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Die Herren über den Schilderwald: Christian Rittinger (l.) und Wolfgang Strobl haben als Verkehrserzieher der Polizei Generationen von Schülern auf dem Weg zum sicheren Fahrradfahren begleitet.

Christian Rittinger und Wolfgang Strobl im Interview

Diese zwei Kult-Polizisten gehen bald in den Ruhestand

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Landkreis - Christian Rittinger und Wolfgang Strobl sind die wohl bekanntesten Polizisten im Landkreis Miesbach. Im Interview erzählen sie von ihrer langen Karriere als Verkehrserzieher.

Sie sind zusammen in die Schule gegangen, haben zusammen ihre Polizeiausbildung gemacht – und nun gehen sie beide in den Ruhestand. Christian Rittinger aus Miesbach und Wolfgang Strobl aus Tegernsee (beide 59) sind die wohl bekanntesten Polizisten im Landkreis Miesbach. Nicht, weil sie so viele Strafzettel verteilt haben, sondern weil sie als Verkehrserzieher Tausende Kinder auf ein unfallfreies Leben im Straßenverkehr vorbereitet haben. Im Interview mit unserer Zeitung blicken die beiden auf ihre jeweils fast 40 Dienstjahre zurück. Ein Gespräch über große Vorbilder, kleine Hilfspolizisten und die Magie des Ehrenwimpels bei der Fahrradprüfung.

Herr Rittinger, Herr Strobl, wie viele Wimpel haben Sie in Ihrer langen Karriere bei Fahrradprüfungen verteilt?

Rittinger: Bei mir dürften es gut 8000 gewesen sein. In fast 20 Jahren auf dem Verkehrsübungsplatz kommt ganz schön was zusammen. Im Grunde waren diese Kinder sogar zwei Mal bei mir: bei der Schulwegbegleitung vor der ersten Klasse und bei der Radlprüfung am Anfang der vierten Klasse. Die 6000 Berufsschüler, die ich im Präventionsunterricht über die Gefahren von Alkohol und Drogen im Auto aufgeklärt habe, sind da noch gar nicht eingerechnet.

Strobl: So viele sind es bei mir nicht. Ich war ja parallel auch noch Verkehrssachbearbeiter bei der Wiesseer Inspektion. Mit 3600 Kindern habe aber auch ich mehrere Schülergenerationen durch die Radlprüfung gebracht.

Rittinger: Bei mir war letztens eine Klasse der Grundschule Elbach. Als ich dann festgestellt habe, dass auch schon die Lehrerin als Kind ihre Radlprüfung bei mir gemacht hat, hab ich mir gedacht: Jetzt muss langsam Schluss sein.

Sie gehen also ohne Wehmut in den Ruhestand?

Rittinger: Na ja, es ist schon auch ein weinendes Auge dabei. Die Arbeit mit den Kindern hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Und man bekommt wahnsinnig viel zurück. Noch heute sprechen mich Erwachsene an, die mal bei mir in der Radlprüfung waren. Ein 30-jähriger Mann hat mir erzählt, dass er damals wegen einem Fehler keinen Ehrenwimpel bekommen hat. So was vergessen die Leute einfach nicht. Es ist ein Teil ihrer Kindheit.

Strobl: Das stimmt. Ich habe Hunderte Briefe von Kindern bekommen. Da stehen Dinge drin wie: „Sie sind der beste Polizist der Welt.“ Diese Leute können sich auch heute noch an einen erinnern.

Rittinger: Deshalb kennt uns im Landkreis auch fast jeder. Wir repräsentieren unsere Dienststellen wie kein anderer. Das ist zwar für die Chefs nicht immer leicht, aber so ist das eben nach 20 Jahren in der Öffentlichkeit.

Das heißt aber auch, dass Sie unter ständiger Beobachtung stehen.

Rittinger: Klar! Wenn jemand den Rittinger ohne Helm auf dem Radl sieht, ist das fatal (lacht). Als Verkehrserzieher ist man ein wichtiges Vorbild.

Strobl:Vor allem heutzutage, wo die Eltern oft keine Zeit mehr haben. Ich habe Kinder erlebt, die mit zehn Jahren zum ersten Mal von Handzeichen und Umschauen gehört haben. Manche haben nicht mal ein eigenes Rad.

Keine guten Voraussetzungen für einen Ehrenwimpel bei der Fahrradprüfung, oder?

Strobl: Das kann man so pauschal nicht sagen. Ich stelle aber schon fest, dass sich die Kinder mit Aufmerksamkeit und Motorik schwerer tun als früher. Das liegt aber oft auch daran, dass ihnen ihre Eltern zu wenig zutrauen. Wo sollen sie denn dann ihr Selbstvertrauen hernehmen?

Rittinger: Umso schöner ist es, wenn man sieht, wie sie sich über ihre Erfolgserlebnisse freuen. Die besten zwei jeder Klasse durften zur Belohnung immer bei mir im Polizeiboot auf dem Schliersee mitfahren. Wenn die Kinder stolz sind, geben sie ihr Wissen auch an ihre Eltern weiter. Diesen verlängerten Arm habe ich mir natürlich zunutze gemacht.

Inwiefern?

Rittinger:Ich erkläre die Kinder zu Hilfspolizisten und sag ihnen, sie sollen aufpassen, dass sich ihre Eltern im Auto anschnallen und dass sie keinen Käse zusammenfahren. Das funktioniert tatsächlich: Die Kleinen sind wachsam wie ein Luchs und hauen es Mama und Papa hin, wenn die sich nicht vorschriftsmäßig verhalten.

Und wie schaut es bei den Kindern selbst aus? Wie streng muss man heute als Verkehrserzieher sein?

Strobl:Ich bin eigentlich kein strenger Polizist. Und meine Handpuppe Poldi kommt auch heute noch gut bei den Kindern an. Aber man hat natürlich schon immer ein paar Kandidaten, die ein bisschen aus der Reihe tanzen.

Rittinger: Meine Linie ist in solchen Fällen klar: Wenn einer nicht funktioniert, schaut er zu. Damit man die Kinder erreicht, muss man aber auch ihre Sprache sprechen. Mir ist das von Anfang an leicht gefallen, weil ich selbst zwei Kinder habe. Lernen kann man so was nicht. Entweder man hat es oder eben nicht.

Strobl: Richtig. Ohne Empathie geht da gar nichts.

Trifft das auch auf die Berufsschüler zu?

Rittinger:Auf jeden Fall. Man muss sich auf jede Altersgruppe einstellen können. Bei den jungen Erwachsenen hat sich aber eh vieles zum Besseren verändert. Alkohol am Steuer ist heute für die meisten von Haus aus ein Tabu. Sie bilden lieber Fahrgemeinschaften. Und auch das Begleitete Fahren mit 17 hat sich absolut bewährt.

Strobl: Genauso wie die Null-Promille-Grenze für die unter 21-Jährigen.

Haben Ihre Nachfolger als Verkehrserzieher dann überhaupt noch was zu tun?

Rittinger: Auf jeden Fall. Klar ist immer mal wieder die Rede von Sparbemühungen, aber die gibt es schon seit 15 Jahren. Solange die Schulen unsere Unterstützung brauchen, wird es uns auch weiterhin geben. Man darf nicht vergessen, dass die Verkehrserziehung eine Art Lebensversicherung für die Kinder ist.

Ist das auch der Grund, warum Sie Polizist geworden sind?

Rittinger: Ganz ehrlich: Damals war es eher das Gehalt. Das war in den späten 1970er-Jahren um einiges höher als in vielen anderen Lehrberufen.

Strobl: Mich haben die Bilder von Polizei-Pferden und Hubschraubern gereizt. Als ich dann 1974 bei der Bereitschaftspolizei in Seeon angefangen hab, bin ich aber schnell in der Wirklichkeit angekommen (lacht). Trotzdem war ich froh, dass ich so der Wehrpflicht ausgekommen bin. Als Kriegsdienstgegner habe ich mich lieber um die Innere Sicherheit gekümmert. Dass ich als gebürtiger Schlierseer meine erste Stelle bei der Grenzpolizei in Kreuth und damit in der Heimat antreten konnte, war natürlich besonders schön.

Rittinger: Das kann ich nur bestätigen. Als ich 1977 in Miesbach angefangen hab, war mir klar: Jetzt bin ich wirklich ein Gendarm.

Hatten Sie denn nie Angst, dass Sie mal ein paar Spezl kontrollieren müssen?

Rittinger: Als Wirtsbub hat sich das natürlich nicht vermeiden lassen. Aber ein Problem war es eigentlich nie. Die wussten alle: Wenn sie betrunken einen Unfall bauen, sind sie fällig. Spezl hin oder her.

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