+
Bereket Andebrhan (türkises T-Shirt) kann anderen Teilnehmern im Kurs von Ludwig Pschierl (r.) - wie Muzafar Igbal Katana (l.) - schon helfen.

Asylbewerber ohne Arbeitserlaubnis

Wo die arbeiten, die woanders nicht arbeiten dürfen

  • schließen

Die einen wollen nicht arbeiten. Die anderen dürfen nicht. Die Integration von Asylbewerbern in Arbeit ist schwierig. Ein Besuch bei denen, die durch alle Raster fallen.

Miesbach – Mit den Händen in der Hosentasche steht Adel Ikhtiari (29) in der Werkstatt der Miesbacher Realschule. „Warum?“, fragt der Afghane. Warum darf er nicht wieder arbeiten? Ikhtiari schüttelt den Kopf. Er versteht es nicht. Und so recht erklären kann es ihm auch keiner. Der Asylbewerber hatte einen Job in einer Firma in Osterwarngau – bis ihm die Arbeitserlaubnis entzogen wurde.

Seit gut zwei Monaten ist es nämlich in Bayern für geflüchtete Afghanen, Nigerianer und Pakistani besonders schwierig geworden, arbeiten zu dürfen. Weil die Bleibe-Chance der Menschen aus diesen Ländern gering ist, kriegen sie keine Arbeitserlaubnis mehr. Wie Ikhtiari. Jetzt vertreibt er sich die Zeit in der Asylwerkstatt des Fördervereins PIA.

Adel Ikhtiari erkundigt sich bei Max Niedermeier, wieso er keine Arbeitserlaubnis bekommt.

Ikhtiari ist Hazara, eine ethnische Gruppierung Afghanistans, die dem schiitischen Islam angehört. Wegen seines Glaubens hatten die Taliban ihn und seine Familie verfolgt, erzählt Ikhtiari. Mit acht Jahren ist er nach Pakistan geflohen, mit zwölf Jahren in den Iran. „Dort habe ich Schneider gelernt“, sagt der 29-Jährige. Alles, das mit Handwerk zu tun habe, falle ihm leicht. So auch die Arbeit mit Metall in der Asylwerkstatt in Miesbach. Metallbaumeister Ludwig Pschierl (57) aus Schliersee hat sie im Juli übernommen. Vor zwei Wochen hat der zweite Kurs begonnen. Dass fast alle auch in der zweiten Woche noch gekommen sind, hat Pschierl ein bisschen überrascht. Positiv.

Von 30 Asylbewerbern waren zum Schluss nur vier übrig

Aus dem ersten Kurs sind am Ende vier Asylbewerber übrig geblieben, von anfangs 30. Der Rest ist nach und nach nicht mehr gekommen, bei manchen kollidierten die Termine mit dem Integrationskurs. „Das frustriert schon“, gibt Pschierl zu, dem die fehlende Zuverlässigkeit bei einigen seiner Schützlinge aufgefallen ist. „Aber die übrigen vier haben es jetzt verstanden“, sagt er. Und darum geht es ihm. Kleine Erfolge. Zumindest ein paar seiner Schützlinge will er in Arbeitsverhältnisse vermitteln.

Die Asylwerkstatt des Fördervereins bietet denjenigen eine Chance, die sonst durch alle Raster fallen. Zu alt für die Berufsschule, zu schlecht in Deutsch für eine reguläre Stelle, ohne Arbeitserlaubnis. Integrationsbeauftragter Max Niedermeier sagt: „Mei, auch von denen können manche nichts.“ Das ist aber kein Phänomen unter Asylbewerbern, weiß Metallbaumeister Pschierl. Aus seinen 30 Jahren als Ausbildungsmeister weiß er, dass auch bei deutschen Azubis der eine oder andere die Probezeit nicht schafft.

Die einen sind schon richtig gut, bei den anderen hapert es am Deutsch

Bereket Andebrhan (29) ist einer von denen, die es geschafft haben. Er gehört zu den Verbliebenen aus dem ersten Kurs. Pschierl hat ihm ein vorläufiges Zeugnis ausgestellt, und sie haben gemeinsam Bewerbungen geschrieben. Seit vergangenem Jahr hat der Eritreer, der erst vor ein paar Tagen Papa geworden ist, die Anerkennung. Seine Frau lebt mittlerweile auch im Landkreis, Andrebrhan will eine Ausbildung machen. Vorher muss er aber erst die Prüfung bei Pschierl bestehen.

Die hat es in sich. Praxis, Theorie und Mathematik. Letzteres fällt Andebrhan am schwersten. „Rechnen kann ich schon“, sagt er und grinst. Aber das Umrechnen von hiesigen Einheiten wie Zentimetern und Dezimetern, „das geht nur mit Tabelle“. Bevor er die aber paukt, muss er sich auf die Sprachprüfung B1 im März vorbereiten.

Im aktuellen Kurs ist Andebrhan ein alter Hase. Den 13 neuen Asylbewerbern kann er schon bei vielen Handgriffen helfen. Zum Beispiel dem Pakistani Muzafar Igbal Katana (30). Obwohl der eigentlich gar nicht so viel Hilfe braucht; in seiner Heimat hat er als Maurer und Tischler gearbeitet. Nur mit dem Deutsch klappt es eben noch nicht so gut. Auch darum kümmert sich Pschierl an den vier Tagen pro Woche, an denen der Werkstatt-Kurs läuft.

Für die Ausbildung in der Asylwerkstatt braucht‘s Geld und Personal

Mit gelber Kreide schreibt Pschierl Wörter an die Tafel: Anschlagwinkel, Messschieber, Dreikantfeile. Die Kursteilnehmer müssen die Wörter nachsagen und schreiben sie in ihr Heft. „Wir machen auch eine eigene Formelsammlung“, sagt Pschierl. Man merkt ihm an, wie sehr ihm die Arbeit Spaß macht. „Das ist mein Herzblut“, bestätigt der Schlierseer. Deswegen kümmert er sich auch um alles andere wie Fahrkarten, Bewerbungen, Kontakte zu Sportvereinen. Weil das aber zu viel Zeit vom Lehren wegnimmt, soll er Unterstützung bekommen. Niedermeier verhandelt derzeit eine Kooperation mit der Kolping-Bildungsagentur.

Für den Messschieber, den Anschlagwinkel und all die anderen Werkzeuge auf Pschierls Tisch braucht die Asylwerkstatt aber nicht nur Personal, sondern auch Geld. Davon, was PIA von der Spendenaktion Leser helfen Lesern im vergangenen Jahr bekommen hat, ist nur noch wenig übrig, verrät Niedermeier. Und schließlich hat er schon ein neues Ziel vor Augen: eine Werkstatt, in der Asylbewerber zum Beispiel einfache Windkraftanlagen produzieren, die sie dann in ihren Heimatländern installieren können.

So sind die Regelungen: Arbeitserlaubnis für Asylbewerber in Bayern

Generell dürfen Asylbewerberdrei Monate, nachdem sie ihren Asylantrag gestellt haben, einer Arbeit nachgehen. Bis eine Antwort auf den Antrag eintrifft, haben sie eine Aufenthaltsgestattung und können sich eine eingeschränkte Arbeitserlaubnis holen. Fällt der Bescheid dann positiv aus, gibt’s eine uneingeschränkte Erlaubnis. Ist er negativ, kann der Asylbewerber nur dann eine Arbeitserlaubnis bekommen, wenn er geduldet wird. Das heißt, wenn seine Abschiebung ausgesetzt wird. Ob es in den angesprochenen Fällen eine eingeschränkte Erlaubnis gibt,entscheidet das zuständige Ausländeramt. Nach einem Rundschreiben des bayerischen Innenministeriums vom 19. Dezember an die Ausländerämter sollen Asylbewerbernur noch dann eine Arbeitserlaubnis erhalten, wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in Deutschland bleiben dürfen. Das trifft auf Menschen aus Syrien, Eritrea, Iran, Irak und Somalia zu. Eine offene Bleibeperspektive haben diejenigen Asylbewerber aus Pakistan, Afghanistan und Nigeria. In Bayern dürfen Letztere nun nicht mehr arbeiten, solange sie keinen positiven Bescheid erhalten haben. Aus dem Ministerium heißt es zur Begründung, die Ausreise solle so vorbereitet werden, anstatt die Integration voranzutreiben.

Asylbewerber und Arbeit: In der kommenden Woche stellen wir Asylbewerber und ihre Tätigkeit vor. Nicht bei allen läuft es gut....

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Der „Komödienstadel“übernimmt die Regie
Der Klassiker aus dem Bayerischen Fernsehen ist in der Kreisstadt angekommen: Der „Komödienstadel“ belagert den Waitzinger Keller.
Der „Komödienstadel“übernimmt die Regie
Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen gegen AfD-Kandidat ein
Die Staatsanwaltschaft München II hat die Ermittlungen gegen den AfD-Direktkandidaten Constantin Leopold Prinz von Anhalt eingestellt.
Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen gegen AfD-Kandidat ein
Fischbachau: Ja ohne Diskussion
Während es in anderen Gemeinden Vorbehalte gibt, hat Fischbachau keine Bedenken, dem noch zu gründenden Landschaftspflegeverband beizutreten. 
Fischbachau: Ja ohne Diskussion
Qualität gegen kritische Beobachter
Das größte Bauprojekt der Gemeinde Schliersee seit vielen Jahren hat einen Meilenstein erreicht. Für den Anbau ans Heimatmuseum wurde jetzt Richtfest gefeiert.
Qualität gegen kritische Beobachter

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion