Besuchsverbote in Heimen: Behindertenbeauftragter Anton Grafwallner fordert Lockerungen
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Offenheit für alle: Die Menschen dürfen wieder nach Spanien und Italien reisen, Senioren und Menschen mit Behinderung in Heimen aber teils nicht einmal vor die Tür, kritisiert Anton Grafwallner. 

„Geht es so weiter, machen wir eine Demo“

Besuchsverbote in Heimen: Behindertenbeauftragter Anton Grafwallner fordert Lockerungen

  • Christian Masengarb
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Anton Grafwallner hat sich viele Leidensgeschichten von Senioren und Menschen mit Behinderung in Heimen angehört. Nun fordert er Lockerungen bei den Besuchsverboten.

Gmund – Anton Grafwallner hat sich viele Leidensgeschichten von Senioren und Menschen mit Behinderung in Heimen sowie deren Angehörigen angehört. Die Behindertenbeauftragten der Gemeinden haben ihm weitere zugetragen. Nun hat er gehandelt. Im Namen aller Behindertenbeauftragten hat er eine Mail an den Bundestagsabgeordneten Alexander Radwan, Landtagspräsidentin und Stimmkreisabgeordnete Ilse Aigner sowie Landrat Olaf von Löwis und Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer geschrieben: Er fordert Lockerungen bei den Besuchen in Heimen. Bald.

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Besuchsverbote in Heimen: Behindertenbeauftragter Anton Grafwallner fordert Lockerungen

Herr Grafwallner, Sie erfahren die Belange der Senioren und Menschen mit Behinderung aus erster Hand. Was brauchen sie derzeit besonders?

Angehörige sowie Senioren und Menschen mit Behinderung in den Heimen wünschen sich, wieder mehr miteinander machen zu können. Ich habe viele Mails und Anrufe bekommen, die sagen: „Es muss sich etwas ändern.“ Angehörige reden während eng beschränkter Besuchszeiten durch Masken und Glasscheiben mit schwerhörigen Senioren. Die verstehen sie nicht. Also müssen sich beide anschreien. Das ist menschenunwürdig.

Wer hat Ihnen zum Beispiel geschrieben?

Zum Beispiel ein Ehepaar, beide sind um die 90. Er hat Demenz und ist im Heim. Sie hat ihn früher jeden Tag besucht, mit ihm geredet, Händchen gehalten. Das ist so wichtig für Menschen mit Demenz. Und jetzt: bumm, aus. Darunter leiden beide. Man darf nicht vergessen: Es geht um die Menschen im Heim und die Angehörigen. Stellen Sie sich vor, ihre Mutter ist dement und im Heim. Sie weiß nicht, ob der Arzt da war, welcher Tag ist. Sie können aber auch nicht nachschauen. Das belastet.

Ist die Lage bei Menschen mit Behinderung anders?

Auch sie müssen raus. Ich hatte Kontakt mit einer Familie, die ihren Sohn nur im Besuchsraum mit Glasscheibe hätte treffen dürfen. Da sind sie lieber nicht hingefahren. Wenn seine Eltern kommen, denkt der Junge, er wird abgeholt. Dass er sitzen bleiben und durch eine Glasscheibe mit ihnen reden soll, versteht er nicht. Das wollten sie ihm ersparen. Also ist isoliert. Das ist auch keine Lösung.

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Was ist Ihre wichtigste Forderung an die Heime im Landkreis?

Senioren und Menschen mit Behinderung müssen mit ihren Angehörigen ein, zwei Stunden raus dürfen – auch außerhalb des Heim-Geländes. Sie sind seit zehn Wochen isoliert. Wenn sie ein wenig Freiheit, Menschenwürde und Selbstwertgefühl zurückbekommen, wenn sie mit den Menschen, die sie lieben, ratschen und etwas machen können, dann wäre viel erreicht.

Wollen Sie eine volle Öffnung?

Das nicht. Die Senioren sollten Mundschutz tragen, wenn sie raus gehen, und Restaurants und geschlossene Räume meiden. Aber wir müssen wieder raus. Das ist das Wichtigste. Und, dass Angehörige auch Bettlägerige wieder besuchen dürfen.

Sie sind selbst an Multipler Sklerose erkrankt, haben eine verkleinerte Lunge. Machen Ihnen Lockerungen nicht Angst?

Ich bin Risikogruppe, meine Frau auch. Wir wissen, wie wichtig Vorsicht ist. Aber derzeit werden wir bevormundet. Am Anfang waren die Verbote sinnvoll. Nun haben wir seit Wochen keine Neuinfektionen mehr im Landkreis. Die Menschen dürfen nach Spanien in den Urlaub. Viele Senioren dürfen aber nach wie vor nicht mal vor die Tür. Das muss sich ändern. Wenn es so weiter geht, machen wir eine Demo.

Vertrauen Sie auf die Vernunft von Heimbewohnern und Angehörigen?

Wer zur Risikogruppe gehört, weiß wie er sich verhalten muss. Wer Angehörige der Risikogruppe hat, auch. Deswegen macht es mehr Sinn, auf Eigenverantwortung zu setzen als auf Verbote. Aber es wird unterstellt, dass wir nicht aufpassen würden. Das stimmt nicht.

Kann Monitoring helfen?

Ja. Früher gab es viele Infektionen und wenig Kapazitäten. Heute ist es umgekehrt. Die Banken machen berührungslose Temperaturtests. Wir können die Heimbewohner also regelmäßig testen. Das ist der bessere Ansatz.

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Was denken Sie, warum passiert das nicht?

Die Regierung hat die Verantwortung auf die Heime abgeschoben. Deren Leiter haben Bedenken, Probleme zu bekommen, wenn Corona bei ihnen auftritt. Deswegen setzten sie harte Regeln durch. Das kann ich verstehen. Aber darunter leiden die Senioren und Menschen mit Behinderung. Deswegen muss von der Regierung eine klare Vorgabe kommen.

Meinen Sie, die kommt?

Ich habe das in Mails an Ilse Aigner, Alexander Radwan und Olaf von Löwis und Josef Mederer gefordert. Antworten habe ich nicht erhalten. Irgendwie sind derzeit alle abgetaucht. Politik und Gesellschaft müssen lernen, sich mit der neuen Normalität zu arrangieren. Das musste ich auch: Ich hatte meine Krankengymnastik eingestellt, weil ich niemanden ins Haus lassen wollte. Seit einer Woche mache ich wieder mit. Wir müssen uns öffnen. Auch der Behindertenbeauftragte (lacht).

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