Besonders artenreich ist die Wiese an der Aussicht in Irschenberg. Hier hat Barbara Krogoll Blütenstände und Samen geerntet. Das Saatgut will sie auf verkümmerten Flächen ausbringen, um diese wieder anzureichern.
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Besonders artenreich ist die Wiese an der Aussicht in Irschenberg. Hier hat Barbara Krogoll Blütenstände und Samen geerntet. Das Saatgut will sie auf verkümmerten Flächen ausbringen, um diese wieder anzureichern.

INTERVIEW

Biologin Barbara Krogoll will blüten- und insektenreiche Wiesen schaffen

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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Miesbach – Blühende Blumen sind nicht nur eine Augenweide. Sie dienen Insekten als Lebensgrundlage. Der Landschaftspflegeverband Miesbach (LPV) will mit seinem Projekt „Miesbacher Wiesen schaffen Vielfalt“ im Rahmen der Initiative „Natürlich Bayern“ mehr blüten- und insektenreiche Flächen schaffen – und holt dafür Kommunen und Landwirte an Bord. Die Biologin Barbara Krogoll (60) vom LPV erklärt, worauf es bei Saat und Pflege ankommt.

Frau Krogoll, Sie wollen Lebensräume für Insekten entwickeln. Warum?

Wir brauchen Insekten für ein stabiles Ökosystem. Sie übernehmen vielfältige Funktionen innerhalb des ökologischen Netzes. Gehen zu viele Arten verloren, wird das Netz grobmaschig und reißt. Das führt zu Problemen, unter anderem für die Leistung des Ökosystems, das der Mensch ja auch nutzt. Zum Beispiel für die Obsternte. Der Artenreichtum ist ein Schatz der Natur.

Welche Insekten wollen sie anlocken?

Wildbienen zum Beispiel. Anders als Honigbienen werden sie nicht von Imkern gefüttert. Schwebfliegen, Laufkäfer und vor allem Schmetterlinge.

Welche Blumen sind insektenfreundlich?

Die Wiesenflockenblume. Sie dient Schmetterlingen als Raupenfutter- und als Nektarpflanze. Außerdem die Brennnessel, von der sich die Raupen des Tagpfauenauges ernähren. Aber auch Margerite, Schafgarbe, Wiesenbocksbart oder Kuckuckslichtnelke sind wertvoll. An südexponierten Böschungen gibt es in unseren Wiesen auch magere Stellen mit Thymian. Das tolle an Wiesen ist, dass sie – je nach Standort – so verschieden sind. Diese Vielfalt ist wichtig.

Wie steht es um den Artenreichtum der Wiesen im Landkreis Miesbach?

Wir haben richtig tolle Flächen. Etwa an der Mangfall und am Wasserschloss Reisach. Oder an der Aussicht in Irschenberg. Insbesondere im südlichen Landkreis gibt es wertwolle Wiesen, auf denen zum Teil 80 Arten wachsen. Im Norden dagegen muss man suchen. Vor allem intensiv bewirtschaftetes Grünland hat nur noch fünf bis zehn Arten. Das ist zu wenig.

Wie lassen sich solche Flächen wieder anreichern?

Wir haben vergangenes Jahr schöne, artenreiche Naturwiesen gesucht und auf diesen sogenanntes eBeetle-Material gewonnen. Der eBeetle ist ein handgeführtes Gerät mit einer Bürste. Damit fahren wir über die Fläche und gewinnen so reife Samen, Sporen und vermehrungsfähige Pflanzenteile. Das Material haben wir getrocknet und mäusesicher über den Winter aufbewahrt. Ende April, Anfang Mai wollen wir das auf den Empfängerflächen ausbringen.

Wie haben Sie die Kommunen an Bord geholt?

Wir haben sie zunächst angeschrieben. Die meisten haben aufgeschlossen reagiert. Wir haben dann Schulungen mit Bauhofmitarbeitern und anderen Verantwortlichen durchgeführt. Sie haben ein ernsthaftes Interesse, unsere Idee umzusetzen. Irschenberg hat bereits eine Fläche für die Ansaat vorbereitet, die Stadt Miesbach eine kleine Fläche im Waitzinger Park. Auch Waakirchen und Weyarn sind dabei. In Hausham haben wir einen Landwirt als Partner gewonnen. Manchmal müssen keine neue Blühflächen geschaffen, sondern nur die Pflege angepasst werden. Natürlich muss die effektiv sein, man kann nicht alles von Hand machen. Die Bauhöfe von Miesbach und Waakirchen bemühen sich deshalb, ihren Fuhrpark um entsprechende Mähtechnik zu ergänzen. Letztlich bedeutet eine angepasste Pflege weniger Aufwand, weil weniger gemäht werden muss.

Wie reagieren die Landwirte?

Es gibt sehr offene und interessierte Landwirte. Für Pferde, Schafe und Jungvieh ist strukturreiches Raufutter gesund. Das gewinnt man durch einen späten Schnitt.

Können Privatleute bei der Gartenpflege einen Beitrag leisten?

Ja, indem sie zum Beispiel nicht den ganzen Rasen mähen, sondern Teilbereiche stehen lassen. Man sollte auch nicht so oft und möglichst spät im Sommer mähen. Damit die Blumen Zeit haben, zu verblühen und ihren Samen zu verlieren. Unordentliche Ecken im Garten dienen Kleintieren als Rückzugsorte.

Welche Blumen sollte man pflanzen?

Wichtig ist, auf heimische Arten wie die Wildrose zu setzen. Die schauen nicht nur schön aus, sondern haben auch einen Nutzen für unsere Insekten. Bei fremden Arten ist die Blütenröhre oft zu lang für ihre Saugorgane. Aufpassen sollte man bei Blühmischungen. Sie enthalten neben vielen für Insekten ungeeigneten Pflanzen manchmal auch kanadische Goldrute oder indisches Springkraut. Die verbreiten sich in die freie Natur und verdrängen heimische Arten. Es ist dann sehr aufwändig, Biotope zu erhalten.

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