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Es geht los: Rund 20 Bäume hat die LfL in Miesbach seit Montag gefällt. Am Dienstag setzte sie die Sägen an zwei Bäume vor dem Waitzinger Keller.

„Die Zeit drückt.“

ALB in Miesbach: Der Kahlschlag beginnt

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Die LfL hat in Miesbach bereits 20 Bäume wegen des ALB gefällt. Dabei wurde die Fällzone für dem Waitzinger Park bestätigt. Das Coronavirus erschwert die weitere Planung.

Miesbach – Gerhard Kraus beugt sich über das Stück Holz, das das Schicksal der Bäume im Waitzinger Park entscheidet. „Das ist die Stelle, an der wir den Käfer vermuten“, sagt der Mitarbeiter der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), während er mit beiden Händen einen rund 30 Zentimeter breiten Abschnitt eines Bergahorns abmisst, der vor dem Eingang des Waitzinger Kellers liegt.

Es ist offiziell: Diese ALB-Larve bestätigt die Fällzone, die den Waitzinger Park einschließt.

ALB in Miesbach: Der Kahlschlag beginnt

Kraus und seine Kollegen haben den Baum am Dienstagmorgen gefällt, weil sie in seinem Stamm eine Larve des Asiatischen Laubholzbockkäfers (ALB) vermuten, eines der gefährlichsten Laubbaumschädlinge der Welt. Eine EU-Verordnung schreibt ihnen vor, dass sie alle von dem Käfer befallenen Bäume und Sträucher fällen müssen – und alle bekannten Wirtsgehölze im Umkreis von 100 Metern.

Das macht den Baum vor dem Waitzinger Keller so bedeutend. Findet Kraus in ihm eine Larve des ALB, fallen der 100-Meter-Fällzone um ihn auch zahlreiche Bäume des Waitzinger Parks zum Opfer. Der ALB-Experte ist sich sicher, dass es so sein wird.

Ein Mitarbeiter mit einer Motorsäge kommt heran und schneidet das verdächtige Stück aus dem Stamm. Kraus und Frank Nüßer, Leiter der Arbeitsgruppe ALB an der LfL, spalten es vorsichtig mit der Axt. „Wir wollen die Larve nicht köpfen“, sagt Nüßer. Er möchte genau die Kanäle freilegen, in denen sich der ALB durch den Baum frisst.

Der BR schaut zu: Gerhard Kraus (LfL, v.) und Frank Nüßer (r.), Leiter der ALB-Gruppe der LfL, bei der Arbeit.

Wieder Larve gefunden

Kraus schlägt mit dem kleinen Beil eine Furche ins Holz. Nüßer setzt einen Keil hinein und schlägt mit der großen Axt darauf. Der Stamm bricht auf und gibt den Blick auf einen braunen Gang frei. Kraus holt mit einer Pinzette Späne aus dem Gang, dann eine rund vier Zentimeter lange weiße Larve. „Hier sieht man die Burgzinnen“, sagt er. „Kein Zweifel: Das ist ein ALB.“ Zwei Jahre sei die Larve alt und heuer bereits aktiv gewesen, wie die Späne zeigen. Im April oder Mai wäre sie geschlüpft und hätte einen weiteren Baum infiziert.

Kraus legt die Larve in ein kleines Glasgefäß. Ein Mitarbeiter wird sie zur Untersuchung ins Labor bringen. Das Holz neben ihrem Gang wird die LfL zum Training ihrer ALB-Suchhunde einsetzen. Der Rest wandert in die großen roten Container auf der Waitzinger Wiese, wird noch innerhalb von 24 Stunden gehäckselt und verbrannt. Dieses Schicksal ereilte auch die zehn Bäume, die bereits Montag auf einer Wiese südlich des Finanzamts gefällt wurden. Es wird auch die weiteren rund 4600 Gehölze und Sträucher ereilen, an die die Arbeiter in den nächsten sechs bis acht Wochen die Motorsägen setzen werden. Für den Anfang plant Nüßer mit zehn bis 15 Bäumen pro Tag. Später, wenn sich die Teams eingespielt haben, sollen es mehr werden.

Karl Brutscher kommt vorbei

Kraus beugt sich noch über den gefällten Baum, da kommt Karl Brutscher vorbei. Der 78-jähriger Ex-Stadtrat erinnert die LfL-Mitarbeiter nachdrücklich an seine Petition gegen die Fällungen, zu der die Staatsregierung Stellung beziehen wird (wir berichteten). Einen Termin dafür gibt es allerdings noch nicht. Dass die LfL in Miesbach Bäume entnimmt, bevor seine Petition endgültig behandelt wird, erzürnt ihn. „Sie verstoßen gegen mein Verfassung-Grundrecht“, ruft er Nüßer zu. Dann geht er weiter. Nüßer nimmt solche Zwischenfälle gelassen. „Es kommt immer wieder vor, dass Menschen das Gespräch suchen“, sagt er. „Dann erklären wir, warum wir so vorgehen. Das gehört dazu.“

Die meisten Kritiker halten aber Distanz. Einige diskutieren, warum die Arbeiten trotz Coronavirus und Ausgangsbegrenzungen stattfinden. Die Arbeiter hielten den Sicherheitsabstand nicht ein, ist sich eine Anwohnerin sicher. Dabei hätten sie in ihren Warnwesten eine Vorbildfunktion. Dennoch lassen die Männer in Ruhe arbeiten.

Die Herausforderung der aktuellen Lage kennt Nüßer ohnehin: „Wegen Corona ist es eine besondere Situation.“ Er versichert, alles zu tun, um die Ansteckungsgefahr zu senken. „Wir achten auf Abstand zwischen den Arbeitern und zu Anwohnern. Wir haben Desinfektionsmittel dabei und weisen auf die Hygieneregeln hin.“ Dennoch müsse die LfL mit den Arbeiten beginnen. Sonst werde sie nicht fertig, bevor der ALB schlüpft: „Die Larve war bereits aktiv. Die Zeit drückt.“

Schwieriger Zeitplan

Schwierigkeiten bereitet das Coronavirus der LfL auch wegen der Unsicherheit über mögliche weitere Begrenzungen. Langfristige Pläne, wann welche Gebiete gefällt werden sollen, könne er derzeit kaum aufstellen, sagt Nüßer. „Jetzt wird etwas gesagt und in einer Stunde ist alles anders.“ Die LfL denke eher von Woche zu Woche. Für den Anfang heißt das: Die Landesanstalt wird zuerst die Bäume fällen, die fast mit Sicherheit vom ALB befallen sind. Sollte sie wegen weiterer Corona-Beschränkungen irgendwann nicht mehr arbeiten können, wäre so die größte Gefahr gebannt. Die weiteren Fällungen müssten schnellstmöglich nachgeholt werden.

Zumindest am Dienstag hat Nüßer seinen Zeitplan aber umsetzen können. Die LfL hat auch den Rest der Bäume auf der Wiese südlich des Finanzamtes gefällt und einen weiteren vor dem Waitzinger Keller, rund zehn Meter nördlich des ersten. Auch dort haben sie Larven des ALB gefunden. Dadurch verschiebt sich die Fällzone weiter in Waitzinger Park.

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