2010er-Jahre, Landkreis
+
Prägendes in den 10er-Jahren: (von oben links im Uhrzeigersinn) Traglufthalle für Flüchtlinge in Rottach, Wassergewinnung der Stadt München, Georg Bromme und Jakob Kreidl vor Gericht, Einsatz während des Sturms Niklas, das Rekordhochwasser am Tegernsee und der Winter-Katastrophenfall (hier die Spitzingsstraße).

Zum Beginn der 2020er-Jahre

Ein Jahrzehnt im Zeitraffer: Unser großer Rückblick für den Landkreis Miesbach

Mit der Silvesternacht beginnt auch ein neues Jahrzehnt. Wir nutzen das Ende der 2010er-Jahre für einen großen Rückblick. Wie hat sich der Landkreis Miesbach verändert?

Landkreis – Die Jahre ab 2010 werden als Wachstumsjahre in die Annalen des Landkreises eingehen. Fast alles ist am Steigen: Die Zahl der Einwohner dürfte im zurückliegenden Jahr die 100 000er-Grenze überschritten haben, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze ist von 2008 bis 2018 (jüngere Zahlen liegen nicht vor) um 28,5 Prozent auf über 35 000 gestiegen. Damit steigt aber auch der Bedarf an Wohnfläche und Betreuungsplätzen für Kinder. Neben der allgemeinen Entwicklung haben auch einzelne Ereignisse das Jahrzehnt geprägt.

Ausbau Kinderbetreuung

Nach anfänglichem Zögern, selbst nach dem gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz, kommt der Ausbau der Kinderkrippen in den 10er-Jahren richtig in Schwung. Keine Stadt oder Gemeinde im Landkreis, die hierfür nicht neu gebaut oder erweitert hat. Das gilt im gleichen Maße für Kindergärten. Der Bedarf in der Region ist enorm und wurde (wird?) systematisch unterschätzt.

Sponsoring-Affäre

Das Thema, das dem Kreis Miesbach seit Ende 2013 bundesweit unschöne Schlagzeilen beschert hat. Im „System Miesbach“ mit überbordendem Sponsoring bewegen sich Kreissparkasse und Kommunalpolitik dauerhaft am Rande der Legalität – und jenseits davon. Nach jahrelangen Ermittlungen mitsamt einer Großrazzia, bei der 27 Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht werden, erhebt die Staatsanwaltschaft im März 2018 Anklage gegen insgesamt 13 Personen. Am vorläufigen Ende stehen 2019 eine Reihe von akzeptierten Strafbefehlen und Verwarnungen sowie Verurteilungen zu Bewährungsstrafen gegen Ex-Landrat Jakob Kreidl und den vormaligen Sparkassen-Chef Georg Bromme. Nur die Letztgenannten wären somit vorbestraft. Jedoch liegt der Fall derzeit beim Bundesgerichtshof, der über die Revision von Staatsanwaltschaft und Brommes Anwalt entscheiden muss.

Lesen Sie auch: Unser großer Rückblick für den Raum Miesbach

Die Flüchtlinge kommen

Bereits vor dem bundesweit als Höhepunkt bezeichneten Jahr 2015 kamen zahlreiche Flüchtlinge in den Kreis Miesbach. Schon zwei Jahre zuvor muss die Berufsschulturnhalle in Miesbach vorübergehend als Notunterkunft genutzt werden. Anfang 2016 sind es 1200 Flüchtlinge, die unter anderem in Traglufthallen in Holzkirchen und Rottach-Egern auf die Entscheidung über ihre Asylanträge warten. Überall bilden sich Helferkreise, die sich um die Integration der neuen Mitbürger bemühen, während Politik und Verwaltung – im Kleinen wie im Großen – bemüht sind, der Herausforderung Herr zu werden. Außerhalb der einschlägig politisch Interessierten verliert das Thema immer mehr an Brisanz, allerdings dünnen auch die Helferkreise deutlich aus.

Sturm Niklas

Der stürmischste Tag des Jahrzehnts fiel auf einen Dienstag. Am 31. März 2015 fegt Sturm „Niklas“ über Bayern hinweg. Besonders der Landkreis-Norden ist betroffen. Viele Straßen sind den ganzen Tag gesperrt, teils müssen die Retter wegen umstürzender Bäume Unfallstellen fast fluchtartig verlassen. BOB (kurzzeitig) und Meridian (mehrere Tage) stellen den Betrieb komplett ein, etwa wegen Bäumen, die auf Oberleitungen gestürzt sind.

Lesen Sie auch: Unser großer Rückblick für das Tegernseer Tal

Schnee-Katastrophen-Fall

Den Anfang machen Stromausfälle im Nordlandkreis, letztlich versinkt im Januar 2019 das ganze Oberland im Schnee. Früher als alle anderen – und zunächst dafür belächelt – stellt das Landratsamt Miesbach den Katastrophenfall fest. Elf Tage gilt der Ausnahmezustand. Helfer aus ganz Bayern schaufeln den Schnee von den Dächern, die Schulen fallen aus, und beispiellos lange fährt südlich von Holzkirchen kein Zug. Im Nachgang werden BOB und Bahn gedrängt, Notfallpläne zu erarbeiten, damit sich das Chaos in anderen harten Wintern nicht wiederholt.

Erster Grüner Landrat

Das gab’s in Bayern noch nie, und die Premiere geht ausgerechnet im eigentlich tiefschwarzen Landkreis Miesbach über die Bühne: 2014 wird ein Grüner Landrat. Jakob Kreidl hat sich mit höchst plagiatsverdächtiger Doktorarbeit sowie immer neuen politischen Affären (siehe oben) ins Abseits manövriert und unter dem Druck der CSU-Oberen angekündigt, eine Wiederwahl nicht anzunehmen. Die Wähler schicken daraufhin den Gmunder Wolfgang Rzehak als Chef ins Landratsamt. Ein Grüner als Landrat in Bayern, das schafft zeitgleich nur am anderen Ende des Freistaats – in Miltenberg – Jens Marco Scherf.

Lesen Sie auch: Unser großer Rückblick für den Raum Holzkirchen

Zoff um Wasserschutzzone

Seit Jahrzehnten drängen die Stadtwerke München auf die Erweiterung der Wasserschutzzone Thalham-Reisach-Gotzing. Der Erörterungstermin gerät im Herbst 2018 zum Fiasko. Die Anwälte torpedieren das Verfahren nach Kräften, das federführende Landratsamt Miesbach legt es auf Eis. Nach einer Petition an den Landtag empfiehlt der Umweltausschuss den Neustart mit unbelastetem Personal – ohne Landrat Rzehak und seiner Verwaltung Befangenheit vorzuwerfen. Im Vorfeld waren diese jedoch daran gescheitert, die Betroffenen – darunter auch die Stadt Miesbach und drei Gemeinden – auch nur ansatzweise mit ins Boot zu holen. Die Kritiker befürchten Einschränkungen für den ganzen Landkreis wegen des Schutzes des Trinkwassers der Stadt München.

Lesen Sie auch: Das Jahrzehnt im Rückblick: Unsere Sportler sind Weltklasse

Rekordhochwasser

Die Wassermassen kamen scheinbar über Nacht. Am ersten Juniwochenende 2013 sorgt die sogenannte Vb-Wetterlage (gesprochen Fünf-B-Wetterlage) tagelang für ergiebigen Regen – Mengen, wie sie noch nie gemessen wurden. In Glashütte etwa sind es 287 Liter pro Quadratmeter binnen vier Tage. Die Wassermassen bescheren dem Landreis ein Hochwasser ungekannten Ausmaßes. Tegernsee und Schliersee erreichen Rekordmarken. Das Landratsamt Miesbach ruft für rund 24 Stunden den Katastrophenfall aus. Hunderte Helfer, auch von außerhalb des Landkreises, sind im Einsatz, 20 000 Sandsäcke werden verbaut. Aus Tegernsee kommt man zeitweise nur mit der BOB heraus, andernorts wird der Bahnbetrieb wegen unterspülter Gleise ganz eingestellt.

Von Daniel Krehl

Auch interessant

Kommentare