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Fabian Amini ist seit Herbst vergangenen Jahres Geschäftsführer der Bayerischen Oberlandbahn.

„Hätten mehr Personal vor Ort haben müssen“

BOB nach Chaos-Tagen unter schwerem Beschuss: Hier erklärt sich BOB-Chef Amini im Interview

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Nach einer spektakulären Pannenserie steht die Bayerische Oberlandbahn seit Tagen unter schwerem Beschuss. Hier räumt BOB-Chef Amini Fehler ein - und nennt seinen Plan.

Landkreis – Die Bayerische Oberlandbahn (BOB) hat wieder Tage des Zorns hinter sich. Die Zugausfälle und massiven Verspätungen Anfang der Woche (dieser Artikel stammt vom 31. Mai 2019) waren die zweite große Panne seit den Chaostagen im Januar. Von den frustrierten Fahrgästen hagelt es Kritik. Über die aktuelle Lage und Auswege aus der Misere haben wir mit Fabian Amini gesprochen. Der 43-Jährige kam 2015 als Technischer Geschäftsführer zur BOB und ist seit Herbst vergangenen Jahres Vorsitzender der Geschäftsführung.

Herr Amini, nach den Vorfällen im Januar gab es ein Krisentreffen nach dem anderen. Anfang der Woche hatten Sie wieder reihenweise Ausfälle. Warum schafft es die BOB nicht aus den Schlagzeilen?

Amini: Kurz gesagt: Die Integrale sind mittlerweile zu störanfällig. Am Montag sind vier Fahrzeuge kurz hintereinander ausgefallen. Alle wegen verschiedener elektronischer oder technischer Fehler, die so nicht absehbar waren. Unterm Strich haben uns bis zu sieben von 22 Fahrzeugen gefehlt. Der ganze Tag lief betrieblich sehr schlecht.

Auch für die Fahrgäste. Die haben sich massiv über Ihre Informationspolitik und die Betreuung im liegen gebliebenen Zug zwischen Holzkirchen und Sauerlach beschwert.

Amini: Ich kann die Kritik am Störfallmanagement und an der Kommunikation nachvollziehen. Wir mussten an diesem Tag ständig umplanen und neu und anders informieren. Irgendwann kamen wir nicht mehr hinterher. Ab einem gewissen Punkt wird das Problem zu groß, um noch alle Informationskanäle bespielen zu können. Ein weiteres Problem war, dass die Durchsagen wegen eines technischen Fehlers die hinteren Fahrzeuge nicht mehr erreicht haben. Das hat aber niemand bemerkt.

Haben Sie auf die Zugausfälle richtig reagiert?

Amini: Wir hatten einen sehr erfahrenen Notfallmanager am Start. Den bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Ich nehme die Kollegen, die im Einsatz waren, explizit in Schutz. Rückblickend hätten wir aber die Betreuung der Fahrgäste besser sicherstellen und aufgrund der Dauer der Störung und der Vielzahl der Fahrgäste mehr Betreuungspersonal vor Ort haben müssen.

Das ganze Drama seit der BOB-Panne mit Chaos-Evakuierung lesen Sie in unserem News-Blog nach.

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Können die Kunden mit Entschädigungen rechnen?

Amini: Wir haben weiter unsere Kundengarantie, die über die gesetzlichen Regelungen hinaus geht. Wir werden kulant erstatten. Das gilt für jeden der rund 400 Fahrgäste, die im Zug waren. Sie müssen sich allerdings bei uns melden, damit die Erstattungsregelungen greifen können. Dann können wir uns auch bei den betroffenen Fahrgästen nochmals persönlich entschuldigen.

Warum hatten Sie die Lage am Dienstag immer noch nicht im Griff?

Amini: Die Werkstatt hat Gas gegeben, aber am Dienstag und Mittwoch kamen weitere Fahrzeugstörungen hinzu. Es waren meist völlig unterschiedliche Fehler. Bis Donnerstag hatte die Werkstatt alle Fahrzeuge instandgesetzt, vormittags ging der letzte Zug raus. Am Donnerstag hatten wir zusätzliche Bereitschaftsmitarbeiter sowie Mitarbeiter in der Werkstatt und in der Kommunikation am Start. Am Donnerstagvormittag gab es allerdings wieder eine Infrastruktur- und eine Fahrzeugstörung. Letztere war ein sporadischer Fehler, die Verspätungen hielten sich in Grenzen.

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Herr Amini, wie soll das weitergehen? Sie machen Ihren Kunden da wenig Hoffnung.

Amini: Solche Phasen hatte die BOB seit 2013 immer wieder. Es gibt immer Störungswellen, die auftreten. Die Lage hat sich in den vergangenen drei Jahren nicht massiv verschlechtert, aber auch nicht signifikant verbessert. Zwischen 2013 und 2016 wurde jedes Fahrzeug im Rahmen einer Hauptuntersuchung komplett überholt und technisch verbessert. Über 150 zusätzliche technische Stabilisierungsmaßnahmen seit Ende 2015 folgten. Die erhoffte Stabilität ist leider trotzdem nicht eingetreten. Jedes der Fahrzeuge hat mittlerweile rund 3,3 Millionen Kilometer auf dem Buckel. Aus genau diesem Grund tauschen wir die Fahrzeugflotte aus.

Das wird allerdings noch ein Jahr dauern. Wie wollen Sie diese Zeit möglichst störungsfrei überbrücken?

Amini: Auch heuer nehmen wir für die Wartung wieder mehr Geld in die Hand als im Vorjahr und wiederum im Jahr davor. Wir geben für die Instandhaltung eines Integrals viermal so viel Geld aus wie für ein gewöhnliches Diesel-Fahrzeug im Unternehmen – haben aber viermal so viele Störungen. Konkret werden wir uns die Fahrzeuge jetzt noch mal anschauen und prüfen, ob es Maßnahmen zur Stabilisierung gibt, die wir bis zum Flottentausch sinnvollerweise noch machen können. Meine Erwartung ist, dass wir die kommenden Monate möglichst störungsfrei überbrücken. Wir setzen alles daran. Wir tun unser Bestes.

Sie stehen seit dem Chaos im Januar in engem Kontakt mit der Bayerischen Eisenbahngesellschaft, die ja im Auftrag des Freistaats den Zugverkehr plant, finanziert und kontrolliert. Wie fällt deren Reaktion auf die jüngsten Ereignisse aus?

Amini: Die BEG ist nicht zufrieden und erwartet, dass wir die vertraglich geforderte Leistung erbringen. Es gibt Zweifel an unseren Instandhaltungsmaßnahmen, aber wir können aufzeigen, dass das nicht der Fall ist. Wir sparen nicht an der Instandhaltung.

Gemeinsam haben Sie sich auch darauf verständigt, das Notfallmanagement und die Fahrgastinformation zu verbessern. Wie ist da der aktuelle Stand?

Amini: Aktuell laufen die Ausschreibungen, die BEG bindet uns da eng ein. Ein externes Unternehmen wird sich die Fahrgastinformation anschauen. Ein zweites wird das Störfallmanagement durchleuchten und Verbesserungen ableiten. Wir rechnen in beiden Fällen damit, dass die Beratungsfirmen im Juni oder Juli mit ihrer Arbeit starten können.

Unternehmen Sie in der Zwischenzeit auch selbst was, insbesondere bei der Fahrgastinformation?

Amini: Grundsätzlich funktioniert die Fahrgastinformation, soweit es unsere Systeme betrifft. Das Problem sind die Schnittstellen. Wir haben nur auf etwa 20 Prozent der Informationskette Einfluss, der Rest liegt bei den nachgelagerten Systemen, vor allem der Deutschen Bahn. Die DB tut in diesem Bereich momentan sehr viel. Wir für unseren Bereich werden in diesem Jahr eine neue Softwareversion bekommen und eine neue App-Version eines anderen Dienstleisters.

Lassen Sie uns noch mal auf die neue Flotte kommen. Die Versprechungen lassen Großes erwarten.

Amini: Der neue Lint ist definitiv ein Quantensprung. Wir haben mit den Zügen sehr gute Erfahrungen gemacht. Bei der Ostallgäu-Lechfeld-Bahn läuft der Betrieb sehr stabil. Allein die Tatsache, dass wir künftig nur noch eine Fahrzeugflotte haben werden und nicht mehr eine Mischung aus Integral und Talent, erleichtert uns das Leben erheblich.

Hätte man den Flottentausch vielleicht früher vollziehen müssen?

Amini: Es ist ein einmaliger Vorgang in Deutschland, dass ein Unternehmen vor Vertragsende auf eigene Kosten eine neue Flotte einbringt. Es ist eine Entscheidung, die man nicht leichtfertig und unter normalen Umständen trifft. Es geht hier immerhin um rund 100 Millionen Euro, das ist ein enormer finanzieller Aufwand und eine Investition in Qualität. So ein Flottentausch ist kein Vorteilsgeschäft.

Ihr Unternehmen Transdev legt das Geld aber nicht auf den Tisch, oder?

Amini: Die Züge werden geleast. Diese Leasingkosten sind aber deutlich höher als die Kosten für die bestehenden Züge. Im Rahmen einer Wiedereinsatzgarantie werden sie auch nach 2026 fahren – unabhängig davon, wer die Strecken im Oberland dann betreibt.

Wie soll der Flottentausch laufen?

Amini: Aktuell haben wir zwei Teilflotten: die Integrale und die Talent-Züge. Im ersten Schritt werden zum kleinen Fahrplanwechsel im Sommer 2020 neun Talent- durch neun neue Lint-Züge ausgetauscht. In einem zweiten Schritt sind bis spätestens ende August die Integrale an der Reihe. Wir hatten das Glück, dass uns der Hersteller Alstom eine Produktionslücke bieten konnte. Normalerweise wartet man zwei bis drei Jahre auf die Züge, wir bekommen sie in eineinhalb. Das ist Rekordzeit.

Was passiert mit den Integralen?

Amini: Sie sind Eigentum der Transdev. Sie sollen verkauft werden. In einem Betriebsnetz, das nicht so anspruchsvoll ist wie unseres, können sie durchaus noch von Nutzen sein. Wenn der Verkauf nicht klappt, müssen wir sie wohl verschrotten.

sh

Die BOB-Technik wurde vom Sommer eingeholt. Ein Talent-Zug musste in Holzkirchen evakuiert werden. Der Grund: Überhitzung im Fahrgastraum. Zug-Chaos bei Rosenheim: Dort ist ein Meridian liegen geblieben. Die Fahrgäste saßen stundenlang fest und berichten von chaotischen Zustände

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