Wäre bereit gewesen: Romolo Marchetti hat den Biergarten seiner Miesbacher Pizzeria vorbereitet.
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Wäre bereit gewesen: Romolo Marchetti hat den Biergarten seiner Miesbacher Pizzeria vorbereitet.

Um 150 eingependelt

Corona-Hochburg in Oberbayern: Warum im Landkreis Miesbach die Inzidenz einfach nicht sinkt

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  • Dieter Dorby
    Dieter Dorby
  • Jonas Napiletzki
    Jonas Napiletzki
  • Sebastian Grauvogl
    Sebastian Grauvogl

Lockerungen in Bayern, Öffnungen in Österreich: Pünktlich zu den Pfingstferien werden die Corona-Regeln vielerorts entschärft. Im Landkreis Miesbach jedoch passiert das Gegenteil.

Landkreis – Als Insel des Urlaubsglücks haben die Gäste den Landkreis Miesbach bislang erlebt. Im ersten Pandemie-Sommer 2020 konnten sie trotz einiger Einschränkungen einen weitgehend unbeschwerten Aufenthalt zwischen Schliersee und Tegernsee verbringen. Zumindest in den Pfingstferien werden sie die Alpenregion aber großzügig umschiffen müssen. Weil die 7-Tage-Inzidenz am Freitag mit 154 nach wie vor weit von einem für Lockerungen in Gastronomie und Hotellerie notwendigen Grenzwert von unter 100 entfernt liegt, gilt für den Tourismus weiter vollständiger Lockdown.

Während die Urlauber auf andere Landkreise oder in Kürze sogar wieder nach Österreich ausweichen können, wird der Frust bei den Gastgebern vor Ort zunehmend größer. Die Region als einsame Corona-Hochburg, die niemand bereisen darf und will. Parallel stellt sich immer mehr die Frage: Woran liegt es, dass die Inzidenz im Landkreis nicht runtergeht?

Corona im Landkreis Miesbach: Wie ist die Stimmung bei den Gastgebern und Gastronomen?

Den Start der Pfingstferien hat Schliersees Kuramtsleiter Mathias Schrön schon abgeschrieben. Statt auf eine Öffnung ihrer Fremdenzimmer und Terrassen bereiten sich die Betriebe eher auf eine Welle von Stornierungen vor. „Wir hatten schon einige Buchungen“, berichtet Schrön. Wer für die Kosten aufkommt, müssten Experten für Reiserecht klären. Die Gäste-Info verweist auf ein Gratis-Webinar des Tourismusverbands Oberbayern München (TOM) am Dienstag, 18. Mai. Ansonsten empfiehlt Schrön Gastgebern und Gästen, sich bei Fragen rund um Corona an die Alpenregion Tegernsee-Schliersee (ATS) zu wenden: „Wir müssen in dieser Sache geschlossen und mit einer Stimme sprechen.“ Die Verunsicherung sei groß genug, verlässliche Infos dagegen rar.

Insgesamt hofft Schrön, dass die Inzidenz im Landkreis schnell sinkt – und zwar deutlich unter 100. Ein Pendeln am Schwellenwert wäre der „Mega-Gau“. Und der Imageschaden gigantisch, wenn man Gäste mitten im Urlaub heimschicken müsste. Auch deshalb hätten einige Gastgeber bereits entschieden, nicht vor 1. Juni zu öffnen.

Landkreis Miesbach weiter im Corona-Lockdown - im nahen Österreich macht alles auf

Daniel Strillinger, Vorsitzender des Kur- und Verkehrsvereins Bad Wiessee, kann das verstehen: „Bis vor ein paar Wochen gab es kaum Hoffnung – und nach dem kurzen Schimmer gibt es jetzt wieder lange Gesichter.“ Dass zeitgleich Urlaub in Ländern mit einer Inzidenz bis 200 für Getestete ohne Anschluss-Quarantäne möglich ist, hält er für problematisch: „Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass wir nicht frustriert sind.“

Christian Kausch, Geschäftsführer der Tegernseer Tal Tourismus GmbH (TTT), meint: „Dass wir rechnerisch wieder in einer Hängepartie landen, hat sich seit einigen Tagen abgezeichnet.“ Jetzt gelte es, den Schaden zu begrenzen. Kausch appelliert an die Bürger, noch zwei, drei Wochen durchzuhalten: „Wenn jetzt Einzelne ausbrechen, müssen alle länger warten.“

Wirt im Landkreis Miesbach zu Nach-Lockdown: „Gastronomie hat sich dann nachhaltig verändert.“

Für Matthias Gercken, Inhaber des Schlierseer Ratskellers, ist klar, dass das Warten auch mit einem Öffnungstermin kein Ende hätte: „Wenn ich heute Ziegenkäse für die Speisekarte im Juni bestellen will, ist das unmöglich.“ Ein Reifeloch ist der Grund, sechs Wochen Vorlauf für einen Käse aktuell keine Seltenheit. „Bis es wieder reguläre Speisekarten gibt, wird es dauern.“ Gercken setzt daher auf kleine Karten, To-go-Angebote auch nach der Pandemie, beliefert künftig einen Kindergarten und vielleicht bald auch Privatkunden. „Meine 24 Mitarbeiter freuen sich, wenn es irgendwann wieder losgeht. Aber die Gastronomie hat sich dann nachhaltig verändert.“

Auch Romolo Marchetti, Inhaber der gleichnamigen Pizzeria am Miesbacher Stadtplatz, wünscht sich einen Termin mit Vorlaufzeit. „Viele meiner Bierfässer sind jetzt schon abgelaufen. Der Wein braucht ein paar Tage, bis er aus Italien geliefert wird, und das Personal kann nicht von heute auf morgen wieder arbeiten.“ Marchetti hofft auf einen Start Ende Mai. Ob das klappt? „Keine Ahnung.“

Woran liegt es, dass der Landkreis Miesbach die Inzidenz nicht herunterbekommt?

Bleibt die Frage: Wieso pendelt die Inzidenz im Landkreis stabil um 150? Das Landratsamt spricht seit Wochen von einem „diffusen Infektionsgeschehen“. Das Cluster nach der Gemeinderatssitzung in Gmund und die Ausbrüche in den Asylunterkünften in Valley und Otterfing hätten bis dato nur einen geringeren Teil der Neuinfektionen ausgemacht, teilte die Behörde Anfang der Woche mit. Generell sei zu beobachten, dass viele Familien betroffen seien. Das Cluster um mehrere Kitas im Norden habe sich beruhigt.

Dr. Florian Meier aus Miesbach bestätigt das „diffuse Geschehen“. Der Versorgungsarzt des Landkreises appelliert deshalb an die Menschen, sich weiterhin an die Regeln zu halten – auch wenn’s schwerfällt: „Ich verstehe es, dass mancher überdrüssig ist, aber man sieht anhand der Zahlen, dass es leicht zu Infektionen kommen kann.“

Denkbar sei auch, dass die „gute Testbereitschaft“ im Landkreis einen Beitrag zur hohen Inzidenz leiste. Seit die Tests am 30. April im System dokumentiert werden, seien an die 20 500 Tests verzeichnet worden – „am vergangenen Samstag waren es 1045, an Christi Himmelfahrt 711“. Dennoch sei die Testbereitschaft sehr positiv für die Gesamtentwicklung, betont Meier: „So können frühzeitig Infizierte festgestellt werden, was verhindert, dass sie unbewusst andere anstecken.“ So könne man das Infektionsgeschehen durchbrechen.

Was muss im Landkreis Miesbach passieren, damit es endlich in die richtige Richtung geht?

Was aber braucht es, damit sich die Corona-Lage im Landkreis bessert? Die Infrastruktur sei da, betont man am Landratsamt. Die Nutzung der kostenlosen Schnelltests im bereits gut aufgebauten Netz sei eine gute Möglichkeit, Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen.

Das versuchen auch die 22 Mitarbeiter des Contact-Tracing-Teams. Doch auch sie sind auf die Kooperation der Bevölkerung angewiesen. In den vergangenen Wochen habe man in der Kontaktnachverfolgung einen zunehmend raueren und verständnisloseren Ton verspürt, heißt es beim Landratsamt. Man merke die eher negative Stimmung im Land, die durch das Wirrwarr sich ständig verändernden Vorgaben entstehe. Leider komme es immer noch vor, dass die Mitarbeiter belogen werden, um möglicherweise einer Quarantäne zu entkommen. Dafür hat die Behörde kein Verständnis: „Wir wollen die Menschen ja nicht gängeln, sondern schützen.“ Und so die Inzidenz so drücken, dass die Rückkehr in die Normalität beginnt – gerade in Gastronomie und Tourismus. sg/nap/ddy

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