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„Alpen unter Druck“: DAV-Ausstellung zeigt Größenwahn am Berg

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Von: Sebastian Grauvogl

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Ausstellung „Alpen unter Druck“, Stadtbücherei Miesbach
Bedrückende Bilder: Die Ausstellung „Alpen unter Druck“ zeigt die Folgen der Erschließung in den Bergen. © Thomas Plettenberg

Bei diesen Bildern werden selbst hart gesottene Skifahrer blass: Die DAV-Wanderausstellung in der Miesbacher Stadtbücherei gibt dem Größenwahn in den Bergen ein Gesicht.

Miesbach – Selbst leidenschaftlichen Skifahrern wird es etwas mulmig zumute beim Anblick der Schautafeln in der Stadtbücherei. Da ist die Rede von Retortenstädten mit 56 000 Betten in Frankreich, gigantischen Bergbahnprojekten in Österreich oder einem 3,6 Hektar großen Parkplatz auf der Sella-Hochebene in Italien. Ein Luftbild der Alpen zeigt, wie sich die Skigebiete immer weiter ausbreiten. Die dicksten Brummer liegen aktuell in Frankreich, Italien und der Schweiz – doch Österreich holt auf.

„Die kleinen Lifte wollen zu den großen Verbünden, um ihr Gebiet zu erhalten“, sagte Tobias Hipp, beim Deutschen Alpenverein (DAV) zuständig für Naturschutz, in seinem Vortrag bei der Eröffnung der Wanderausstellung „Alpen unter Druck“ in der Miesbacher Stadtbücherei. Zwei Wochen lang macht die Schau auf Einladung der Alpenvereinssektionen Miesbach, Schliersee, Hausham und Leitzachtal dort Station. Sie will zeigen, wie die technische Erschließungsspirale die alpine Landschaft immer mehr verändert.

Mehr als 50 Projekte sind auf den Holztafeln zu sehen. Darunter nicht nur neue Gondelbahnen über mehrere Täler hinweg, sondern auch Aussichtsplattformen auf unberührten Gipfeln und Wasserkraftwerke am Gletschereis. Etliche sind realisiert, viele in der Pipeline. So wie die Skischaukel am Riedberger Horn im Allgäu. Nur wenige Stunden vor der Ausstellungseröffnung in der Kreisstadt hatte die CSU mit ihrer Mehrheit im Landtag eine Reform des Landesentwicklungsprogramms beschlossen – und damit dem umstrittenen Ausbau den Weg geebnet (wir berichteten).

„Das Thema der Ausstellung ist aktueller denn je“, sagte Landrat Wolfgang Rzehak in seinem Grußwort. Und fasste sich dabei auch an die eigene Nase. „Wir Politiker sind oft zu wenig sensibel für die Natur, aber einige sind noch unsensibler“, schoss Rzehak in Richtung CSU. Es sei richtig, dass die Wirtschaft im Alpenraum florieren müsse. „Aber muss man wirklich alles zubetonieren?“ Im Glauben, dass durch technischen Fortschritt alles möglich sei, habe man schon vieles kaputt gemacht. Verbände wie den DAV oder den Bund Naturschutz dürfe man daher nicht als Gegner begreifen und schon gar nicht verraten.

Doch auch der Alpenverein darf es sich nicht zu leicht machen und nur „böse Bilder“ zeigen, mahnte Hipp. Die Alpen seien nun mal keine Wildnis mehr. Stattdessen gelte es, den richtigen Weg durch das Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Freizeitnutzung und Energiewende zu finden. Auf den moralischen Zeigefinger verzichtete Hipp in seinem Vortrag ganz bewusst. Er beschränkte sich auf Fakten – zum Klimawandel wie zu den Erschließungsprojekten.

Mehr brauchte es auch gar nicht, um den Zuhörern eine gefährliche Entwicklung vor Augen zu führen. Die fortschreitende Erwärmung macht den Skibetrieb in niedrigen Höhenlagen immer unwirtschaftlicher – und trotzdem werden jedes Jahr neue Lifte gebaut. Die Landkreis-Gebiete wie Sudelfeld oder Spitzingsee wirken zwar im internationalen Vergleich wie Stecknadelköpfe. Doch sie wären laut Hipp mit als erste vom Schneemangel betroffen.

Einen Königsweg aus der sich immer schneller drehenden Spirale konnte der Fachmann nicht nennen. Eine überregionale Raumordnung wie der Alpenplan sei aber eine gute Grundlage, die die Naturschutzverbände aktiv mitgestalten müssten. Auch wenn es der Fall Riedberger Horn anders vermuten lässt: Einen Freifahrtschein für Großprojekte gibt es in den bayerischen Alpen noch nicht. Fast schon beruhigend wirkt da die Schautafel für Deutschland: Gleich bei zwei Vorhaben – der Panoramabahn am Ifen und dem Pumpspeicherkraftwerk am Jochberg – steht: „Vorerst gestoppt.“

Die Ausstellung

„Alpen unter Druck“ ist in der Stadtbücherei Miesbach bis Freitag, 24. November, zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen.

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