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Institution am Richtertisch: Gerhard „Fuzzy“ Krauß an seinem früheren Arbeitsplatz. Ende Mai ist der Protokollführer nach 41 Jahren am Miesbacher Amtsgericht in den Ruhestand gegangen.

Gerhard Krauß plaudert

„Fuzzy“ sagt Servus: Porträt zum Ruhestand von Bayerns verrücktestem Gerichtsschreiber

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An seiner Bürotür im Miesbacher Amtsgericht stand Gerhard Krauß. Doch alle kennen den Protokollführer unter dem Namen Fuzzy. Zu seinem Ruhestand verrät er, warum.

Miesbach/Weissach – „iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii“: Diese etwas merkwürdige Buchstabenkombination hatte Amtsrichter Walter Leitner einst auf seinem Bildschirm – mitten in der Verhandlung. Die Ursache war nicht etwa ein Computervirus, sondern Protokollführer Gerhard „Fuzzy“ Krauß. „Ich bin einfach eingenickt“, erzählt der 64-Jährige und lacht. „Aber nur kurz.“ Dann nämlich weckte ihn ein tieffliegendes Bonbon unsanft aus seinem Sekundenschlaf – abgefeuert vom Richterstuhl. Das aber so dezent, dass es weder Staatsanwalt, noch Verteidiger, Angeklagter oder die Zeugen mitbekommen haben.

Anekdoten wie diese könnte Krauß am laufenden Band erzählen. Seit 1978 war er beim Amtsgericht Miesbach tätig – in unterschiedlichster Funktion. Anfang Juni hat er nun seinen Ruhestand angetreten. Die letzten zwölf Jahre seiner Laufbahn führte er das Protokoll bei allen Verhandlungen zu Strafsachen. So ist er vielen Landkreisbürgern – ob Zeugen oder Angeklagte – gut bekannt.

Vier Mal die Woche ließ Krauß seine Finger über die Computertastatur fliegen. 400 Anschläge pro Minute hatte er locker drauf. „Ich hab nie nachgeschaut, wo der Weltrekord liegt“, sagt er und lacht. Juristische Standardformulierungen wie Belehrungen oder Vereidigungen ersparte er sich mithilfe von Tastaturkürzeln. Mit durchschnittlich 50 DIN A4-Seiten pro Tag hätte er jede Woche einen Roman veröffentlichen können.

Ob die Inhalte aber immer Krimi-Qualität hatten? Nicht zwangsläufig, meint Krauß. Gerade bei Betrugsfällen seien die Verhandlungen auch gerne mal zu einer Märchenstunde geraten. Da, sagt der 64-jährige Justizwirt, sei es ihm immer am schwersten gefallen, schweigend mit zu tippen. „Bei solchen Angeklagten sind immer alle anderen schuld.“ Eine scherzhafte Anspielung in Form eines Aufdrucks auf seinen Hosenträgern konnte er sich nicht verkneifen. „Egal was es war: Ich war’s nicht.“

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Krauß selbst war stets ein Verfechter klarer Ansagen. Schon in seiner Zeit als Gerichtsvollzieher lernte er, bei Widerstand nicht einfach klein beizugeben. In dieser Zeit machten sich auch die Bundeswehrstiefel bezahlt, die der 64-Jährige in seiner gesamten Dienstzeit gern getragen hat. „So war mein Fuß nicht kaputt, wenn mir mal einer die Tür vor der Nase zugeknallt hat.“

Ein anderes Markenzeichen geht auf Krauß’ Leidenschaft für die Musik zurück. Als er noch ganz frisch am Amtsgericht war, habe ein Freund des Wachtmeisters nach dem neuen, Gitarre spielenden Mitarbeiter gefragt, erzählt der 64-Jährige. Da sich der Wachtmeister seinen Namen noch nicht gemerkt habe, schickte er den Besucher einfach zu „dem Fuzzy da hinten“. „Das ist mir dann geblieben“, sagt Krauß.

Seit 1965 „schrubbt“ er in unterschiedlichsten Bands. Vor allem die Beatles haben es ihm angetan. Aber auch vor Volksmusik, Schlager, Rock’n’Roll oder Blues macht Fuzzy nicht halt. Mit „Dampf und Wampen“ ging er sogar auf eine fünfwöchige Konzerttournee durch Japan. Und noch heute erinnert er sich schmunzelnd, wie er als 18-Jähriger mit seiner „Negerband“ aus einem Münchner Musikklub geflogen ist. „Nachdem wir 20 Minuten lang Satisfaction von den Rolling Stones gespielt haben.“

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Ähnlich viel Ausdauer brauchte Krauß im Gerichtssaal. Sechs Stunden Verhandlungen ohne Pinkelpause seien schon mal vorgekommen, erinnert sich der Protokollführer. Doch auch hier hat er seine Strategie entwickelt. Er schickte dem Richter die Werbung eines bekannten Schokoriegels auf den Bildschirm: „Wenn’s mal wieder länger dauert...“

Seinen Ruhestand will Krauß nun möglichst weit weg von der Computertastatur verbringen. Neben seinen musikalischen Auftritten mit „Zitherhex & Co.“, den „Highland Bazis“ und Alleinunterhalter Heribert „Harrax“ Marcher will der Vater von drei Kindern in einem VW-Bus von seinem Heimatort Weissach aus ganz Deutschland bereisen. Und er träumt von einem neuen Motorrad. An der Liebe zum „Kurvenkratzen“ konnte auch ein Unfall 2007, als ihn ein Auto rammte und 17 Meter durch die Luft schleuderte, nicht rütteln. Sein Körper war fast kaputt, aber Fuzzy kämpfte sich ins Leben zurück.

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So sehr ihm seine Kollegen am Amtsgericht den Ruhestand gönnen: Sie wissen auch, was sie verlieren. Zum Abschied haben sie Fuzzy einen Ehrentitel auf seine schwarze Robe sticken lassen: „Bester boarischer Gerichtsschreiber.“

sg

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