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Für nicht anerkannte Asylbewerber ist es fast unmöglich eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Aber das ist nicht das einzige Problem.

„Einige haben großen Nachholbedarf“

Expertin: Warum sich Asylbewerber mit einem Job schwer tun

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Inge Jooß ist Integrationsbeauftragte in der Kreisstadt. Im Interview schildert sie, wo die größten Hürden bei der Arbeitssuche für Asylbewerber liegen. Es liegt nicht nur an der Sprache...

Miesbach – Erfolgsgeschichten gibt es immer wieder. Flüchtlinge, die schnell den für sie passenden Job gefunden haben und für ihre Arbeitgeber unverzichtbar geworden sind. Doch es gibt auch die andere Seite der Medaille. Keiner kennt sie so gut wie die Helfer vor Ort. Sie wissen am besten, woran es hakt, wenn Asylbewerber jahrelang nur in ihren Unterkünften sitzen – ohne echte Perspektive auf eine Arbeit. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet die Integrationsbeauftragte der Stadt Miesbach, Inge Jooß (68), von ihren Erfahrungen.

Frau Jooß, längst nicht alle Asylbewerber im Landkreis haben bislang einen Job bekommen. Können, dürfen oder wollen sie nicht arbeiten?

Jooß: Meist ist es eine Kombination aus mangelnden Kenntnissen und gesetzlichen Hürden. Das wird aber in der Öffentlichkeit nicht immer so wahrgenommen. Wenn die Leute zum Beispiel eine Gruppe Nigerianer tagsüber in Miesbach durch die Stadt schlendern sehen, meinen sie, dass die keine Lust zum Arbeiten haben. Tatsächlich haben sie aus Sicht des Gesetzgebers keine Bleibeperspektive und sind damit von staatlich geförderten Integrationskursen ausgeschlossen. So lernen sie natürlich auch kein Deutsch und sind auf dem Arbeitsmarkt so gut wie chancenlos. Das gleiche gilt übrigens für Senegalesen und Afghanen. Ein echter Teufelskreis.

Aber müssen diese Menschen nicht ohnehin bald zurück in Ihre Heimatländer?

Jooß: Das kann man nicht pauschal beantworten. Oft bleiben auch die abgelehnten Asylbewerber bis zu ihrer Abschiebung mehrere Jahre bei uns. In dieser Zeit könnten sie eine Ausbildung machen, die ihnen in ihrem Heimatland weiterhilft. Der Besuch einer Übergangsklasse an der Berufsschule kann dafür eine gute Basis sein. Wobei auch hier noch lange nicht alles rund läuft.

Warum nicht?

Jooß: Das Problem in diesen Klassen ist das große Spektrum an Vorkenntnissen. Da sitzen manchmal Analphabeten neben Studenten in der Klasse. Da tut sich selbst der beste Lehrer schwer, einen Unterricht zu gestalten, von dem alle gleichermaßen profitieren. Gerade die Schwächeren ziehen ihre Defizite dann auch auf dem Arbeitsmarkt hinter sich her. Sie kommen maximal in Aushilfsjobs, wo sie außer Befehlen nichts dazulernen. Das ist gerade für die jüngeren Flüchtlinge kein guter Start ins Berufsleben.

Aber ist es nicht verständlich, dass sich Arbeitgeber einen Mitarbeiter wünschen, mit dem sie sich vernünftig verständigen können?

Jooß: Absolut! Deshalb bieten wir ja zusätzlich ehrenamtlich organisierte Deutschkurse an. Aber nicht nur bei den Sprachkenntnissen haben einige Asylbewerber noch großen Nachholbedarf. Auch in Sachen Ordnung und Zuverlässigkeit hapert es bei manchen sehr. Das liegt aber nicht daran, dass sie faul sind und einfach keine Lust haben.

Sondern?

Jooß: An ihren Fluchterfahrungen. Man muss sich einfach mal vor Augen führen, wie diese Menschen auf ihrem Weg zu uns gelebt haben. Nicht wenige haben als Tagelöhner auf dem Bau geschuftet, um sich das Geld für die nächste Etappe zu verdienen. Weil sie dabei meist ausgebeutet wurden, haben sie so schnell wie möglich wieder das Weite gesucht. Wenn man jahrelang keiner festen Arbeit nachgeht und dann in eine Welt kommt, in der scheinbar alles perfekt ist, fällt es schwer, sich von heute auf morgen anzupassen. Trotzdem versuchen wir, den Asylbewerbern so früh wie möglich zu vermitteln, dass ihnen in einer eigenen Wohnung nicht mehr alles zu Füßen gelegt wird.

Keine leichte Aufgabe, oder?

Jooß: Nein. Gerade hier spielt ein vernünftiger Job aber eine große Rolle. Wenn sich die Flüchtlinge ernst genommen fühlen und erst mal ein paar Monate gearbeitet haben, empfinden sie die klaren Regeln als ein Stück Sicherheit und als wichtigen Schritt in ein selbstständiges Leben. Und das wünschen sich eigentlich alle. Sie wollen arbeiten und unabhängig von staatlichen Leistungen werden.

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