wobei sich die Art der Delikte mit der Zeit stark verändert hat. In den 1980er-Jahren gehörten Raub- und Banküberfälle zum Alltag, heute hat sich das Hauptgeschäft der Kriminellen auf Trick- oder Anlagebetrügereien verlagert. Vor allem die EDV-Delikte überschwemmen uns. So sehr, dass wir kleinere Fälle mittlerweile schon an die Kollegen der Polizeiinspektion abgeben. Was uns verstärkt beschäftigt, sind Sexualstraftaten. Da haben wir pro Jahr rund 40 Fälle im Landkreis. Die Ermittlungen sind da meist sehr komplex, vor allem im Bereich der Kinderpornografie.

Warum?

Weil wir dafür Unmengen an Daten sichten müssen. Oft haben die Beschuldigten das verbotene Bild- oder Videomaterial auf unterschiedlichen Laptops oder Handys gespeichert, zusammen mit Terrabytes an anderen Inhalten. Das müssen wir bei den Ermittlungen alles mühsam durchforsten.

Die moderne Technik hat die Kripo-Arbeit also eher erschwert?

In diesem Bereich schon. Andererseits haben wir heute Möglichkeiten zur Verfügung, von denen wir früher nur träumen konnten. Der größte Meilenstein der Kriminalistik war für mich die DNA-Analyse, die leider immer noch zu wenig genutzt wird. Die Schwelle, ab der man diese Daten bei Wiederholungstätern erheben darf, ist in meinen Augen deutlich zu hoch angesetzt. Vor allem, weil man ja immer wieder sieht, wie sich durch DNA-Abgleich selbst schwierigste Fälle aufklären lassen.

Auch bei der Kripo Miesbach?

Klar! Ich denke da zum Beispiel an den brutalen Raubüberfall auf ein Ehepaar im Januar 2014 in Rottach-Egern. Nach monatelangen Ermittlungen haben wir hier durch eine Hautschuppenanalyse doch noch eine verwertbare DNA-Spur gefunden. Ein Datenbankabgleich hat uns dann auf einen Tatverdächtigen in Dortmund geführt, den wir so überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. So haben wir den Fall letztlich aufgeklärt. Meiner Nachfolgegeneration wünsche ich, dass sich dieses technische Wunderwerk noch öfter und leichter in der Kriminalarbeit einsetzen lässt – selbstverständlich immer auf dem Boden des Grundgesetzes.

Stichwort Nachfolger: Bleibt der Landkreis Miesbach auch nach Ihrem Abschied sicher?

Aber ja! Mit Rainer Kehrer tritt ab 1. April ein erfahrener Experte meine Nachfolge an. Ich kann den Stab ruhigen und guten Gewissens übergeben und bin froh und dankbar, dass ich meinen bescheidenen Teil zur Sicherheit im Landkreis Miesbach beitragen durfte.

Haben Sie denn schon Pläne für den Ruhestand? Kriminalromane schreiben, zum Beispiel? Oder eine zweite Karriere als Privatermittler?

(lacht) Ich beschränke mich lieber aufs Radeln und Bergwandern und freue mich auf mehr Zeit mit meinen zwei umtriebigen Enkeln. Und auf ruhige Nächte, in denen ich nicht mehr um drei Uhr morgens an einen Tatort gerufen werde.

sg

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