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Es kommentiert Dieter Dorby.

Kommentar zum Wochenende

Der Tourismus spart sich zurück in die 1990er-Jahre

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Statt unsere herrliche Landschaft und Kultur mit Leidenschaft touristisch zu vermarkten, schauen wir zu, wie uns andere überholen – selbst wenn sie nur einen Hügel und eine Kirche bieten. Ein Kommentar zum Wochenende.

Einst war die touristische Entwicklung ein Leuchtturmprojekt, in das viele Menschen in der Region Wissen, Geld und Herzblut gesteckt haben. Jetzt rast der Tourismus-Zug munter weiter, jedoch ohne den Landkreis Miesbach. Der ist ausgestiegen – weil’s billiger ist. Die letzte Sitzung des Wirtschaftsausschusses hat es einmal mehr deutlich gemacht: Viele Kreisräte und der Landrat werten die 50-prozentige Budgetkürzung des Landkreises für das Kommunalunternehmen Alpenregion Tegernsee Schliersee auf 425.000 Euro als Erfolg. Sie genießen das gute Gefühl, viel Geld gespart zu haben. Ich befürchte aber, die Freude wird nicht allzu lange währen. Denn bei aller Notwendigkeit, auf die öffentlichen Finanzen zu schauen, wurde dabei leider etwas übersehen: Der Tourismusmarkt ist ein Verdrängungswettbewerb, den die Destination gewinnt, die es versteht, Kunden zu erreichen und anzusprechen. Gäste bekommt, wer sich voll auf Markt und Marketing konzentriert.

Während andere Regionen technisch und strukturell aufrüsten, verlieren wir uns wieder im lieb gewonnenen Klein-klein. Unsere Kommunen dürfen nun endlich wieder allein entscheiden, ob und in welcher Farbe ein Wanderwegschild aufgestellt wird. Die Frage, was der Gast möchte, entscheidet wieder der Gemeinderat.

Andere Mitbewerber, die landschaftlich weniger zu bieten haben, machen mehr aus ihren Möglichkeiten. Sie setzen als Gemeinschaft auf professionelles Marketing – mit Bild und Videomaterial, das Sehnsüchte beim potenziellen Gast weckt. Wir hier brauchen das künftig nicht mehr. Wir wollen Touristen, aber bitte nicht zu viele. Staus dürfen sie auf keinen Fall verursachen. Und vor allem wollen wir kein Geld ausgeben – es ist doch eh so schön bei uns, das muss reichen. Aber Geld kassieren, das wollen wir schon. Doch leider gilt auch hier: Von nichts kommt nichts.

Die Krönung im Spiel um das Tourismus-Downgrading ist des Landrats Bemerkung, dass man mit weniger Geld kreativer werde. Damit stellt er die bisherige Arbeit der ATS vollends infrage. Aber nehmen wir den Ball von Herrn Rzehak mal auf: Wie wär’s denn mit dieser Idee, die gar nichts kostet? Statt Panoramafotos und Profi-Filme zur Gäste-Akquise könnte die ATS künftig Facebook-Schnappschüsse vom Landrat nutzen. Damit bekäme Werbung aus dem Landkreis sogar ein Gesicht.

Nicht minder enttäuschend war für mich das Desinteresse der Fraktionen im Wirtschaftsausschuss. Weder CSU, SPD, FW, Grüne noch Bayernpartei war die brachiale Budget-Kürzung die Frage wert, wie sich das konkret auf den Tourismus im Landkreis auswirken wird. Selbst Kämpfer wie Fischbachaus Bürgermeister Sepp Lechner fahren nur noch auf Standgas. Es scheint, als berühre das Thema nach jahrelangen Dauer-Diskussionen niemanden mehr.

Wie sehr es um Einzelinteressen geht, zeigt die Passivität der Werteproduzenten bei der Grünen Woche. Sie sind ein Aushängeschild für Qualität und Nachhaltigkeit, profitieren aber auch stark vom Image der Urlaubsregion. Selbst wenn die Beteiligung an einer Messe ein Draufzahl-Geschäft ist, so sollte es für die Unternehmen selbstverständlich sein, sich und die Heimatregion bei einer so bedeutenden Veranstaltung stolz zu präsentieren. Wir sägen uns also Stück um Stück den Ast ab, auf dem wir sitzen. Und so führt uns der Weg zurück in die 1990er-Jahre, als sich der Tourismus im Landkreis auf Talfahrt begab und der Ruf nach einer gemeinsamen Strategie laut wurde. Aber das ist dank der bisherigen Auffang-Arbeit der ATS bereits wieder so gut wie vergessen.

Lesen Sie auch: ATS-Chef im Interview - So sieht Harald Gmeinder die Budget-Kürzung

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