In einem attraktiven Beruf arbeitet Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter. Er betreibt eine Schreinerei und kann sich über mangelndes Interesse nicht beklagen. Andere Branchen haben es schwerer.
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In einem attraktiven Beruf arbeitet Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter. Er betreibt eine Schreinerei und kann sich über mangelndes Interesse nicht beklagen. Andere Branchen haben es schwerer.

Unsicherheit bei jungen Menschen

Corona trifft Ausbildungsbetriebe: Deutlich weniger Azubis als sonst

Schon seit Jahren beklagen Ausbildungsbetriebe, nicht mehr genug Lehrlinge zu bekommen. Die Corona-Pandemie hat die Situation noch verschlimmert.

Landkreis – Schon in den vergangenen Jahren haben sich Handwerksbetriebe und Unternehmen schwergetan, Auszubildende zu finden. Viele Stellen blieben unbesetzt. Die Corona-Krise hat die Lage noch mal verschärft. „Insgesamt beobachten wir bei den jungen Menschen eine gewisse Unschlüssigkeit und Unsicherheit“, sagt Silke Stichaner, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Rosenheim.

Corona trifft Ausbildungsbetriebe: Deutlich weniger Azubis als sonst

258 Auszubildende haben im vergangenen Jahr im Landkreis ihre berufliche Karriere in Betrieben aus Industrie, Handel und Dienstleistungen begonnen. Das sind 8,5 Prozent weniger als noch im Vorjahr, geht aus der Ausbildungsbilanz der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern hervor. Einige Lehrstellen blieben unbesetzt. Der Grund: 2020 hat es schlicht weniger Schulabsolventen gegeben als noch im Vorjahr – 4,9 Prozent, um genau zu sein. Zusätzlich sei ein starker Rückgang bei Schülern zu bemerken gewesen, die neben der Ausbildung auch die Möglichkeit hatten, ein Studium zu beginnen.

Die Agentur für Arbeit Rosenheim, die auch für den Landkreis zuständig ist, bestätigt die Entwicklung: „Im Berufsjahr 2019/2020 haben die Betriebe aus dem Landkreis 596 Ausbildungsstellen gemeldet, 26 mehr als noch im Berufsberatungsjahr zuvor“, sagt Sprecherin Stichaner. 161 dieser Stellen blieben unbesetzt, im Jahr zuvor waren es 85. Die Agentur beobachte bei den jungen Menschen seit Beginn der Corona-Pandemie eine gewisse Unschlüssigkeit und Unsicherheit. „Das hat im vergangenen Jahr unter anderem dazu geführt, dass sich mehr Jugendliche für den Besuch einer höheren Schule entschieden oder ein Schuljahr wiederholt haben, um ihre Ausgangssituation bei der Ausbildungsplatzsuche zu verbessern“, berichtetet Stichaner. Und der Trend setzt sich anscheinend fort. Bislang hätten sich deutlich weniger junge Menschen bei der Agentur für Arbeit Rosenheim gemeldet als im vergangenen Jahr zur selben Zeit.

Azubi-Mangel trifft vor allem Bäckereien und Metzgereibetriebe

Neu sei das Problem des fehlenden Nachwuchses keinesfalls. „Das Problem ist nicht erst durch Corona gekommen, das gibt es schon länger“, weiß Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter, der in Waakirchen eine Schreinerei betreibt. „Die Jahrgänge werden immer kleiner und damit auch der Kuchen.“ Es seien ausgerechnet die Bäcker, die zu wenig von diesem Kuchen abbekommen. „Vor allem die Lebensmittelbetriebe, also Metzger und Bäcker, haben Probleme, Lehrlinge für ihren Beruf zu begeistern.“ Einen Grund sieht Heimgreiter im frühen Arbeitsbeginn, der in diesen Berufen üblich ist. „Wir Schreinereien und auch die Zimmerer haben da nicht so große Probleme“, sagt er. „Das sind immer noch attraktive Berufe für die jungen Leute.“ Grundsätzlich sieht Heimgreiter beim Lehrlingsmangel aber nicht nur die negative Seite: „Wenn ein Betrieb einen Lehrling einstellen will, heißt das auch, dass es viel Arbeit geben muss. Und das ist ja etwas Positives.“

In der Tat haben die Unternehmen ihre eigene Entwicklung vor Augen. „Viele Betriebe wollen ausbilden, weil sie auf die Zukunft setzen, und deshalb benötigen sie dringend Fachkräftenachwuchs“, sagt die Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Miesbach, Petra Reindl. Die IHK will ihrerseits einen Beitrag zum Erfolg leisten und neue Wege gehen – mit digitalen Angeboten. Darunter fallen beispielsweise die bis zum Sommer stattfindenden Webinare der bayerischen IHK-Ausbildungsscouts. „In ihnen berichten Azubis aus Betrieben aller Branchen über ihren Berufs- und Ausbildungsalltag und stellen sich den Fragen der Teilnehmer“, erzählt Reindl.

IHK: Einzelhandel und Hotelfach sind die beliebtesten Ausbildungsbranchen

Der beliebteste IHK-Beruf war 2020 bei den Azubis übrigens der des Einzelhandelskaufmanns und der des Hotelfachmanns, gefolgt von der Ausbildung zum Koch. Auf den dritten Platz kamen die Kaufleute für Büromanagement. Diese Angaben decken sich mit den Erfahrungen der Agentur für Arbeit. Dass allerorts Fachkräfte fehlen, bestätigt Kreishandwerksmeister Heimgreiter. Manche Branchen hätten freilich Vorteile. „Das Baugewerbe hat auch mal die Möglichkeit, ungelernte Arbeiter zu beschäftigen, wenn es eng wird“, sagt er. „Das ist eine Option, die der Metzger beispielsweise nicht hat.“

Informationen über offene Ausbildungsstellen gibt es bei der Agentur für Arbeit Rosenheim unter der kostenlosen Servicenummer 08 00 /4 55 55 20. Am Mittwoch, 21. April, veranstaltet sie mit ihren Jobcentern von 11 bis 15 Uhr eine große digitale Ausbildungsmesse. Informationen können schon jetzt unter https://app.vystem.io/event/digita le-ausbildungsmesse abgerufen werden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Bei den Holzkirchner Hausärzten haben unterdessen schon die ersten Impfungen gegen Corona stattgefunden. Am Tegernsee verschiebt sich wegen der Pandemie der Saisonstart der Ausflugsschiffe nach hinten. Weitere Nachrichten zur Corona-Krise im Landkreis lesen Sie in unserem News-Ticker.

Von Moritz Hackl

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