Kritisch beleuchtet: Im Foyer des Waitzinger Kellers in Miesbach ist noch bis 10. September die Ausstellung zum 100. Todestag Ludwig Thomas zu sehen – umrahmt von Karikaturen von Hans Reiser.
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Kritisch beleuchtet: Im Foyer des Waitzinger Kellers in Miesbach ist noch bis 10. September die Ausstellung zum 100. Todestag Ludwig Thomas zu sehen – umrahmt von Karikaturen von Hans Reiser.

Zum 100. Todestag des in die Kritik geratenen Schriftstellers

Bohemien und Spießer: Ausstellung und Buch beleuchten Ludwig Thoma

  • VonKatrin Hager
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Der 100. Todestag des in die Kritik geratenen Schriftstellers Ludwig Thoma, der in Miesbach mit einem Kulturabend und einem Symposium begangen wurde, hallt nach: Noch bis 10. September läuft eine Ausstellung, und ein Buch ist auch erschienen.

Miesbach – „Bohemien oder Spießer?“ ist die Ausstellung Eine eindeutige Antwort freilich kann es nicht geben, dazu sind Menschen und ihre Lebensläufe schlicht zu komplex. In der Ausstellung, die Lisa Mayerhofer (Kulturamt) und Barbara Wank (Stadtarchiv) konzipierten, begegnen die Besucher sowohl dem Bohemien als auch dem Spießer Thoma – und thematisch durchaus passenden, bunten Karikaturen von Hans Reiser. Zu sehen ist die Schau montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr, donnerstags auch von 14 bis 16 Uhr bei freiem Eintritt.

Der Besucher erfährt einiges über Thomas freundschaftliche Verbindungen zu Intellektuellen und Künstlern, etwa dem Bildhauer Ignatius Taschner und Dichter Ludwig Ganghofer. So zeigt ein Foto, wie ein Automobil bei der Feier zu Ganghofers 50. beim Six in Finsterwald vorfährt – organisiert von Thoma, der mit stolzgeschwellter Brust am Wagen steht wie an einer Jagdtrophäe, am Steuer der Karikaturist Olaf Gulbransson. Auch Thomas Frauen begegnen die Besucher der Schau: auf einem kleinen gemalten Bild der exotischen Tänzerin „Marietta de Rigardo“, geboren in Manila und später als Marion von 1907 bis 1911 mit Thoma verheiratet, und seiner späten und viel jüngeren Geliebten Maidi von Liebermann.

Auch der Hetzer Thoma steht im Fokus

Im Fokus aber steht auch der Hetzer Thoma – und die Erkenntnis, dass früh durchaus bekannt war, dass er hinter antidemokratischen und antisemitischen Hetzartikeln im Miesbacher Anzeiger steckte – es wurde 1938 gar stolz erwähnt in dem Büchlein „So ein Saustall“, das in der Ausstellung als Leihgabe aus Privatbesitz vorliegt. Bereits an Thomas „Erinnerungen“, die er zu seinem 50. Geburtstag aufschrieb, kommentierte Kurt Tucholsky mit dem Schluss: „Welch ein Spießer!“

In zwei Exemplaren des Miesbacher Anzeigers aus dem Stadtarchiv, beide aus dem Sommer 1921 – kurz vor Thomas Tod – sind solche Hetzschriften zu sehen. In einer der beiden Ausgaben werden die Zentrums-Politiker Matthias Erzberger, als Mitunterzeichner des Waffenstillstands 1918 ein Feindbild fürs nationalistische Lager, und der neue Reichskanzler Joseph Wirth diffamiert unter dem Titel „Wirth und Lump“. Just an Thomas Todestag am 26. August 1921 folgte der Hetze gegen Erzberger dessen Ermordung durch nationalistische Terroristen, die unter anderem der Organisation Consul und dem Freikorps Oberland angehörten.

Hans Reiser umrahmt Ausstellung mit Karikaturen

Umrahmt im wahrsten Sinne werden die historischen Schriften und Bilder mit Arbeiten des Karikaturisten Hans Reiser aus Reichersbeuern, die teils das heute zwiegespaltene Verhältnis zum „Bayerndichter“ zeigen – nebst anderen Themen. Zu einem Foto der Büste Thomas in der Münchner Ruhmeshalle gesellen sich Narren, die Reiser mit Zeitungsseiten bekleidet hat, die allzu Großkopferte auf ein Podest erheben.

Einem Porträtfoto, mit dem sich Thoma in seiner typischen Pose zu seinem 50. Geburtstag ablichten ließ, ist Reisers „Pegasus Bavaricus“ gegenübergestellt: Die Karikatur zeigt den „Bayerndichter“ in Tracht als Dichterross-Zentauren. Aber die Fußball-WM-Vergabe an Katar oder die Immobilien-Preisspirale am Tegernsee sind Themen, die Reiser in den ausgestellten Arbeiten beleuchtet.

Buch greift Teile des Symposiums auf

Ein Teil der Themen des Symposiums, das zum 100. Todestag Thomas im Waitzinger Keller mit namhaften Thoma-Experten stattfand, ist nun auch in einem Buch zusammengefasst. „Ludwig Thoma – Zwischen Stammtisch und Erotik, Satire und Poesie“ (19,90 Euro) ist im Volk-Verlag erschienen. Herausgeber sind Franz-Josef Rigo, der das Symposium organisiert hatte, und der Germanist Prof. Klaus Wolf.

In neun Kapiteln beleuchten die beiden sowie Bernhard Gajek, Wilhelm Liebhart, Michael Stephan, Gertrud Maria Rösch, Michael Pilz und Kay Wolfinger eine Reihe Facetten von Thomas Leben: etwa seine Freundschaft zu Taschner sowie zu Ganghofer und Georg Queri, sein Verhältnis zu Autorin Lena Christ oder dem Künstlerkreis am Tegernsee und seine Rolle für die Deutsche Vaterlandspartei.

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ag

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