Abstimmung im Fokus: Ein Blick auf die Zahlen – wie hier bei der Auszählung der Briefwahl in der Miesbacher Stadthalle – offenbart einige Überraschungen und Erkenntnisse, wie die 136 119 Wähler im Wahlkreis 223 (davon 90 303 per Brief) abgestimmt haben.
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Abstimmung im Fokus: Ein Blick auf die Zahlen – wie hier bei der Auszählung der Briefwahl in der Miesbacher Stadthalle – offenbart einige Überraschungen und Erkenntnisse, wie die 136 119 Wähler im Wahlkreis 223 (davon 90 303 per Brief) abgestimmt haben.

Gewinner, Verlierer, umkämpftes Terrain

Bundestagswahl 2021 im Landkreis Miesbach: Die Nachlese

  • VonKatrin Hager
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Die Bundestagswahl ist gelaufen. Aber wie? Die Wahl-Nachlese gibt interessante Einblicke: SPD-Kandidat Gräbner hat den Einzug in den Bundestag verpasst, die AfD Einbußen kassiert, und Holzkirchen war besonders umkämpft.

Landkreis – Es bleibt bei einem Duo: Aus dem Landkreis Miesbach ziehen nach der Bundestagswahl mit dem Rottacher Alexander Radwan (57, CSU) und dem Holzkirchner Karl Bär (36, Grüne) zwei Vertreter in den neuen Bundestag ein. Für einen dritten im Bunde hat’s, wie sich noch am Wahlabend abgezeichnet hatte, nicht gereicht: Der Holzkirchner SPD-Direktkandidat Hannes Gräbner (54), der Chancen hatte, wie Bär über die Landesliste in den Bundestag zu kommen, rutscht nicht mehr hinein. Er war auf Platz 25, die bayerische SPD bekommt aber nur 23 Mandate.

Den Einzug verpasst haben auch die Freien Wähler (FW), die erwartbar an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten. In vielen Gemeinden im Landkreis allerdings erzielte die Partei aus dem Stand mitunter bemerkenswerte Ergebnisse. Die besten gab es in Irschenberg (19,7 Prozent bei den Zweitstimmen, 19,4 Prozent für Direktkandidat Christian Kaul aus Bad Heilbrunn) und in Fischbachau (18,9/17,8) – unter anderem hier löste die FW die AfD als Zweitplatzierten hinter der CSU ab.

AfD büßt ein - Radwan bleibt aber besorgt

Die Rechtspopulisten der AfD haben im Landkreis nicht so deutlich eingebüßt, wie es der Umstand vermuten ließe, dass sie in ihren überraschenden „Hochburgen“ von 2017 von Platz zwei hinter der CSU auf Platz sechs abgerutscht sind. Tatsächlich haben sie im Wahlkreis 3,62 Prozentpunkte verloren. In Hausham (10,2 Prozent, -3,8 Prozentpunkte) und Irschenberg (12,2, -3,6) fahren sie trotzdem abermals zweistellige Ergebnisse ein.

Dabei hatte die AfD diesmal nicht einmal einen Direktkandidaten – die Partei hatte eine Unterschrift vermissen lassen und damit die Nominierungsfrist versäumt. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Radwan sieht ohnehin keinen Anlass zur Entwarnung: „Wenn ich mir die Karte der neuen Bundesländer anschaue, wo die AfD vor der CDU liegt, zeigt mir das nicht, dass das Problem kleiner wird.“

In zwei Gemeinden rutscht CSU unter 30 Prozent

Die Parteien liegen auch im Landkreis immer dichter beieinander – und die CSU kommt ihnen auch immer näher. Selbst im Landkreis sind die Christsozialen in zwei Gemeinden bei den Zweitstimmen unter 30 Prozent gerutscht: in Hausham (29,7, -6,6) und Holzkirchen (29,2, -9,7). Auch Radwan selbst kassierte in Holzkirchen sein schlechtestes Ergebnis im Landkreis (35,2, -8,1).

Dazu muss man sagen, dass die Marktgemeinde ein besonders umkämpftes Terrain war. Allein drei Direktkandidaten kamen aus Holzkirchen: Neben Bär (26,3, +4,6) für die Grünen und Gräbner (12,3, -0,5) für die SPD holte Béatrice Vesterling, die erstmals für die FDP antrat, 8,9 Prozent – 1,2 Punkte mehr als ihr Vorgängerkandidat von 2017, Fritz Haugg.

Vom SPD-Aufwind kommt beim Direktkandidaten kaum etwas an

Die SPD, die vor vier Jahren bittere Verluste einfuhr, legte auch im Landkreis wieder zu. Am stärksten sind die Sozialdemokraten bei den Zweitstimmen in Hausham (17,4, +1,4), Holzkirchen (15,6, +3,3) und Otterfing (15,5, +3,3). Direktkandidat Gräbner konnte den Schwung für sich aber kaum nutzen.

Andersrum lief es für Bayernpartei-Kandidat Marinus Thurnhuber: Er fuhr in seiner Heimatgemeinde Warngau (9,75), Irschenberg (7,65) und Fischbachau (7,25) starke Ergebnisse ein. Mehr als sechs Prozent holte er im Nachbarlandkreis aber nur in Sachsenkam, insgesamt kam er nicht über 3,72 Prozent. Bei den Zweitstimmen im Wahlkreis landet die Bayernpartei gar mit 0,89 Prozent nur unter ferner liefen – hinter Die Basis (2,19 Prozent) und der Tierschutzpartei (0,94 Prozent).

Bär: „Merkel wäre erste Diktatorin, die Amt freiwillig abgibt“

Die Direktkandidatin der den Querdenkern nahe stehenden Partei „Die Basis“, Susanne Ehlers aus Geretsried, fand im Landkreis durchaus Sympathisanten. In Valley erreichte sie 5,14 Prozent, gefolgt von Irschenberg und Bayrischzell mit 4,96 und 4,56 Prozent. Der künftige Grünen-Bundestagsabgeordnete Bär kann das nicht nachvollziehen. Dass wir nicht in einer Merkel-Diktatur lebten, meint Bär, müsse doch jedem klar sein: „Sie wäre die erste Diktatorin, die ihr Amt freiwillig abgibt.“

Radwan warnt vor konservativen Splitterparteien

Er selbst büßte 6,3 Prozent im Wahlkreis ein, seine Partei sogar 7,4: Seine Wiederwahl ist für den CSU-Direktkandidaten Alexander Radwan kein Anlass reiner Freude. Am Tag nach der Wahl erreichen wir ihn zwischen einer Parteivorstandssitzung und dem Abflug nach Berlin am Telefon. Es gibt viel zu besprechen in diesen Tagen. Und weniger dürfte es erst mal nicht werden.

Für den Einbruch der Union sieht Radwan mehrere Ursachen. „Das geht los bei den Themen, die man nicht richtig gesetzt hat. Dann hat die Corona-Thematik im Wahlkampf persönliche Begegnungen, wovon die CSU ja stark lebt, nicht ermöglicht. Und die große Euphorie im Hinblick auf den Spitzenkandidaten ist ausgeblieben.“

Farbenspiele: Das sagen die Landkreispolitiker über mögliche Koalitionen

Einen Anspruch auf die Führungsrolle in den Koalitionsverhandlungen, wie ihn Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet anmeldete, sehe die CSU so aber nicht: „Wir haben uns in der Partei darauf verständigt, dass wir ein Angebot machen, aber nicht den Anspruch aufs Kanzleramt stellen“, sagt Radwan. Klar ist nur: Klare Koalitionsvarianten gibt es nicht mehr. „Die Fragmentierung des Parteienspektrums führt zu solchen Situationen“, erklärt der CSU-Kreisvorsitzende.

Dass Kleinparteien wie die Freien Wähler, die im traditionell konservativen Landkreis Ergebnisse vereinzelt sogar bis an die 20 Prozent-Marke kamen, und die Bayernpartei der CSU Stimmen abluchste, ohne ernste Aussicht auf einen Einzug in den Bundestag, mache es nicht einfacher. „Damit sind die Stimmen für das bürgerliche Lager verloren gegangen“, sagt Radwan. „Wenn das konservativ-bürgerliche Lager zersplittert, wird eine bürgerliche Regierung schwierig.“

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ag

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