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Wochentags am schwierigsten: Montag bis Freitag rücken die Bergwachten inzwischen so oft aus wie am Wochenende. Weil die Ehrenamtlichen an diesen Tagen aber arbeiten, mangelt es gerade dann am Personal.

„Vor zehn Jahren war das noch ganz anders.“

Bergwachten im Dauer-Stress: Doppelt so viele Einsätze wie vor zehn Jahren

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Die Bergwachten im Landkreis Miesbach mussten im Jahr 2018 fast doppelt so häufig ausrücken wie noch 2008. Gerade an Wochentagen wird ihnen deswegen das Personal knapp.

Landkreis – Etwas mehr als eine Woche ist es her, dass die Bergwacht Rottach einen 33-jährigen Münchner aus den Wäldern über Bad Wiessee retten musste. Er war mit seinem Mountainbike auf der Abfahrt zwischen der Neuhüttenalm und der Aueralm gestürzt und hatte sich das Handgelenk gebrochen. Gerade als die Retter den Verletzten abtransportierte, geschah der nächste Unfall. Wenige Meter oberhalb der Einsatzstelle stürzte eine 45-jährige Geretsriederin mit ihrem Mountainbike und brach sich die Schulter. Die Bergwachtler gingen fließend zum nächsten Einsatz über.

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Bergwachten im Dauer-Stress: Doppelt so viele Einsätze wie vor zehn Jahren

Das Beispiel zeigt: Es ist viel los an den Bergen im Landkreis. Das belegt auch die Statistik der Bergwacht. In den vergangenen zehn Jahren haben sich deren Einsatzzahlen im Landkreis in den Sommer-Monaten von Mai bis November fast verdoppelt, berichtet Florian Lotter, stellvertretender Regionalgeschäftsführer der Bergwacht Hochland. 2008 rückten die Bergwachten Bayrischzell, Hausham, Schliersee und Rottach-Egern insgesamt 250 mal aus. 2018 waren es 490 Einsätze. Besonders deutlich gewachsen sind die Einsatzzahlen im Tegernseer Tal (2008: 89, 2018: 175) und am Schliersees/Spitzingsee (2008: 78, 2018: 150). Auch die Bergwachten Bayrischzell (2008: 65, 2018: 135) und Hausham (2008: 18, 2018: 30) mussten im vergangenen Jahr deutlich häufiger ausrücken. Und: Der Trend setzt sich fort. Auch 2019 stiegen die Einsätze bereits leicht an, berichtet Lotter.

Damit entspricht die Entwicklung im Landkreis grob der in Bayern: Hier hatten sich die Einsätze am Berg seit 2006 verdoppelt (wir berichteten im Bayern-Teil). Ebenfalls eine Gemeinsamkeit: Die Zahlen der Todesfälle bleiben in Bayern und Miesbach seit Jahren auf ähnlichem Niveau.

Das Hauptproblem laut Lotter sind aber nicht die häufiger werdenden Einsätze – es ist vor allem deren Verteilung. Während die Menschen früher vor allem am Wochenende in die Berge gingen, nehmen sie sich inzwischen auch Montag bis Freitag frei zum Wandern und Radfahren. E-Bikes weiten außerdem den Kreis der Bergsportler aus: Nun können auch Rentner und weniger sportliche Menschen die Alpen erkunden. Für die Bergwachtler rücken sie inzwischen genau so häufig aus wie am Wochenende, berichtet Lotter. „Vor zehn Jahren war das noch ganz anders.“

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Problem: Bergwachtler arbeiten ehrenamtlich - Wochentags werden die vielen Einsätze zum Problem

Das Problem dabei: Die Bergwachtler sind fast ausschließlich ehrenamtlich im Einsatz, sagt Lotter. In ganz Bayern arbeiten gerade einmal 530 Verwaltungsmitarbeiter fest für die Bergretter. Wer zu Einsätzen ausrückt, verdient sein Geld aber anderswo – zum Teil in München. Schnell zum Einsatz nach Bayrischzell schaffen es diese Bergwachtler kaum. Das dünnt die Personaldecke unter der Woche aus. Auch, weil diese in den vergangene Jahren trotz mehr Einsätzen kaum gewachsen sei. Lotter: „Gerade die Schultern derer, die immer da sind, müssen mehr tragen.“

Diesen Trend bestätigt Adi Boemmel, seit Juli neuer Bereitschaftsleiter am Tegernsee. Die Bergwacht Rottach-Egern, zuständig für das gesamte Tegernseer Tal und den Raum Waakirchen, stoße an ihre personellen Grenzen, sagt er. Gerade unter der Woche, wenn die ehrenamtlichen Rettungskräfte arbeiten, sei es schwierig, den Rettungsdienst wie gesetzlich gefordert aufrecht zu erhalten. Der 54-Jährige erklärt: „Wir haben an Wochentagen mittlerweile oft mehr Einsätze als am Wochenende.“

Das liege auch an den zunehmenden Notfällen mit Mountainbikes und E-Bikes, sagt Boemmel. Lotter bestätigt: Zwar gebe es nach wie vor die klassischen Notfälle wie Krankheiten und Gletscherunfälle, aber diese seien eher selten. Unfälle mit dem Fahrrad haben hingegen stark zugenommen. Hinzu kommen teilweise Leichtsinn und schlechte Vorbereitung – und das Handy, mit dem in Not geratene Bergsteiger leichter Hilfe anfordern können als früher. „Nicht unbedingt ein Nachteil“, findet Lotter. Mehr Einsätze bedeutet es dennoch.

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Um diese zu bewältigen, will Boemmel eine Idee weiter verfolgen, die schon öfter zur Sprache kam: die Beschäftigung einer hauptamtlichen Bergwacht-Kraft fürs Tegernseer Tal und Waakirchen. Vor allem wochentags könnte ein bezahlter Mitarbeiter die Koordination der Einsätze lückenlos abdecken, sagt der Bereitschaftsleiter. Immerhin schreibe das Rettungsdienstgesetz vor, dass die Bergwacht innerhalb von nur zwei Minuten Rückmeldung geben muss an die Leitstelle, um anschließend zeitnah auszurücken. Boemmel will das Thema zügig anpacken und hofft, dass die Einrichtung einer hauptamtlichen Stelle Unterstützung findet am Tegernsee.

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