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Hilft Menschen, die in eine seelische Notlage geraten sind: Sozialpädagogin Gabriele Waitz (52) leitet die Beratungsstelle für psychische Gesundheit des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SpDI) in Miesbach. Dort ist auch der Krisendienst Psychiatrie angesiedelt. Waitz möchte dazu ermutigen, im Krisenfall die Notfallnummer zu wählen.

Krisendienst Psychiatrie im Landkreis gestartet

Expertin im Interview: „Sich Hilfe zu holen ist eine große Stärke“

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Kein Mensch ist davor gefeit, im Laufe seines Lebens Krisen zu erleben. Wer ab 1. April die Nummer 01 80 / 6 55 30 00 wählt, bekommt umgehend schnelle, wohnortnahe Hilfe in seelischen Notlagen.

Landkreis - Bei Bedarf sind Krisenhelfer vor Ort, um akut belasteten Menschen beizustehen. Der Krisendienst als Projekt des Bezirks Oberbayern ist in Miesbach, wie in allen anderen Landkreisen Oberbayerns, beim Sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi) angesiedelt. Dafür zuständig ist das Team der Beratungsstelle für psychische Gesundheit unter der Leitung von Sozialpädagogin Gabriele Waitz. Im Interview spricht die 52-Jährige über das neue Angebot und das Stigma, das psychischen Erkrankungen noch immer anhaftet.

Frau Waitz, was ist denn eine Krise?

Waitz: Krisen sind in der Regel sehr individuell. Statistisch gesehen gerät jeder Dritte einmal in seinem Leben in eine Situation, die professionelle Hilfe erfordert. Für Eltern kann beispielsweise eine Krise sein, wenn die Kinder aus dem Haus sind, das Haus leer ist und sich vielleicht die Sinnfrage in einer neuen Lebenssituation stellt. Bei anderen wiederum äußerst sich eine Krise in sehr dramatischen Suizidgedanken. Das Spektrum Krise ist überaus groß. Uns ist jedenfalls besonders wichtig, jede Andeutung von Krise sehr ernst zu nehmen.

Wie kann man sich einen Anruf beim Krisendienst Psychiatrie vorstellen?

Waitz: Wenn Sie als Betroffener die Nummer der Hotline wählen, landen Sie in der Leitstelle in München, die in Trägerschaft und unter ärztlicher Leitung der Kliniken des Bezirks Oberbayern (kbo) steht. Ihr Gegenüber wird sie dann befragen und herausfiltern, was das Thema ist und welche Schritte einzuleiten sind. Über dieses sogenannte Screening wird dann die passende individuelle und regionale Hilfe vermittelt. In besonders akuten Fällen wird dann ein Einsatz durch den Krisendienst veranlasst.

Und sie rücken dann aus?

Waitz: Genau. Das ist ja auch das Neue. Es ist ein Ausrückdienst. Im Zweierteam setzen sich dann unsere Mitarbeiter ins Auto und fahren zum Betroffenen. Innerhalb einer Stunde sind wir dann in der Regel vor Ort. In der Leitstelle sitzen sehr erfahrene Berater, die die Dringlichkeit sehr gut einschätzen können.

Warum schicken Sie denn Zweierteams los?

Waitz: Auch das ist eine Besonderheit des Krisendienstes. Die Mitarbeiter sind nicht als Einzelkämpfer unterwegs. Zu zweit ist eine wesentlich bessere Absprache möglich und man kann sich gegenseitig stützen. Eine tolle Sache. Ich halte es für sehr hilfreich, wenn man in schwierigen Situationen – beispielsweise bei Suizidalität – eine Einschätzung zu zweit vornehmen kann.

Wer kann die Notrufnummer wählen?

Waitz: Generell alle Menschen ab 16 Jahren, die sich in einer seelischen Notlage befinden. Aber auch Angehörige, die in Sorge um ihre Liebsten sind oder die Lehrerin, die sich Sorgen um einen Schüler macht. Im Grunde kann jeder diese Nummer wählen, der sich in einer Krise befindet und qualifizierte Soforthilfe benötigt.

Mit wie vielen Fällen rechnen Sie?

Waitz: Das ist schwierig zu beantworten. Auf dem Land haben wir noch zu wenige Erfahrungswerte. Die Nachbarlandkreise, die schon im Netz sind, verzeichnen aber stetig wachsende Einsatzzahlen. Ich denke, dass sich der Krisendienst schnell herumsprechen wird und die Menschen das Angebot auch annehmen. Nicht zuletzt, weil es intensiv beworben werden wird. Zum Beispiel bekommen auch alle Ärzte und weitere öffentliche Stellen davon Kenntnis. Eines unserer Hauptanliegen ist ja auch, Hilfesuchenden eine oft sehr belastende Klinikeinweisung zu ersparen. So ein Anruf ist ein möglicher Weg, Situationen zu deeskalieren und andere Möglichkeiten zu finden.

Psychischen Störungen haftet noch immer ein Stigma an. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Waitz: Ja, das ist leider so. Ich bin seit über 14 Jahren in verschiedensten Bereichen der Krisenarbeit tätig und erfahre immer wieder, dass das Thema seelische Not noch sehr mit Scham und großen Unsicherheiten behaftet ist. Eine psychische Erkrankung ist oftmals noch die große Unbekannte, die ich – anders als einen Gips – nicht sehen kann. Wir am SpDi versuchen durch viel Aufklärungsarbeit, Beratungen und Öffentlichkeitsarbeit hier mehr Verständnis und Wissen herzustellen und so dazu beizutragen, dass psychische Störungen aus der Tabuisierung herauskommen und sichtbar werden. Mit einem gebrochenen Arm gehe ich ja auch zum Arzt und kann mit Menschen darüber reden. Bei Verletzungen der Seele ist die Hemmschwelle immer noch viel zu groß.

Wie lautet also Ihr Appell?

Waitz: Es ist definitiv eine gute Entscheidung, in einer seelischen Notlage diese Notfallnummer zu wählen. Ich möchte den Menschen Mut machen, sich helfen zu lassen. Sich Hilfe zu holen ist nämlich keine Schwäche, es ist eine große Stärke.

ah

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