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Vergleichsweise streng legt das AWO-Seniorenheim in Miesbach die Regeln aus. Aber mit Erfolg: Es gab keinen einzigen Corona-Fall.

Corona: Seniorenheime legen Schutz-Regeln unterschiedlich stark aus

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Die Seniorenheime legen die Corona-Regeln unterschiedlich stark aus. Mit dem Virus kommen sie gut zurecht. Doch einige Angehörige und Bewohner wollen mehr Freiheiten.

Landkreis – Sabine Maxein ist fast am Verzweifeln, bleibt aber kämpferisch. Seit Mitte März kann sie ihre Mutter nicht mehr in ihrem Zimmer im Inge-Gabert-Haus besuchen. Damals erließ die Regierung das absolute Besuchsverbot für Seniorenheime. Seit bald einem Monat ist dies gelockert, die Pforten des Seniorenheims der Arbeiterwohlfahrt in Miesbach bleiben für Maxein aber geschlossen. Die Corona-Bestimmungen in dem Haus lassen keine Besuche zu. Dafür hat die Einrichtung schon früher als andere eine Begegnungsmöglichkeit für Angehörige geschaffen, das sogenannte Besucherplatzal, wo sich Bewohner und Angehörige mit entsprechender Distanz treffen können (wir berichteten). Doch das ist Maxein nicht genug.

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Corona: Seniorenheime legen Schutz-Regeln unterschiedlich stark aus

Die Miesbacherin möchte mit ihrer 92-jährigen Mutter wenigstens ein paar Meter gehen können – etwa zum Friedhof nebenan. Dies natürlich mit Abstand und Mundschutz. Dass sie das trotz der Lockerungen nicht darf, „kann ich nicht akzeptieren“. Sie hat sich diesbezüglich mit Heimleiterin Rosi Holzapfel gezankt und sich dann sogar einen Anwalt genommen. Der soll durchsetzen, dass Mutter Maxein das Haus verlassen darf.

Angehörige wie Maxein haben es während der Corona-Pandemie tatsächlich schwer. Doch viele Heime sehen sich zum Schutz der Bewohner zu solchen Maßnahmen gezwungen. Entsprechende Konzepte zu erstellen, ist sogar per Verordnung vorgeschrieben. In ihrer Einrichtung gebe es weniger als eine Handvoll Angehöriger, die wie Maxein mit der Regelung nicht einverstanden sind, berichtet Holzapfel. Inzwischen besteht eine zweite Begegnungsmöglichkeit. In die Wohnbereiche – das gelte für alle Heim – können Besucher nicht gelassen werden.

Das Problem, wenn Bewohner das Haus verlassen, schildert Holzapfel so: „Die Wenigsten können mit der Maskenpflicht umgehen.“ Dies könne an einer Demenz liegen, oder an anderen gesundheitlichen Problemen, die das Atmen mit Maske erschweren oder kaum möglich machen. Bei einer Rückkehr von Ausflügen außer Haus müsse man die Bewohner wegen einer potenziellen Infektion konsequenterweise erst mal in Quarantäne stecken und testen, um die Mitbewohner – schon alleine kraft Alters einer Risikogruppe zugehörig – zu schützen.

Im Falle von Mutter und Tochter Maxein käme hinzu, sagt Holzapfel, dass die Besuche am Friedhof mit dem Rollstuhl stattfinden. Zu wenig Abstand. Über die Rechtmäßigkeit der der Schutzmaßnahmen habe im Übrigen auch die Heimaufsicht Sabine Maxein informiert, so Holzapfel, die bekräftigt: „Wir sperren bestimmt niemanden weg.“ An die frische Luft können die Bewohner etwa auf den Balkonen und Terrassen jeder Etage.

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„Einsperren“ im Sinne einer freiheitsentziehenden Maßnahme wäre auch gar nicht erlaubt, erklärt das Landratsamt auf Anfrage. Es fügt aber hinzu: „Die Heimleitungen tragen die Verantwortung für die Bewohner. Deshalb ist es wichtig, dass einrichtungsspezifische Lösungen gefunden werden.“

Ein Beispiel dafür: die Seniorenresidenz Villa Bruneck in Kreuth. Sie erlaubt Bewohnern und Angehörigen, im Garten der Anlage und auf der Terrasse spazieren zu gehen. Die Angehörigen melden sich per Telefon an, die Pfleger bringen die Senioren zur Tür. Erfordert es die Gesundheit der Bewohner, bleibt ein Mitarbeiter beim Spaziergang dabei. Er hilft, sollte der Senior Probleme bekommen. Dadurch verhindert er, dass Angehörige eingreifen und die Abstandsregeln verletzen müssen.

„Wir wollen den Menschen die sozialen Kontakte ermöglichen“, sagt Heimleiter Tim Grupe. Sicherheit und Kontakte seien aber schwer abzuwiegen. Weil es keine einheitlichen Vorschriften gibt, müsste jedes Heim seinen eigenen Weg finden. Es könne Sinn machen, weiter auf Besuche zu verzichten, wenn die Einrichtung einen begründeten Verdacht vorlegen kann, dass dadurch ein erhöhtes Infektionsrisiko für die Senioren entsteht.

Noch einen Schritt weiter geht der Rupertihof in Rottach-Egern. Hier dürfen Angehörige mit den Bewohnern auch die Anlage verlassen. „Für sie gelten die gleichen Regeln wie für uns alle“, sagt Kundenbetreuer Hauke Thomas. Auch ein Klassik-Konzert hätten sich die Bewohner schon gemeinsam im Garten angehört – auf Stühlen mit zwei Meter Abstand. Drinnen dürfe jeder aber weiter nur eine Kontaktperson festlegen, mit der er sich im Besuchsraum trifft.

Weitreichend sind die Beschränkungen im Vitanas Senioren Centrum in Miesbach. Dort waren laut Landratsamt sechs Bewohner, sechs Mitarbeiter und drei Angehörige der Mitarbeiter an Corona erkrankt. Zwei Bewohner sind im Zusammenhang mit dem Virus gestorben. Weil das Heim Schutzmaßnahmen gut umgesetzt habe, seien inzwischen alle Senioren doppelt negativ getestet worden und gelten als gesund.

Für die Bewohner sind die Maßnahmen dennoch eine Belastung. „Ich habe seit 24. Mai mein Zimmer nicht verlassen“, berichtet eine über 80-Jährige aus dem Heim. Sie lernt Sprachen und beschäftigt sich. Aber sie vermisst den Garten, die frische Luft. „Ich will unbedingt mal raus, zum Einkaufen, woanders hin“, sagt sie.

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von Daniel Krehl und Christian Masengarb

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