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Schrauben für den Kindheitstraum: (ab 2.v.l.) Der Vorsitzende der Oldtimerfreunde Miesbach, Erhard Pohl, und seine Stellvertreter Erich Sterrer und Reinhard Megele tüf teln an ihrem Vereinstraktor Hanomag R 12. Schreiner Gerhard Köglmeier (l.) hat ihnen mit einer Spende von 400 Euro unter die Arme gegriffen.

Ein Besuch in der Schrauberschupf

Oldtimerfreunde Miesbach basteln an einem Traktor

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Miesbach - Fast nur noch Schrottwert hatte der Hanomag R 12, als ihn die Miesbacher Oldtimerfreunde in ihre Schrauberschupf rollten. Doch sie griffen zum Werkzeug, zerlegten ihren Traktor in seine rostigen Einzelteile – und bauten ihn wieder zusammen.

Der Hanomag leckt. Die kleine Pfütze auf dem Garagenboden lässt keinen anderen Schluss zu. „Auwe“, sagt Erhard Pohl (54) und krabbelt unter das Getriebe des frisch lackierten Neuzugangs der Miesbacher Oldtimerfreunde. Behutsam tastet der Vorsitzende das Heck des 62 Jahre alten Traktors ab. Alles trocken. Keine Spur von auslaufendem Öl. „Jetzt haben wir wieder eine Aufgabe“, sagt Pohl schmunzelnd. Das Puzzle aus Zahnrädern, Stahlstangen und unzähligen Schrauben ist noch lange nicht fertig.

Es ist diese Detektivarbeit, die Pohl und seine fünf Spezl jeden Samstagabend in das Lagerhaus an der Thalhamer Straße in Miesbach zieht. Auch drei Jugendliche tüfteln mit. Auf 63 Quadratmetern plus Dachboden und Keller hat sich Pohl hier einen Kindheitstraum erfüllt. Schraubschlüssel und Zylinderköpfe stapeln sich in den Regalen und auf den Werkbänken. „Hier kann man auch mal was stehen lassen“, schwärmt der Miesbacher. Das gilt auch für seine insgesamt elf Oldtimer-Traktoren, die sich zum Teil unter dunkelblauen Zeltplanen verbergen. Bis auf zwei sind alle fahrbereit – obwohl sie nicht alle wie neu glänzen. Doch das sollen sie auch nicht, erklärt Pohl. „Das ist die Philosophie der Patina.“ Dem Alter angemessene Gebrauchsspuren zieht er „überrestaurierten“ Museumsstücken vor.

Perfekt fürs Schrauberprojekt: Traktor mit kaputtem Herz

Davon ist der Hanomag R 12 noch ein gutes Stück entfernt. Das 1954er-Modell ist das erste Gemeinschaftsprojekt der Oldtimerfreunde. Das Schicksal wollte es so. Just am Tag der Vereinsgründung am 24. April 2015 bekam Pohl den Tipp, dass in Bad Aibling ein alter Hanomag verkauft wird. Zwar total verrostet, aber mit 700 Euro auch nicht überteuert. Noch am selben Abend hatte der Miesbacher das Geld zusammen – und die Oldtimerfreunde ihren Vereinstraktor.

Doch die Redewendung „Ein Kilo Blech, ein Kilo Lack, fertig ist der Hanomag“ blieb ein frommer Wunsch. Als die Schrauber ihren Neuzugang in seine rostigen Einzelteile zerlegten, wurde ihnen klar, dass der nicht weniger als ein kaputtes Herz mitbrachte. „Der Motor war hinüber“, erzählt Pohl. Auch die Zahnräder im Getriebe waren abgefressen. Für die meisten Restauratoren ein K.O.-Kriterium: „Als Geldanlage hätte er nicht mehr getaugt.“ Als Schrauberprojekt dafür umso mehr.

In bislang rund 100 gemeinsamen Arbeitsstunden bauten die Oldtimerfreunde ihren Hanomag wieder auf. Als Grundlage dient ihnen ein Originalhandbuch aus dem Internet. In unzähligen Tabellen ist das Anzugsmoment jeder Schraube aufgeführt. „Das ist unser Gebetsbuch“, scherzt Pohl. Es hilft, das Puzzle wieder zusammenzusetzen. Die notwendigen Ersatzteile kauften die Schrauber im Internet, das Getriebe tauschten sie in einem Stück aus. Wie durch ein Wunder hatten sie in Norddeutschland ein gut erhaltenes Exemplar für 350 Euro aufgetrieben. „Alles andere wäre unbezahlbar gewesen“, sagt Pohl.

Dank der Puzzle-Leidenschaft: Hanomag landet nicht in der Schrottpresse

Im Sommer möchten die Oldtimerfreunde den Hanomag das erste Mal anlassen, 2018 soll er fertig sein. Von diesem Moment trennen sie nicht nur viele Schrauberstunden, sondern auch noch gut 1000 Euro. Doch Pohl ist guter Dinge. Erst kürzlich ließ der Miesbacher Schreiner Gerhard Köglmeier 400 Euro springen, der Haushamer Bosch-Service-Betrieb Kober spendierte dem R 12 eine neue Elektrik.

Für ihre traditionelle Brotzeit in Pohls „Schrauberstüberl“ auf dem Dachboden des Lagerhauses kommen die Oldtimerfreunde selbst auf. Eine schmale Brettertreppe führt nach oben, ein alter Holzofen sorgt dafür, dass die Schrauberfinger auch im Winter nicht steif werden. Im Stüberl zeigt sich, dass Pohls Liebe zu den alten Dingen nicht auf Traktoren beschränkt ist. Ob eine Säge aus dem Haushamer Bergwerk, ein ungarischer Fasshobel oder ein Röhrenradio: Die Oldtimerfreunde sammeln alles. Und sie reparieren alles – oder finden eine neue Verwendung dafür. Zum Beispiel für den Zylinderkopf eines alten Primus, der heute als Spendenkasse dient.

„Heutzutage wird leider viel zu viel weggeschmissen“, sagt Pohl. Dem alten Hanomag ist dieses Schicksal erspart geblieben. Der Puzzle-Leidenschaft der Oldtimerfreunde sei Dank.

sg

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