36-jähriger Haushamer zu Sozialstunden verurteilt

Aus Angst zum Tierabwehrspray gegriffen

Miesbach - Weil er einem 60-jährigen Wohnungslosen mit Tierabwehrspray ins Gesicht gesprüht hat, musste sich ein 36-jähriger Haushamer vor dem Miesbacher Amtsgericht verantworten. Er kam mit Sozialstunden davon.

Es war ein undurchsichtiger Streitfall, den Richter Walter Leitner am Miesbacher Amtsgericht zu verhandeln hatte. Weil er einen 60-jährigen italienischen Staatsbürger ohne festen Wohnsitz nach einer verbalen Auseinandersetzung mit einem Tierabwehrspray ins Gesicht gesprüht haben soll, musste sich ein 36-jähriger Haushamer wegen gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank verantworten. Das Problem für das Gericht waren die fehlenden Zeugen: Zwei waren erkrankt, ein dritter war nach Dortmund gezogen und dort nicht mehr auffindbar. Am Ende der durchaus kuriosen Verhandlung milderte Richter Leitner das Strafmaß auf fahrlässige Körperverletzung ab und legte dem Haushamer 40 Sozialstunden auf. 

Der Vorfall hatte sich im August 2015 in der Wohnung eines Mietshauses in Miesbach zugetragen. Zur Tatzeit hielten sich dort zudem der Mieter sowie eine Frau und ein Mann auf. Laut dem Angeklagten lief der Streit wie folgt ab: Ein bis zwei Mal pro Woche trafen sich die damaligen Freunde zum geselligen Beisammensein. Dabei tranken sie auch das eine oder andere Bier. Am Tatabend war auch der Italiener mit vor Ort. Dann passierte es. „Er ist plötzlich ausgeflippt“, sagte der Haushamer. 

Als er den 60-Jährigen daraufhin aufforderte, die Wohnung im zweiten Stock zu verlassen, sei dieser handgreiflich geworden. „Er ist auf mich losgegangen, hat mich gegen ein offenes Fenster gedrängt und wollte mich dort hinaus schubsen“, erklärte der Haushamer. Davor habe ihm der Mann ins Gesicht geschlagen. Das habe ihn veranlasst, nach seinem Notfallspray zu greifen. Dieses habe er sich in einem Tierfachhandel besorgt. „Zurzeit passiert ja überall so viel“, sagte er. 

Staatsanwältin Müller blieb skeptisch. „Warum nehmen sie das Spray mit in die Wohnung eines Freundes?“ Der Angeklagte erklärte, dieses als Angst vor dem Geschädigten mitgeführt zu haben. „Der taucht immer unerwartet auf und ist hoch aggressiv“, sagte er. Dies bestätigte auch der ermittelnde Polizist. Der Italiener sei den Miesbacher Beamten schon mehrmals negativ aufgefallen. „Er ist bekannt für körperliche Auseinandersetzungen, bei denen auch Alkohol mit im Spiel ist“, sagte der Polizist aus. 

Der Geschädigte stritt jedoch sämtliche Anschuldigungen ab. Er sei von der anwesenden Zeugin zur Wohnung gerufen worden. „Sie bat um Hilfe, weil sie dort eingesperrt wurde.“ Daraufhin habe er die Polizei alarmiert. Danach wollte er zusammen mit der Frau den Angeklagten aus dem Haus jagen. Bei der Rangelei Richtung Haustüre habe er den Haushamer dann an die Fensterbank gedrückt. „Das Fenster war aber zu“, bekräftigte er. Zudem sei davor noch ein Balkon. 

Richter Leitner und Verteidiger Klaus Baltzer – beiden ist das Mietshaus bekannt – entlarvten das als Lüge. Das ließ auch die Staatsanwältin umdenken. „Wenn es dort keinen Balkon gibt, kann ich die ängstliche Situation des Angeklagten nachvollziehen“, sagte sie. Baltzer empfahl, seinem Mandanten – auch aufgrund dessen geringen Einkommens – lediglich Sozialstunden aufzuerlegen. 

Leitner folgte dem Anwalt und stellte das Verfahren gegen den 36-Jährigen ein – vorläufig, wie er betonte. Sollte dieser nämlich die Sozialstunden nicht ableisten, werde das Strafverfahren wieder aufgenommen. Leitner: „Also machen Sie das.“

Von Daniel Wegscheider

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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