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Schön anzusehen, aber ein gefährlicher Schädling: Der Asiatische Laubholzbockkäfer kommt aus Ostasien.

Gefahr für den Wald

Ein ökologischer Alptraum in Bayern: Asiatischer Käfer bedroht das Oberland

Der Asiatische Laubholzbockkäfer frisst sich durch Laubbäume, bis sie absterben. Sechs Quarantänezonen gibt es in Bayern bereits, nun hat es die Stadt Miesbach erwischt. Die Lage ist ernst.

München „Wir haben es mit einer ernsten Bedrohung der Baumlandschaft Miesbachs zu tun.“ Vize-Bürgermeister Paul Fertl klingt extrem besorgt. Die kleine Kreisstadt im bayerischen Oberland erlebt gerade einen ökologischen Albtraum. Mitten im Ort wurde der Asiatische Laubholzbockkäfer (ALB) gefunden. Nicht nur einen, sondern gleich 30 der schwarz-weiß gemusterten Käfer haben Experten vom Landesamt für Landwirtschaft (LfL) eingesammelt. Was bedeutet, dass der Asiate bereits seit zwei Jahren vor Ort ist, denn solange braucht er für seinen Entwicklungsprozess. Und es dürften noch mehr als 30 Käfer werden. Das lassen erste Fällungen stark vermuten.

Um das Risiko einer Ausbreitung zu minimieren, haben die Fachleute schon gut zwei Drittel der befallenen Bäume, in erster Linie Ahorn, abgeholzt. Denn die Käfer schlüpfen in diesen Tagen, schwärmen aus und befallen neue Gehölze. Als Wirtsbäume kommen 16 Laubgattungen infrage, darunter Birke, Erle, Esche, Linde, Weide und Kastanie. Nur Obst- und Nadelarten sowie Eiche und Walnuss stehen nicht auf dem Speiseplan des asiatischen Baumschädlings.

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Asiatische Käferplage: „Viele haben den Ernst der Lage noch nicht begriffen“

Noch gibt es in Miesbach seitens der Bürger keinen Aufschrei wegen der Fällungen. „Viele haben den Ernst der Lage noch nicht begriffen“, glaubt Vize-Bürgermeister Fertl. Vielleicht auch, weil die Fällungen bislang nur auf dem Parkplatz des Finanzamtes und vor dem Seniorenzentrum stattfanden, wo die Baumdichte gering ist. Doch es könnte noch dramatisch werden. In unmittelbarer Nähe gibt es drei Parkanlagen mit vielen großen, alten Bäumen. Teile davon liegen im 100-Meter-Radius um die Fundstellen. In diesem Umkreis müssen nicht nur befallene, sondern radikal alle für den Baumschädling in Frage kommenden Wirtsbäume gefällt werden. So schreibt es das geltende EU-Recht vor. Das Ziel: Die Ausbreitung des aus Asien eingeschleppten Käfers zu vermeiden, der sich durch den Stamm frisst, bis der Baum am Ende abstirbt.

Klare Sache: Ein Larve des ALB wurde in diesem Baum in Miesbach gefunden. Nun herrscht Alarmstufe Rot.

Was für Auswirkungen der Käfer für Miesbach noch haben wird, kann man sich rund um München anschauen. Dort liegen gleich zwei der sechs ALB-Quarantänezonen Bayerns. Seit 2012 beschäftigt das knapp vier Zentimeter große Tier hier Bürger und Behörden. Damals wurde ein Krabbler in Feldkirchen nahe der Messe entdeckt. Im Herbst 2014 tauchte der gefräßige Schädling dann in Neubiberg auf, kurz darauf in einem Wäldchen beim Messegelände. Im Juni 2015 schließlich am Rande des Münchner Stadtteils Waldperlach. In 40 privaten Anwesen mussten alle Laubbäume weichen – rund 130 in nur wenigen Tagen. Auch im angrenzenden Waldstück, das fast nur aus Laubbäumen besteht, wurde die Säge angesetzt. Das Holz wurde noch vor Ort sofort begutachtet, gehäckselt und verbrannt. Der ALB gilt als einer der gefährlichsten Laubholzschädlinge weltweit. Eingeschleppt wurde er vermutlich über befallene Holzpaletten. Einziger Trost: Der Käfer kann zwar fliegen, ist aber träge. Daher bleibt er meist an dem Baum, an dem er geschlüpft ist, bewegt sich allenfalls zur Nachbarpflanzung. So breitet sich der Befall nur wenige hundert Meter im Jahr aus und kann bekämpft werden.

Bayern: In diesen Bezirken ist die Ausrottung der Käfer bereits gelungen

In Neukirchen am Inn ist erstmals in Bayern die Ausrottung gelungen. Der Quarantänestatus endete Silvester 2015 – elf Jahre nach dem ersten Käferfund. Eine Quarantänezone wird erst dann wieder aufgehoben, wenn vier Jahre am Stück trotz intensiver Suche keine weiteren Käferspuren gefunden werden. Man braucht beim Asiatischen Laubholzbockkäfer also einen langen Atem.

In Neubiberg und Waldperlach steht man ebenfalls kurz vor dem großen Aufatmen. Bis Ende Oktober findet in der Quarantänezone noch ein intensives Monitoring durch Baumkletterer statt. Findet sich nichts mehr, sind die Neubiberger zum Jahresende aus dem Schneider. Für die Landesanstalt für Landwirtschaft ist das der Beweis, dass ein konsequentes Vorgehen hilft. In Feldkirchen muss man noch bis Ende 2020 zittern.

Ein Käferhund schnüffelt in Miesbach an einem gefällten Baum. Die Hunde sind auf Schädlinge trainiert.

Trotz intensiver Suche sind die Ausbohrlöcher der Käfer schwer zu finden. Deshalb die Vorgehensweise der Behörden, im Umfeld des Befalls mögliche Wirtsbäume rigoros zu fällen. Auch in Feldkirchen wurde am Ende zur Vorsorge großflächig gefällt. Plötzlich war ein kleines Wäldchen mit schönen alten Edelholzbäumen mitten im Ort verschwunden, 80 Großbäume am Friedhof wurden gefällt, ebenso ein ortsbildprägender Baum neben der Kirche. „Der ALB hat das Ortsbild verändert“, sagt der Umweltreferent der Gemeinde, Klaus Pitterle. Auch, weil keine ALB-Wirtsbäume nachgepflanzt werden dürfen.

In Miesbach steht man noch ganz am Anfang. Aktuell laufen umfangreiche Untersuchungen, die wohl erst in einigen Wochen abgeschlossen sind. Erst danach gibt es die Allgemeinverfügung, in der die exakte Quarantänezone definiert wird. Die damit verbundenen Fällungen sind unvermeidlich. Derzeit gibt es schlicht kein anderes probates Mittel, um des gefräßigen Baumschädlings Herr zu werden und nicht noch mehr Laubbäume zu verlieren.

In Bayern gibt es noch weitere ungeliebte eingewanderte Insekten: Sie haben bereits einen ganzen Wald abgefressen, nun ziehen sie ins Dorf. Die Schwammspinner belasten den Freistaat: „Es kribbelt und krabbelt überall“.

Carmen Ick-Dietl

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