Rät dazu, Probleme nicht zu verharmlosen: Michael Landgrebe, der seit Anfang August nicht nur die kbo-Klinik Agatharied leitet, sondern Ärztlicher Direktor aller vier Lech-Mangfall-Kliniken ist.
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Rät dazu, Probleme nicht zu verharmlosen: Michael Landgrebe, der seit Anfang August nicht nur die kbo-Klinik Agatharied leitet, sondern Ärztlicher Direktor aller vier Lech-Mangfall-Kliniken ist.

Psychische Leiden in der Pandemie

„Zehn Notfälle in einer Nacht“: Psychiatrie-Chefarzt sieht „Welle“ auf Landklinik zurollen

  • Christian Masengarb
    VonChristian Masengarb
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Michael Landgrebe ist Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik in Agatharied und Ärztlicher Direktors der kbo- Lech-Mangfall-Kliniken. Er sagt: Corona bringt uns an die Belastungsgrenze.

Professor Landgrebe, Corona treibt die Zahl psychischer Erkrankungen. Auch im Landkreis?

Es wird auf jeden Fall mehr. Seit vielen Wochen erleben wir eine hohe Nachfrage mit allen möglichen psychiatrischen Krankheitsbildern. Das ist der Pandemie geschuldet. Da schwappt eine Welle auf uns zu.

Wie groß wird die Welle?

Das hängt auch davon ab, wie lange uns Corona noch begleitet. Die Auslastung bringt uns jetzt schon an die Belastungsgrenze. Letzte Woche hatten wir zehn Notfallaufnahmen in einer Nacht. Alles Menschen mit schweren Krisen. Sonst sind es null bis vier.

Wie entsteht die Welle? Ist Long Covid die Ursache?

Es gibt derzeit drei Ursachen: Einige Menschen haben sich wegen Covid lange nicht getraut, in Behandlung zu gehen, oder ihre Behandlungen wurden verschoben. Sie kommen jetzt wieder. Bei anderen haben die Belastungen der Krise – Isolation, Unsicherheit, Job-ängste – Dinge verstärkt, die vorher verborgen geblieben sind. Long Covid ist der dritte Faktor, wobei der sich derzeit in der Klinik noch nicht abbildet. Diese Patienten werden eher ambulant behandelt.

Wie erkennt man Long Covid im Alltag?

Die Symptome von Long Covid – Antriebslosigkeit, Erschöpfung, Schlaflosigkeit – ähneln einer Depression. Die Ursachen sind aber andere. Das macht bei Menschen, die Corona schon hatten, die Diagnose schwierig: Ihre Erschöpfung kann geistige Ursachen haben oder körperliche wie ein Lungenproblem. Ganz schlimm wäre es, wenn jemand eine Virus-Folgeerkrankung hat, zu sagen: „Das ist nur im Kopf.“

Was raten Sie Menschen, die sich nach Corona lange matt fühlen?

Ich rate, zunächst eine sorgfältige körperliche Abklärung beim Internisten oder Neurologen zu machen. Wenn man da nichts findet, wenn Lunge und Herz in Ordnung sind, kann es eine psychische Erkrankung sein. Oft ist es eine Mischung aus beidem. Eine genaue Diagnose ist wichtig.

Wie helfen Sie bei den geistigen Ursachen?

Bis heute weiß man nicht, was hinter Long Covid steckt. Möglicherweise löst das Virus im Gehirn Veränderungen wie Entzündungen aus, möglicherweise sind Belastung und Angst durch die Infektion die Ursache. Derzeit behandeln wir Patienten daher symptomorientiert: Leidet jemand an Schlaflosigkeit, behandeln wir die Schlaflosigkeit. Das können wir sicher, und dadurch geht es den Menschen besser.

Trotz des Ansturms aller Krankheitsbilder: Suchen einige keine Hilfe, weil sie das Stigma fürchten?

Ja. Viele denken, bei psychischen Problemen müsse man sich nur zusammenreißen. Corona ist aber eine lebensbedrohliche Krankheit. Es gibt vorher kerngesunde Menschen, die nach einer Erkrankung bei 200 Metern Gehen außer Atem sind. Niemand, egal ob er Covid hatte oder nicht, muss sich schämen, wenn ihn das beschäftigt. Und niemand muss damit alleine bleiben.

Was können Menschen selbst tun, um diese Belastungen zu verkraften?

Ich empfehle, die Corona-Infos auch mal zu reduzieren. Es hilft, einen unbeschwerten Sommer zu haben. Natürlich auf die Hygiene achten und sich impfen lassen, aber die Freiheiten auch genießen, nicht in der ängstlichen Erwartungshaltung sein: „Oh Gott, es kommt die vierte Welle.“ Ich darf ins Restaurant, ins Kino. Das sollte ich nutzen.

Habe ich es dazu hier leichter als in der Stadt?

Ich kann leichter raus in die Natur. Sport tut auch der Psyche gut. Wir erleben gerade bei älteren Menschen, dass sie durch Isolation geistig und körperlich abbauen. Wer kann, sollte das bei sich vermeiden, also Bewegung und Kontakte pflegen. Das geht auf dem Land leichter, weil ich dafür nicht in die U-Bahn muss. Andererseits ist derzeit gefühlt halb Deutschland hier. Das bringt Belastungen. Es gibt Vor- und Nachteile.

Können Sie der Welle standhalten, die auf Sie zu schwappt? Fachkräfte sind schwer zu finden.

Es stimmt: Wir brauchen gut ausgebildetes Personal, aber das ist rar. Wegen der Sprachbarriere können wir auch nur bedingt auf ausländische Ärzte und Pflegekräfte zurückgreifen. Wir helfen durch Worte. Da kommen selbst gute Fremdsprachler schnell an ihre Grenzen. Bei Pflegekräften kommt hinzu, dass unsere Gegend recht teuer ist. Bezahlbare Personalwohnungen sind definitiv ein Thema.

Wie wollen Sie die Welle dann bewältigen?

Indem wir die Vorteile des Berufs verdeutlichen. Auch Pflegekräfte können in Psychiatrie und Psychotherapie, je nach Ausbildung, sehr selbstständig und psychotherapeutisch arbeiten. Wir sind nahe am Patienten, es gibt keine Distanz durch Instrumente. Teils begleiten wir Patienten lebenslang und erfahren viel Dankbarkeit. Das fasziniert mich so an der Arbeit: Für empathische Menschen ist sie sehr lohnend. Wer dazu aus der Gegend kommt und mit den Patienten eine kulturelle Ebene teilt, hat praktisch eine Jobgarantie. Ich denke, diese Argumente überzeugen junge Menschen bei der Karrierewahl.

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