Sieht aus wie Schrott: Erhard Pohl restauriert den alten Traktor aus dem Jahr 1962 in aufwändiger Handarbeit – und macht daraus einen schmucken und fahrtüchtigen Oldtimer.
+
Sieht aus wie Schrott: Erhard Pohl restauriert den alten Traktor aus dem Jahr 1962 in aufwändiger Handarbeit – und macht daraus einen schmucken und fahrtüchtigen Oldtimer.

Leidenschaft für altes Blech

Oldtimer-Experte Erhard Pohl restauriert alte Traktoren

  • Bettina Stuhlweißenburg
    VonBettina Stuhlweißenburg
    schließen

Verrostet, verdreckt – und dennoch faszinierend: Alte Traktoren sind Erhard Pohls Leidenschaft. Derzeit restauriert der Oldtimer-Experte eine Rarität aus den 60ern. Wir haben ihn in der Werkstatt besucht.

Miesbach – Erhardt Pohl liegt unterm Getriebe. Styropor schützt seinen Rücken vor der Kälte des Werkstattbodens. Es ist höllisch laut – Pohl flext Rost, Fett und Dreck von der Unterseite. „Das ist der Schmutz von 60 Arbeitsjahren“, sagt er, nachdem er aufgestanden ist. Der 59-Jährige wischt sich den Staub vom Gesicht, seine Augen leuchten.

Pohl ist Gründer und Vorstand der Oldtimerfreunde Miesbach – 190 Mitglieder hat der Verein. „Unser Ziel ist, historisch-technisches Kulturgut zu erhalten und für die Nachwelt zur Präsentation zu bringen.“ Pohl streichelt das rostige Getriebe. Es sieht – nun ja – nicht gerade nach Kulturgut aus.

Kein Schrott, sondern Kulturgut

Doch der Eindruck täuscht. Tatsächlich handelt es sich bei den Fahrzeugteilen, an denen er gerade arbeitet, nicht um Schrott. Sondern um das „Herzstück eines Traktors“, wie Pohl erklärt. Um Getriebe, Hydraulik, Hinterachse und Motor eines Eicher EM 300 S Königstiger aus dem Jahre 1962. „Mein Baujahr, deshalb habe ich mich auch sofort verliebt“, sagt Pohl. Normalerweise restauriert er nur ein- oder zweizylindrige Traktoren bis Baujahr 1965. Schließlich müsse man sich als Sammler begrenzen. Beim dreizylindrigen Königstiger der Marke Eicher hat Pohl eine Ausnahme gemacht.

Sämtliche Blechteile hat er bereits abmontiert und sandgestrahlt. Die Löcher, die der Rost hineingefressen hat, schneidet Pohl heraus und setzt Flicken ein.

Eicher, einst Hersteller hochwertiger und teurer Traktoren aus dem Kreis Erding, ging Anfang der 90er-Jahre pleite. „Irgendwann war der Markt gesättigt und nur große Hersteller wie Deutz oder Fendt überlebten“, erklärt Pohl. Dagegen gab es in den 50er- bis 60er-Jahren zahlreiche Traktorenschmieden – die Motorisierung der Landwirtschaft schuf einen neuen Markt. Besonders stolz ist Pohl auf seinen Traktor der Miesbacher Marke Primus von 1957. Die Produktion wurde 1960 eingestellt. Pohl hofft, seine Schmuckstücke bald wieder ausführen zu können – pandemiebedingt gibt es derzeit keine Gelegenheiten dazu.

Pohl bewahrt alte Traktoren vor dem „Schlachter“

Mehr als ein Dutzend Traktoren hat Pohl schon restauriert. Sie lagern in seiner Tiefgarage, bei einem Bauern und in seiner Werkstatt. Wie der Hermann-Lang-Traktor, Baujahr 1955 – ein museumsreifes Schmuckstück. „Ein älterer Herr aus Fischbachau hat ihn mir angeboten. Er wollte nicht, dass er als Organspender zum Schlachter kommt.“ Zwar besorgt sich Pohl zuweilen selbst Ersatzteile bei spezialisierten Händlern. „Ich würde es aber nie übers Herz bringen, meine Traktoren zu schlachten.“

Seit März arbeitet er am Königstiger, im August soll er in neu-altem Glanz erstrahlen. „Manche spielen sich Jahre an einem Modell“, sagt Pohl. Er dagegen nutze jede freie Minute, um ein Fahrzeug zu restaurieren. „Ich montiere ja hunderte von Schrauben ab. Wenn die Restaurierung so lange dauert, besteht die Gefahr, dass man nicht mehr weiß, welche wohin gehört.“

Oldtimer-Restaurierung ist seine Passion

Wie der Bankkaufmann, der in der Immobilienbranche arbeitet, zu seinem Hobby kam? „Ich bin in beengten Verhältnissen aufgewachsen, habe mir ein Neun-Quadratmeter-Zimmer mit meinem Bruder geteilt. Daher war es immer mein Traum, viel Platz zu haben.“ 2009 kaufte Pohl das Grundstück am Fuß der Berghalde. „Mein Plan war: Da stelle ich mir eine Bastelhalle hin, in der mir keiner sagt: Räum auf!“ Tatsächlich liegen verschiedene Schraubenschlüssel, Flex-Aufsätze und weiteres Werkzeug auf dem Boden. „Es lohnt sich nicht, das wegzuräumen, ich komme mehrmals täglich aus dem Büro in den Schuppen, um weiterzuarbeiten.“ Die Restaurierung alter Fahrzeuge sei seine Erfüllung. „Da kann ich mich ausleben.“

Pohls Familie toleriert seine Leidenschaft fürs „Basteln“ – wobei das Wort eine Untertreibung ist für die aufwändige Handarbeit: Um zum Beispiel beim Abtragen von Schmutzpartikeln am Motor in kleinste Ritzen und Winkel zu kommen, greift Pohl zur Zahnbürste. Freilich achtet er darauf, noch Zeit für Frau, Kinder und Enkel zu haben. „Bei Traktor fünf haben sie Veto eingelegt“, sagt Pohl. „Bei Traktor sechs haben sie es wieder aufgehoben. Weil sie gemerkt haben, dass es nichts bringt.“

Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Miesbach-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Miesbach – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare