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Ambulanten Pflegediensten geht das Personal aus

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Von: Bettina Stuhlweißenburg

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„Vorgestellt haben sich ungepflegte Leute in Jogginghose“: Anita Szybowski (r.) und Anna Zmora leiten den „Pflegedienst Dahoam“. Weil sie hierzulande kaum gute Mitarbeiter finden, rekrutieren sie nun in Polen Fachkräfte.
„Vorgestellt haben sich ungepflegte Leute in Jogginghose“: Anita Szybowski (r.) und Anna Zmora leiten den „Pflegedienst Dahoam“. Weil sie hierzulande kaum gute Mitarbeiter finden, rekrutieren sie nun in Polen Fachkräfte. © TP

Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt, Wohnraum teuer, die Tätigkeit ein Knochenjob: Ambulante Pflegedienste finden kaum noch Mitarbeiter – vor allem im Landkreisnorden. Hier hat das BRK nun einigen Klienten die Pflegeverträge kündigen müssen.

Landkreis – „Wir bedauern das sehr“, sagt Robert Kießling, Geschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) Miesbach. „Aber wir hatten keine andere Wahl.“ Speziell im nördlichen Landkreis habe sich durch altersbedingte Abgänge das Personal so weit ausgedünnt, dass nicht mehr alle Klienten bedient werden könnten. „Wir haben die Betroffenen an andere Pflegedienstleister weitervermittelt, um Härtefälle zu vermeiden“, sagt Kießling. In Einzelfällen pflegten jetzt aber auch Angehörige die Betroffenen. Krankenhauseinweisungen aufgrund fehlender Kapazitäten in der ambulanten Pflege seien ihm nicht bekannt. Ohnehin hofft Kießling, dass das nur ein vorübergehender Zustand ist.

Derzeit fahndet das BRK mit einem Dauer-Stellengesuch nach Pflegekräften. „Wir wollen auf allen Qualifikationsstufen mehr Personal einstellen, um unsere Pfleger zu entlasten.“ Schließlich arbeiteten alle derart am Anschlag, dass gerade wegen der hohen Arbeitsbelastung die Gefahr weiterer Ausfälle bestehe. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt Kießling.

Landkreisweit sind 103 Stellen in Gesundheitsberufen unbesetzt

Das BRK ist nicht der einzige Arbeitgeber, der Mitarbeiter für den ambulanten Pflegedienst sucht: Nach Angaben der Agentur für Arbeit Rosenheim sind in den Gesundheitsberufen im Kreis Miesbach derzeit 103 Stellen unbesetzt. Ihnen stehen 69 Arbeitssuchende gegenüber.

Das Problem sei nicht das Gehalt, meint Kießling. „So schlecht ist das nämlich nicht.“ Beim BRK verdienen Pflegefachkräfte rund 3500 Euro brutto im Monat, Ungelernte etwa 2500 Euro. „In leitenden Positionen kann das auch deutlich mehr sein“, sagt Kießling. Allerdings seien Wohnungen im Raum Holzkirchen so teuer, dass man niemanden zum Zuzug motivieren könne. „Sonst könnten wir im Bayerischen Wald Personal rekrutieren.“

Hinzukomme der allgemeine, demographisch bedingte Arbeitskräftemangel. „Er trifft alle Branchen, auch den Fahrradhändler“, sagt Kießling. Dass die Lage in den Pflegeberufen besonders dramatisch ist, führt er auf die Tätigkeit zurück. „Es ist eine physisch und psychisch sehr fordernde Arbeit.“ Senioren müssten gehoben und gestützt werden. „Das ist kräftezehrend“, so Kießling. Viele bevorzugten deshalb einen Job im Büro.

„Pflegedienst Dahoam“ setzt auf Fachkräfte aus Polen

Wie schwer es ist, qualifizierte und motivierte Mitarbeiter zu gewinnen, wissen Anita Szybowski und ihre Stellvertreterin Anna Zmora nur zu gut. Die beiden leiten den „Pflegedienst Dahoam“ in Miesbach. „Ich habe viel Geld für Personalwerbung ausgegeben“, sagt Szybowski. „Aber vorgestellt haben sich ungepflegte Leute mit Jogginghose, die noch nicht mal einen Führerschein hatten.“

25 Patienten betreuten Szybowski und Zmora bis September, dann mussten sie aufgrund des Personalmangels mehr als die Hälfte der Verträge kündigen. Die verbliebenen zehn Patienten konnten die beiden Vollzeit arbeitenden Pflegedienstleiterinnen mit einer weiteren vollzeitnah arbeitenden Fachkraft sowie drei 450-Euro-Kräften gut stemmen. Bis der medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) ihnen die Zulassung kündigte, mit den Krankenkassen abzurechnen – weil sie nicht den Personalschlüssel erfüllten, den Pflegedienste zwei Jahre nach ihrer Gründung erfüllen müssen, und zwar unabhängig von der Zahl der Patienten, die sie betreuen.

24-Stunden-Pflege

Seither ist der „Pflegedienst Dahoam“ privatisiert: Die Klienten müssen die Pflege komplett aus eigener Tasche zahlen. Sieben Patienten sind bei Szybowski und Zmora geblieben – weil ihnen gute Pflege das Geld wert ist. Seit Kurzem bieten die beiden auch häusliche 24-Stunden-Pflege an. Hierfür rekrutieren sie Fachkräfte in Polen, die dann im Haushalt der Pflegebedürftigen leben. „Von Ausnahmen abgesehen, haben wir sehr gute Erfahrungen mit polnischen Pflegekräften gemacht“, sagt Szybowski, die wie Anna Zmora selbst aus Polen stammt und dort ein Büro unterhält.

Caritas bietet neue Pflegetour in Irschenberg an

Auch der Caritas fehlen Fachkräfte – obwohl sie mit familienfreundlichen Arbeitszeiten punkten kann: „Bei uns muss man nicht um 6 Uhr anfangen. Wir berücksichtigen, wenn jemand sein Kind beispielsweise erst um 7 Uhr in den Kindergarten bringen kann oder einen Angehörigen pflegen muss“, sagt Gabriela Atzl, stellvertretende Pflegedienstleiterin. Ihre 28 Mitarbeiter stemmen täglich 16 Pflegetouren im Landkreis. Auf den Touren im Schlierach- und Leitzachtal sind derzeit Pflegeplätze frei. Demnächst bietet die Caritas auch eine Tour in Irschenberg an. Im Landkreisnorden dagegen nimmt sie derzeit nur bedingt Klienten an.

Dass ambulante Dienste nicht flächendeckend unterwegs sind, liegt daran, dass sie die Arbeitswege möglichst kurz halten müssen, um nicht Zeit zulasten der Pflege zu verlieren. Zudem vergüten die Krankenkassen die Anfahrt häufig nur pauschal.

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