Coronavirus: Landkreis ist vom Hotspot zum Musterschüler geworden
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Klare Zahlen: Ab 50 Neuinfektionen pro 100 000 Menschen verlangt die Regierung Einschränkungen. Weil im Landkreis fast exakt 100 000 Menschen leben, können die gesamten Neuinfektionen praktisch eins zu eins umgerechnet werden. Sie zeigen: Momentan ist die Lage entspannt.

„Lockerungen sollten sein“

Coronavirus: Landkreis ist vom Hotspot zum Musterschüler geworden

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Die Corona-Statistik zeigt des Robert-Koch-Instituts zeigt: Der Landkreis entwickelt sich positiv. Es gibt wenige Tote. Die Maßnahmen waren offenbar erfolgreich.

Landkreis – Im Landkreis Miesbach sind in den vergangenen sieben Tagen 25 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Damit liegt der Landkreis deutlich unter der Grenze von 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner, ab der Bund und Länder neue Einschränkungen fordern. Ein Blick in die Statistik des Robert-Koch-Instituts verrät: Auch in anderen Bereichen hat sich der ehemalige Corona-Hotspot zum Musterschüler entwickelt.

Die aktuelle Lage

Die aktuelle Lage ist besser, als die Infektionszahlen zeigen. Elf Fälle der zurückliegenden sieben Tage sind Bewohner eines Altenheims in Schliersee. Sie sind gut isoliert, anstecken werden sie wohl niemanden. Im übrigen Landkreis haben sich in den vergangenen sieben Tagen nur 14 Menschen mit Corona infiziert. Zum Vergleich: In den letzten sieben März-Tagen fielen 160 Tests positiv aus. Verglichen mit den Nachbarlandkreisen liegt Miesbach im Mittelfeld: vor dem Landkreis Rosenheim (28 positive Test in sieben Tagen pro 100 000 Einwohner), aber hinter den Landkreisen München (14) und Bad Tölz-Wolfratshausen (3).

Die Lockerungen

Die von der Staatsregierung beschlossenen Lockerungen kommen für den Landkreis zur richtigen Zeit, findet Dr. Florian Meier (45), Versorgungsarzt im Landkreis Miesbach. Als wir mit dem Miesbacher reden, ist er gerade auf den Weg zum Treffen des Corona-Krisenstabs am Landratsamt. „Lockerungen sollten sein“, sagt er. „Sonst akzeptieren die Menschen es nicht mehr.“ Gerade die Erlaubnis, ohne triftigen Grund aus dem Haus gehen zu dürfen, helfe, damit Menschen die Regeln nicht ignorieren.

Dr. Florian Meier, Versorgungsarzt im Landkreis

Die Notbremse

Sollte der Landkreis über die 50er-Marke rutschen, ist noch offen, welche Begrenzungen der Krisenstab erlassen wird. Der Krisenstab arbeite gerade an einem Konzept und kläre, welche juristischen Möglichkeiten und Anforderungen es gibt, teilt Landratsamt-Sprecherin Sophie Stadler mit. Denkbar sei zum Beispiel, das Haus wieder nur mit triftigen Grund verlassen zu dürfen oder Besuche bei Risikogruppen wie im Seniorenheim einzuschränken, sagt Meier. Die Läden seien wohl aber sicher: „Ich denke nicht, dass der Landkreis anfängt, Geschäfte zuzusperren.“

Einen Spielraum erwartet Meier beim Zeitpunkt der Begrenzungen: „Treten die Fälle in einer Einrichtung isoliert auf, würde ich keine Begrenzungen erlassen.“ Die Infektionen in den beiden Schlierseer Sozialeinrichtungen würde er aus der Statistik herausrechnen. Damit wäre der Landkreis weit von der 50-Infektionen-Grenze weg.

Wenige Tote

Pro 100 000 Einwohner sind im Landkreis Rosenheim mehr als achtmal so viele Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben wie im Landkreis Miesbach. Woran das liegt? „Wir wissen es nicht“, sagt Meier. Der Vergleich mit Ländern wie Italien hinke wegen anderer Bevölkerungsstrukturen und Gesundheitssysteme grundsätzlich. Warum die Zahlen aber zwischen benachbarten Landkreisen derart auseinanderklaffen, könne derzeit niemand erklären.

Was eine Rolle spielen könnte: Im Landkreis Miesbach sind auf 100 000 Einwohner weniger als halb so viele Menschen der Risikogruppe über 60 Jahre an Corona erkrankt wie im Landkreis Rosenheim. Das hier früh verhängte Besuchsverbot in Seniorenheimen könnte dabei geholfen haben. „In Miesbach haben sich vor allem Menschen zwischen 35 und 50 Jahren im Skiurlaub angesteckt“, sagt Meier. „In dem Alter sind die Leute einfach gesünder.“

Der Bayern-Vergleich

Eine der überraschenden Konsequenzen: Obwohl seit Beginn der Pandemie in Miesbach pro 100 000 Einwohner weiterhin deutlich mehr Menschen positiv auf Corona getestet wurden als im bayernweiten Schnitt (543 zu 332), sind in Miesbach weniger als halb so viele Menschen im Zusammenhang mit dem Virus gestorben: Hier waren es nur sieben Tote, in ganz Bayern im Durchschnitt 15 Menschen pro 100 000 Einwohner.

Hotspot?

War Miesbach wirklich jemals ein Corona-Hotspot? Zwar lagen die Zahlen der positiv Getesteten auf 100 000 Einwohner hier zunächst deutschlandweit in den Top 10. Doch das muss nicht bedeuten, dass hier mehr Menschen erkrankt waren. Der Landkreis habe früh viel getestet, bei Hausärzten und im Testzelt in Miesbach, sagt Meier. Das habe zwar die anfänglichen Zahlen in die Höhe getrieben, aber auch Leben gerettet. Die Ärzte hätten Kranke behandeln können, bevor sie kritische Symptome entwickeln.

Wie geht es weiter?

Für Meier entscheiden die nächsten zwei Wochen, ob der Landkreis die erreichten Erfolge halten wird. Da am Wochenende wohl erstmals wieder viele Touristen in die Gegend strömen werden, erinnert er an die Grundlagen bei der Virusbekämpfung: „Regelmäßig Hände waschen, in die Armbeuge husten und Abstand, Abstand, Abstand.“

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