Altenpflegeschulen Miesbach und Corona: „Unsere Schüler haben keine Angst“
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Mit Maske, Abstand und Puppe: Die Schüler der Pflegeschule Miesbach führen ihre Prüfung heuer an einer Lernpuppe (im Bett) durch statt an echten Menschen. Lehrer Klaus Rollbühler (l.) erklärt, wie das geht.

Im Interview

Altenpflegeschulen Miesbach und Corona: „Unsere Schüler haben keine Angst“

  • Christian Masengarb
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Altenpflegeschulen Miesbach: Schulleiter Alexander Ohly erklärt, wie er die Schüler vor Corona schützt - obwohl einige in Einrichtungen mit bestätigten Fällen arbeiten.

Miesbach – Sollte an Alexander Ohlys (57) Schule das Coronavirus ausbrechen, fallen Pflegeeinrichtungen im Landkreis dringend benötigte Arbeitskräfte weg. Der Schulleiter der Berufsfachschulen für Altenpflege Miesbach will ein solches Szenario unbedingt verhindern. Im Interview erklärt er, wie das klappen soll, obwohl Teile seiner Schüler bereits in Einrichtungen mit bestätigten Covid-19-Fällen arbeiten.

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Altenpflegeschulen Miesbach und Corona: „Unsere Schüler haben keine Angst“

Herr Ohly, bis jetzt blieben Ihre Schüler von Corona verschont. Fürchten Sie, das könnte sich ändern?

Wir haben Schüler aus 34 Einrichtungen in den Landkreisen Miesbach, Bad Tölz-Wolfratshausen und Rosenheim. Darunter sind auch Einrichtungen mit Corona-Fällen. Eine Schülerin arbeitet in der Corona-Abteilung einer Klinik in Rosenheim. Der Kontakt ist also da. Da braucht sich nur einer anzustecken und schon haben wir das Virus in der Schule. 100 Prozent Sicherheit kann es nicht geben. Aber wir haben alles dagegen getan. Mehr geht nicht.

Was heißt das konkret?

Wir haben den Unterricht für Abschlussklassen nicht mit dem 27. April begonnen, sondern erst zwei Wochen später. Dazwischen haben wir eine zweiwöchige Quarantäne verhängt: Die Schüler durften zwar aus dem Haus, aber nicht in ihre Betriebe. Sonst wäre es einfach zu gefährlich gewesen.

Was haben die Arbeitgeber dazu gesagt?

Es war schon sehr kurzfristig. Ich habe Freitag eine Mail geschrieben, dass sie ihre Schüler Sonntag in Quarantäne schicken müssen. Das hat viel Flexibilität verlangt, die Einrichtungen arbeiten ja mit langfristigen Einsatzplänen. Einige haben wir deswegen erst mal überzeugen müssen. Aber das Kultusministerium hat entsprechende Empfehlungen veröffentlicht. Also ziehen inzwischen alle mit. Das ist jetzt drei Wochen her. Seitdem läuft alles gut.

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Wie läuft der Unterricht?

Eine Abschlussklasse hat 24 Schüler. Es dürfen aber nur acht Schüler in einen Raum. Also muss ich sie auf drei Räume aufteilen und brauche drei Lehrer. Deswegen hat jede Klasse ihr eigenes Stockwerk bekommen. Sie können sich höchstens im Treppenhaus begegnen. Außerdem haben wir Masken und Desinfektionsmittel vom Katastrophenschutz bekommen. Das ist super Hand in Hand gegangen. Vielen Dank dafür.

Wenn Ihre Schüler nicht in die Einrichtungen dürfen, wie machen sie die praktische Prüfung? Die wäre sonst vor Ort.

Die Prüfung wird hier simuliert. Wir haben eine lebensechte Puppe, an der wir alle Situationen prüfen können. Eine pädagogische Mitarbeiterin spielt außerdem ein Beratungsgespräch mit den Schülern: Wie geht man zum Beispiel bei Diabetes mit dem Insulin-Pen um? So testen wir das Fachwissen. Den schriftlichen Test schreiben wir im Waitzinger Keller. Dort hat jeder Schüler seinen Vier-Quadratmeter-Radius und wir brauchen nur drei Lehrer zur Aufsicht. Dafür haben wir ein wenig Geld in die Hand nehmen müssen. Aber mei, das kriegen wir hin.

Behält der Abschluss seine Qualität?

Auch in Coronazeiten nehmen wir die Abschlussprüfungen sehr ernst. Die Prüflinge werden nicht durchgewunken und erhalten keinen minderwertigen Coronaabschluss. Sie dürfen durch die besondere Situation keinen Nachteil erlangen.

Alexander Ohly (57), Schulleiter Pflegeschulen Miesbach

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Wie waren Ihre Erfahrungen mit Online-Unterricht? Der wurde zuletzt in einigen Schulen kritisiert.

Ein Arbeitskreis innerhalb der Gemeinnützigen Gesellschaft für soziale Dienste (GGSD) arbeitet seit über zwei Jahren am E-Learning. Vor Corona war es eine zähe Veranstaltung. Jetzt hat es einen tollen Vorschub gegeben. Alle Schüler und Lehrer haben Zugang zu einer Lernplattform mit vielen Möglichkeiten des Austauschs bis hin zu Online-Seminaren. Das funktioniert sehr gut und wird mittlerweile von Schülern und Lehrern immer selbstverständlicher als Alternative zum Präsenzunterricht genutzt.

Haben Ihre Schüler Angst, in ihre Einrichtungen zurückzugehen?

Sie sind froh, derzeit nicht in die Einrichtungen zu müssen und sich auf den Abschluss konzentrieren zu können. Vor Corona mussten sie auch während der Schulzeiten mal am Wochenende arbeiten. Das ist vorbei, jetzt sind sie bis zur mündlichen Prüfung am 1. Juli nur hier. Dass aber jemand Angst hätte, danach in den Betrieb zu gehen, habe ich nicht bemerkt.

Wann kommen die anderen Jahrgänge in die Schule zurück?

Am 2. Juli, wenn die Abschlussklassen zurück in die Betriebe gehen. Sie wechseln sich ab.

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