Fordert mehr Einsatz für Pflegekräfte: Christine Newin, Leiterin des Vitanas Senioren Centrums in Miesbach.
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Fordert mehr Einsatz für Pflegekräfte: Christine Newin, Leiterin des Vitanas Senioren Centrums in Miesbach.

Rund ein Jahr nach dem Applaus vom Balkon sind Alten- und Krankenpfleger frustriert

Applaus für Pflegekräfte: „Seit letztem Frühjahr hat sich nichts getan“

Seit einem Jahr stehen die Pflegekräfte im Fokus der Öffentlichkeit - auch im Landkreis Miesbach. Doch sie sind etwa ein Jahr nach den großen Solidaritätsbekundungen frustriert, denn zum Positiven geändert hat sich eigentlich nichts.

Landkreis – Etwa ein Jahr ist es her, da standen auch im Landkreis Miesbach viele Menschen auf ihren Balkonen und applaudierten Alten- und Krankenpflegern. Es schien, als seien diese schlecht bezahlten Berufe, die sonst kaum Anerkennung finden, auf einmal sichtbar geworden. Sie wurden als systemrelevant bezeichnet, als „Helden des Alltags“, und alle waren sich einig: Ohne die Arbeit dieser Menschen wäre die Corona-Pandemie eine nicht zu bewältigende Katastrophe.

„Das war eine Zeit, in der der Pflege eine hohe Wertschätzung entgegengebracht wurde“, erinnert sich der Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie des Krankenhauses Agatharied, André Fritzsch. Das sei eine ganz neue Erfahrung gewesen, schließlich sei die Arbeit der Pflegekräfte zuvor oft als selbstverständlich hingenommen worden. „Ich habe mit dem Applaus die Hoffnung verbunden, dass die Politik umdenkt.“ Zwar hat Fritzsch eine Corona-Prämie erhalten, aber das reicht nicht: „Es geht nicht um einmalige Prämien, sondern um eine vernünftige Bezahlung für alle Pflegekräfte.“

Die Arbeit der Pfleger ist seit dem Frühjahr 2020 noch kräftezehrender geworden. „Corona-Patienten müssen in vollständigen Schutzausrüstungen betreut werden. Das ist eine hohe Belastung.“ Zusätzlich zu den neuen medizinischen Aufgaben seien die Pfleger wegen der Kontaktbeschränkungen in vielen Fällen die einzigen Ansprechpartner der Patienten. „Ängste und Sorgen, die vorher mit Angehörigen besprochen wurden, werden jetzt mit uns geteilt. Auch dafür müssen wir uns Zeit nehmen.“

Newin: Wollen gesehen werden

Fritzsch ist frustriert: „Die Tarifverhandlungen zeigen es ja wieder: Die Anerkennung der Pflege als Berufsgruppe in der Politik hat sich nicht verändert..“ Zumindest auf politischer Ebene. „Die Dankbarkeit aus der Bevölkerung ist noch immer da. Ich spüre sie in den Gesprächen mit Patienten und Angehörigen.“ Diese Dankbarkeit sei es auch, die ihn weiterhin motiviere. Denn: „Das Wichtigste sind die Menschen.“

Auch Christine Newin, Leiterin des Vitanas Senioren Centrums Schlierachwinkl in Miesbach, ist enttäuscht: „Kurzzeitig wurde klar, was die Pflege leistet. Aber eigentlich war es nur ein ,Wir sagen Danke, ihr kriegt ein Geld, und das war’s‘.“ Ihre Einrichtung habe die Gehälter der Pfleger um 15 Prozent erhöht. Das allein reiche aber nicht: „Wir wollen gesehen werden.“

Es sei äußerst problematisch, dass die Pflege nie ein Mitspracherecht habe. Dabei hätten doch auch Pfleger Kompetenzen und spezifisches Fachwissen, dass wichtig für umfassende Entscheidungen sei. „Der Pflegeberuf wird nicht durch bessere Gehälter, sondern durch Sichtbarkeit attraktiver.“ Und hier müsse angesetzt werden. „Wir brauchen keinen Applaus von Balkonen, sondern eine politische Lobby, die sich für unsere Interessen einsetzt, eine Pflegekammer, so wie es ja auch eine Ärztekammer gibt.“

Moritz Hackl

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