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Abstand und positive Energie: Die Kinder der Nachbarn haben, wie viele Italiener, ihre Atemschutzmasken mit „andrà tutto bene“ (alles wird gut) beschriftet.

„Heute werden es wieder 450 Tote sein“

Corona-Interview: So erlebt eine Miesbacherin in Italien die Quarantäne

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Birgit Bortoluzzi aus Miesbach darf ihr Haus in Italien seit einer Woche nicht verlassen. In unserem Gespräch erklärt sie, warum sie gerade jetzt Menschlichkeit spürt.

Landkreis – Birgit Bortoluzzi aus Miesbach darf ihr Haus in Italien seit einer Woche nicht verlassen. Die 45-Jährige hat mit ihrem Mann Cesare, einem Italiener, dessen Familie in Belluno bei Venedig besucht. Die 35 000-Einwohner Stadt ist dank harter Maßnahmen bisher von Corona weniger betroffen als die Schwerpunkte in Norditalien. Die Quarantäne gilt aber auch dort. In unserem Gespräch erklärt Bortoluzzi, wie sie die Situation wahrnimmt und warum sie gerade jetzt viel Menschlichkeit spürt.

Alle News aus dem Landkreis Miesbach zur Corona-Krise lesen Sie in unserem Ticker.

Corona-Interview: So erlebt eine Miesbacherin in Italien die Quarantäne

Frau Bortoluzzi, Sie haben die Bilder von Ausflüglern im Landkreis gesehen. Ihre Reaktion?

Ich bin erschrocken. Ich liebe das Oberland und seine Menschen. Aber als ich diese Leichtsinnigkeit gesehen habe, sind mir die Tränen gekommen. Die Autoschlangen, die vollen Cafés, Menschen dicht an dicht. Sofort schoss mir durch den Kopf: „Oh weh, was tun sie da?“ Wie viele werden sich infizieren! Diese schönen Tage können schreckliche Folgen haben.

Was hätten Sie sich gewünscht?

Mehr Sensibilität. Ich habe auf den Bildern viele Menschen gesehen, die zehn Zentimeter voneinander entfernt gestanden und Wein getrunken haben. Ich kann ja einen Wein trinken, aber bitte ab jetzt dahoam! Dabei kann ich auch mit dem Nachbarn ratschen, aber auf Distanz. Hier heißt es im Radio stündlich: „Leute, wenn ihr wollt, dass Eure Eltern und Großeltern überleben, seid vorsichtig!“ Es gibt den Spruch „Wir bleiben zuhause“. Dieses Bewusstsein fehlt leider noch im Oberland.

Nun gibt es hier aber weniger Fälle als in Italien.

Noch. Hier gab es Anfang Februar auch weniger Fälle als jetzt. Aber auch damals war die Stimmung auch nicht so leichtsinnig wie in Deutschland jetzt. Und schauen Sie nur, was trotzdem passiert ist! Die Lombardei hat es in wenigen Tagen mit tausenden Kranken überrollt. Da kann kein Gesundheitssystem mehr greifen. Auch in Miesbach oder München nicht. Deswegen müssen die Menschen jetzt handeln. Es gibt kein anderes Zeitfenster als heute, hier und jetzt.

Wie ist die Lage derzeit bei Ihnen in Venetien?

Wir wohnen hier in einem Haus mit Garten zwischen ähnlichen Häusern. Es darf immer nur einer pro Familie in den Supermarkt oder die Apotheke gehen, und der muss eine Genehmigung dabei haben. Die Polizei kontrolliert das. Mit dem Hubschrauber sucht sie nach Menschenansammlungen. Bei Verstößen gibt es eine Strafe und ein Verfahren. Zuhause verfolgen wir die Berichterstattung in den Medien intensiv. Jeden Tag um 18 Uhr kommen die neuen Corona-Fallzahlen des Gesundheitsministeriums. Heute werden es wieder 450 Tote sein. So wie gestern auch. Da habe ich jedes Mal Gänsehaut. In Bergamo hatte die Zeitung gestern 15 Seiten Todesanzeigen.

Birgit Bortoluzzi (45) aus Miesbach

Klingt gespenstisch.

Die Straßen sind zwar relativ leer, aber ich spüre viel positive Energie. Das Leben ist trotzdem da. Unser Pfarrer Don Mario überträgt seine Messe sonntags im örtlichen Radio, obwohl er damit noch nie Erfahrung hatte. Das ist eine Bereicherung für alle, die vor verschlossenen Kirchentoren stehen. Die Kinder spielen im Garten vor ihren Häusern und winken sich zu. Der Postbote stellt das Paket zwar nur vor die Tür, aber er lächelt durchs Fenster und winkt. Die Menschen bemühen sich trotzdem, Kontakt zu haben. Wir schauen jeden Morgen, ob unser älterer Nachbar die Jalousien hochgezogen hat. Dann wissen wir, es geht ihm gut. Es ist ein trotzig positives Leben. Wir halten zusammen, um das Virus zu besiegen.

Wie kann man in so einer Lage Freude finden?

Die Kinder haben Fahnen und Atemschutzmasken mit der Aufschrift „andrà tutto bene“ gemalt. Das bedeutet „alles wird gut“. Ich habe den Spruch mit einem Herz und zwei Kleeblättern auf eine Atemschutzmaske gemalt, die ich unserem Metzger geschenkt habe. Er muss viel schultern, weil ihm die Leute beim Einkaufen ihr Leid klagen und er einigen Kontakten ausgesetzt ist. Ich wollte ihn aufmuntern. Das hat auch funktioniert. Seine Augen haben geleuchtet. Solche Momente bedeuten viel.

Aus dem Internet kennt man die Videos von Menschen, die über die Balkone Musik machen.

Stimmt. Das gibt es auch hier. Wir singen und ratschen, nur eben mit etwas mehr Abstand als sonst.

Aber mal ehrlich: Wie genau halten sich die Italiener an die Verbote? Sie gelten da ja als entspannt.

Mag sein. Aber hier geht es nicht um Verkehrsregeln. An die Corona-Anordnungen halten sich fast alle sehr genau. Das gibt ein gutes Gefühl der Sicherheit. Die Lage ist zwar ernst und jeder macht sich Sorgen, aber immerhin tun wir, was wir können. Und das, obwohl die Einschränkungen die Italiener sehr hart treffen. Es gibt keinen Aperitivo mit Freunden und keinen Espresso im Café mehr. Das herzliche Bussi ist jetzt ein Winken.

Und da ziehen alle mit?

Ja. Anfangs war es schwer, die Jugendlichen zu erreichen. Das bedarf auch in Italien noch viel Arbeit. Für sie ist der Virus relativ ungefährlich, also machen sie sich wenig Sorgen. Die Meisten von Ihnen kennen keine großen Einschränkungen – keine Freunde treffen, mal nicht zur Party gehen. Sie konnten sich lange nicht vorstellen, wie ernst die Lage ist. Aber inzwischen machen auch sie mit. Weil sie wissen, dass es um das Leben ihre Verwandten und Freunde geht.

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