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Gratis auch für Langzeiturlauber: Die RVO-Busse, hier bei einer Fahrt am Schliersee, lassen sich mit Gästekarte im ganzen Landkreis kostenlos nutzen. Und dazu zählt auch die Jahreskurkarte für Zweitwohnungsbesitzer.

Ist das ungerecht gegenüber den Einheimischen?

Dank Jahreskurkarte: Auch Zweitwohnungsbesitzer fahren gratis Bus

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Einmal zahlen, immer fahren: Mit einer Jahreskurkarte können Zweitwohnsitz-Inhaber wie jeder Urlauber kostenlos die RVO-Busse nutzen. Doch was ist mit den Einheimischen? 

Landkreis – Von diesem Schnäppchen profitieren Zweitwohnungsbesitzer, und die Einheimischen kucken in die Röhre: Wer im Besitz einer Jahreskurkarte ist, darf die Busse der Regionalverkehr Oberbayern (RVO) GmbH kostenlos nutzen – im ganzen Landkreis. Eine solche Jahreskurkarte gibt es aber nur für eine Personengruppe: Zweitwohnungsbesitzer. Die zahlen einen Pauschalbetrag, der automatisch eingezogen wird. In Schliersee sind dies 68, in Tegernsee 62 Euro.

Die Zielsetzung bei den Urlaubsgästen ist klar: die Gemeinden wollen die Autos von den Straßen bekommen und mit dem Gratis-Angebot die Attraktivität des Ortes erhöhen. Gänzlich gratis ist es zwar nicht: den Kurbeitrag – in Schliersee und Tegernsee zwei Euro pro Aufenthaltstag bei Erwachsenen – müssen die Gäste schon zahlen. Bei Zweitwohnungsinhabern reduziert sich dieser Beitrag aber, je länger sie da sind. 68 Euro in Schliersee entsprechen 34 Aufenthaltstagen. Wer länger an seinem Zweitwohnsitz weilt, fährt damit ab dem 35. Tag quasi komplett kostenlos Bus.

In Tegernsee ist diese Grenze schon bei 31 Tagen erreicht, erklärt Bürgermeister Johannes Hagn. Diesen Mittelwert hätten die Talgemeinden vor langer Zeit festgelegt. „Wahrscheinlich hat es da noch gar keine Zweitwohnungssteuer gegeben“, vermutet Hagn. Hintergrund sei damals gewesen, auch die Zweitwohnungsbesitzer mit dem Kurbeitrag zu erfassen.

Beschwerden von Einheimischen, dass die Langzeiturlauber gratis Busfahren dürfen, erhält der Rathauschef immer wieder. Seine Antwort ist klar: „Jeder, der an der Haltestelle wartet, steht nicht mit dem Auto an der Ampel.“ Zudem würden die mitfahrenden Gäste mehr Frequenz auf die RVO-Linien bringen – und sich damit indirekt positiv auf deren Zahl und Taktung im Fahrplan auswirken. „Davon profitieren auch die Einheimischen“, sagt Hagn.

Eine Ungleichbehandlung kann man auch bei der Tegernseer Tal Tourismus GmbH (TTT) nicht erkennen. „Niemand fährt kostenlos Bus“, sagt TTT-Geschäftsführer Christian Kausch. Da es sich bei den Zweitwohnungsnutzern in einem gewissen Sinne“ auch um Gäste handle, die eine Art Kurbeitrag abführen, sei es in Ordnung, hierfür Leistungen zu erhalten. Welche Vergünstigungen dies genau sind, könnten die Anbieter ja selbst entscheiden.

Im Leitzachtal haben sogar die Leistungsempfänger die Wahl. Hier ist die Jahrespauschale lediglich ein freiwilliges Angebot, erklärt Bürgermeister Josef Lechner. „Viele nehmen es an, manche nicht. Die bekommen dann aber auch keine Karte.“ Der Preis ist sogar noch ein gutes Stück günstiger als in Schliersee oder Tegernsee. Weil in Fischbachau der Kurbeitrag nur 1,40 Euro pro Tag kostet, gibt es auch die Jahreskarte schon für 47,60 Euro. Als Berechnungsgrundlage dienen, wie in Schliersee, 34 Aufenthaltstage. Aber auch hier gilt: Einheimische müssen draußen bleiben. Ein Zustand, den Lechner gerne verbessern würde. Eine Idee dafür hat er schon: die Einführung einer Bürgerkarte (siehe unten).

Zumindest was die Busse anbelangt, stehen den Landkreisbürger bereits mehrere Pauschalangebote zur Verfügung. Wer als Einheimischer den Bürgertarif Tegernseer Tal bucht, fährt wie die Gästekarteninhaber kostenlos, das allerdings eben nur im Tal. Kostenpunkt: 71,50 Euro – wohlgemerkt monatlich. Landkreisweit verfügbar sind die vergünstigten RVO-Jahreskarten. Damit kann man ein ganzes Jahr lang fahren, zahlt aber nur sieben Monatsbeiträge. Buchbar ist dieser Tarif nur auf einer zuvor festgelegten Strecke. Die konkreten Kosten hängen davon ab, welcher Start- und Endhaltepunkt gewählt wird. Eines lässt sich aber wohl sicher sagen: So günstig wie die Gäste kommt man auch damit nicht per Bus durch den Landkreis.

Doch ob dieses Angebot bei den Zweitwohnsitz-Inhabern überhaupt so populär ist, bezweifelt Schliersees Kämmerin Heidi Riesenthal. Ihre Argumentation: Mehr noch als Urlauber kommen diese wohl mit dem Auto und nutzen dieses auch vor Ort – Bus-Flatrate hin oder her.

Fischbachauer Bürgerkarte soll Einheimische sogar besser stellen

Bürgermeister Josef Lechner macht keinen Hehl daraus, dass die 180 Zweitwohnungssteuerpflichtigen in Fischbachau mit der freiwilligen Kurbeitragspauschale viel für ihr Geld bekommen. Für 47,60 Euro fahren sie nicht nur umsonst Bus (sogar auf der Wendelsteinringlinie), sondern können beispielsweise auch unbegrenzt oft gratis ins Warmfreibad. 17 800 Euro hat die Gemeinde damit 2017 eingenommen, so Lechner. Geht es nach ihm, sollen aber auch die Einheimischen ein attraktives Angebot bekommen. Mehr noch: „Das Gute, was wir unseren Zweitwohnsitz-Inhabern tun, müssen wir auch den Bürgern angedeihen lassen – mindestens.“ 

Dem Rathauschef schwebt dabei eine Bürgerkarte vor, die sogar noch günstiger als die Jahreskurkarte sein sollte. Welche finanziellen Auswirkungen dies hat und ob sich dann die sicher höhere Nachfrage in Bus und anderen Einrichtungen noch bedienen lässt, rechne man gerade „mit spitzem Bleistift“ durch.

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