Wichtiger Mitarbeiter: Naim Karimi schmeißt den Herrenbereich bei Wolf Haardesign fast alleine, sagt seine Chefin. Würde er abgeschoben, bedeute das für den Laden in große Probleme. 
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Wichtiger Mitarbeiter: Naim Karimi schmeißt den Herrenbereich bei Wolf Haardesign fast alleine, sagt seine Chefin. Würde er abgeschoben, bedeute das für den Laden in große Probleme. 

„Die Abschiebung wäre mein Todesurteil“ 

Abschiebe-Angst bei Wolf Haardesign: Flüchtling und Chefin kämpfen für Verbleib

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Naim Karimi ist 2015 aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Seit vier Jahren arbeitet er für Wolf Haardesign in Miesbach, ist inzwischen wichtigster Mitarbeiter im Herrenbereich. Nun könnte er bald abgeschoben werden. Seine Chefin will für ihn kämpfen – und bekommt Unterstützung aus der Politik.

  • Naim Karimi ist der wichtigste Mitarbeiter des Männerbereichs bei Wolf Haardesign in Miesbach.
  • Wegen Sprachproblemen hat der 2015 nach Deutschland geflüchtete Afghane seine Gesellenprüfung nicht bestanden. Im Theorieteil ging es unter anderem um Chemie.
  • Die Regierung von Oberbayern hat Karimi die Arbeitserlaubnis entzogen, wegen der er in Deutschland geduldet war. Nun fürchtet er abgeschoben zu werden, bevor er die Nachprüfung ablegen kann.
  • Karimis Chefin kämpft für ihren Mitarbeiter. Sie erhält Unterstützung von Martin Hagen, FDP-Fraktionsvorsitzender im Landtag, und Ursula Lex, Chefin der Liberalen in Miesbach und im Landkreis.

Miesbach – Hätte Naim Karimi gewusst, dass ihn die Regierung von Oberbayern nach fünf Jahren im Landkreis zurück nach Kabul (Afghanistan) abschieben könnte, er wäre 2015 trotzdem fünf Monate über den Iran, die Türkei und den Balkan nach Deutschland gelaufen. Er hätte trotzdem sein Leben riskiert, um vier Jahre für Wolf Haardesign in Miesbach zu arbeiten und von Gründer Hans Wolf zu lernen, wie man Weißbier einschenkt. Er hätte sich trotzdem hier verlobt, Freundschaften aufgebaut und die Sprache gelernt. „Hier bin glücklich“, sagt Karimi in gutem Deutsch. „Ich kann ohne Angst schwimmen, radfahren, wandern.“

Nun fürchtet Karimi, sein Glück könnte bald enden. Seine Duldung ist am Freitag ausgelaufen. Weil er die Gesellenprüfung nicht bestanden hat, wurde sie nur einen Monat verlängert, die Arbeitserlaubnis gar nicht. Die Regierung von Oberbayern hat ihm den Ausweis abgenommen. Aus ähnlichen Fällen weiß er: Meist ist der nächste Schritt die Abschiebung. Schon im September, so seine Sorge, könnte er im Flieger nach Kabul sitzen.

„Das wäre mein Todesurteil“, ist sich Karimi sicher. „Die Taliban wissen, wo ich wohne, wie ich arbeite. Sie bringen mich um.“ Seine Verlobte habe deswegen viel geweint. Er müsste sie in Miesbach zurücklassen. Wiedersehen, sagt er, würde er sie wohl nie. Seiner Familie in Kabul hat er von der drohenden Abschiebung nichts gesagt. Er schickt weiter jeden Monat Geld. Er will nicht, dass sie sich sorgen.

Aus Hausham: Kurz vor der Abschiebung: Asylbewerber sprechen über ihre Angst

Der Arbeitgeber

Auch Karimis Chefin will ihn nicht gehen lassen. „Naim ist für uns überlebenswichtig“, sagt Marie-Christine Wolf (33), Geschäftsführerin bei Haardesign Wolf. „Er ist top-integriert, und die Kunden lieben ihn. So jemanden darf man nicht abschieben.“

Wolf ist wütend – aus zwei Gründen. Erstens: Zwar hat Karimi die Gesellenprüfung im ersten Versuch nicht bestanden. Die Handwerkskammer hat Karimi die Einladung zur Nachprüfung aber schon geschickt. Sie wäre allerdings frühestens im Herbst. Wolf fürchtet, Karimi könnte abgeschoben werden, bevor er einen zweiten Versuch bekommt. Das sei unfair.

Zweitens: Sie würde Karimi auch ohne Gesellenprüfung einstellen. Die sei für Friseure keine Voraussetzung, deutsche Bewerber frage sie gar nicht danach. „Ich bin um jeden froh, der zu uns kommt und gut Haare schneiden kann.“ Karimi, der in Afghanistan acht Jahre als Friseur gearbeitet hat, sei ein Glücksfall für sie. „Er beherrscht sein Handwerk.“ Das sei wichtiger, als ob er auf Deutsch die Chemie-Fragen der Theorieprüfung lösen kann. „Die Sprache war in der Prüfung nicht, wie wir im Salon sprechen“, sagt Karimi. Deswegen die Probleme.

Mehr zum Thema: Helfer in Sorge: Bei den Afghanistan-Flüchtlingen rumort es

Die Politik

Kämpfen für Karimi: (v.l.) Uschi Lex, Marie-Christine Wolf und Martin Hagen.

Wolf hat Unterstützer in der Politik gefunden. Uschi Lex, FDP-Chefin für Miesbach und den Landkreis, erfuhr beim Haareschneiden im Salon von Karimis Lage. Sie schaltete Martin Hagen, Vorsitzender der FDP im Landtag und Abgeordneter des Wahlkreises Oberbayern, ein. Der hat in Prien bereits einen bei einem Bäcker beschäftigten Asylbewerber vor der Abschiebung bewahrt. Gestern kamen beide in den Salon nach Miesbach, um für Karimis Verbleib zu werben.

Hagen sagt: Karimi drohe die Abschiebung nicht, obwohl er arbeitet und sich integriert, sondern deswegen. „Er taucht nicht unter. Er ist verfügbar, kommt zum Termin und gibt seinen Ausweis ab. Dafür wird er bestraft.“ Gleichzeitig werde Bayern viele Straftäter und Gefährder nicht los. Das dürfe nicht sein.

Hagen versprach, noch am Montag einen Brief an Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zu schreiben. Er solle sich den Fall nochmals anschauen. Öffentlicher Druck helfe, weil Abschiebungen von Sachbearbeitern im Akkord nach Standardschema entschieden würden. Wer eine Entscheidung ändern wolle, müsse dafür sorgen, dass sie den Entscheidern nochmals auf den Tisch gelegt werde. Das nimmt sich Wolf zu Herzen: Sie will eine Unterschriftensammlung und eine Petition starten, hat einen Anwalt eingeschaltet.

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Die Regierung

Der Plan könnte Erfolg haben. Das zeigt die Antwort der Regierung von Oberbayern auf eine Anfrage unserer Zeitung. Darin heißt es: Bekommt Karimi die Chance zur Nachprüfung, werde die Duldung bis zum neuen Ausbildungsende verlängert. Derzeit wisse die Zentrale Ausländerbehörde aber weder von der nicht bestandenen Gesellenprüfung noch vom geplanten Wiederholungstermin. Deswegen gebe es zwar keine Verlängerung. Aber: „Aufenthaltsbeendende Maßnahmen wurden bisher nicht eingeleitet und sind auch nicht konkret geplant.“

Das hieße: Karimi dürfte vorerst bleiben, wenn die Unterlagen bei der Regierung von Oberbayern eingehen. Wann er wieder für Wolf arbeiten darf, bleibt aber offen.

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