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Fachambulanz der Caritas

Raus aus der Suchtspirale

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Landkreis - Wenn es im Gemeinderat darum geht, die Caritas-Suchtambulanz Miesbach zu bezuschussen, schwingen oft Zweifel mit, ob das etwas nützt. Fachdienstleiterin Alexandra Peis-Hallinger versteht die Bedenken nicht und erklärt, was in der Einrichtung eigentlich passiert.

Ein Mann mittleren Alters kommt zur Tür herein. Er trägt einen Anzug, wirkt gepflegt und macht einen sportlichen Eindruck. Als er sich auf den Stuhl setzt, blickt er sich vorsichtig um, als wolle er sicher gehen, dass niemand sonst zuhört. Nervös knetet er seine Finger, senkt den Blick und sagt leise: „Ich glaube, ich habe ein Problem.“

So oder ähnlich beginnen viele der Begegnungen in der Caritas-Suchtambulanz Miesbach. Der beschriebene Fall ist nur ein Beispiel, hätte aber durchaus so stattfinden können. „Etwa zwei Drittel der Betroffenen sind Männer, viele im Alter zwischen 40 und 45 Jahren“, berichtet Fachdienstleiterin Alexandra Peis-Hallinger. Rund 65 Prozent kommen wegen eines Alkoholproblems. „Sie merken, dass es zu viel wird, und haben oft schon selbst versucht, etwas zu ändern“, sagt die Sozialpädagogin, die sich auf Suchthilfe spezialisiert hat.

Kommt ein Betroffener, um sich helfen zu lassen, tue er das meist erst einmal jemand anderem zuliebe. Die Beratungsstelle der Fachambulanz ist dabei die erste Anlaufstelle. „Sie ist offen für alle, die Fragen haben – ob Betroffene, Angehörige, Freunde oder Partner“, erklärt Peis-Hallinger. Das Gespräch kostet nichts – zumindest kein Geld. Viele kostet es aber große Überwindung, sich an die Suchtambulanz zu wenden.

In Gruppen haben gerade Männer oft Hemmungen

Sozialpädagogin Alexandra Peis-Hallinger

Die Berater unterliegen einer Schweigepflicht. In einem oder meist mehreren Gesprächen wird eine Diagnostik erstellt. „Wir besprechen dann, was der Betroffene braucht“, erklärt die Leiterin. Je nachdem, wie weit fortgeschritten die Sucht schon ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Im Caritas-Zentrum Miesbach und den Außenstellen in Holzkirchen und Tegernsee können ambulante Therapiegruppen besucht werden. „Am Anfang haben gerade Männer da oft Hemmungen“, weiß Peis-Hallinger. Doch die Erfahrung zeige, dass eine Gruppentherapie besonders hilfreich sei. „Es tut gut, bei einer Sucht zu erfahren, dass es anderen ähnlich geht.“

Auch Jugendliche kommen in die Suchtambulanz – allerdings nicht immer freiwillig. Von Polizei oder Richter, den Eltern oder der Jugendhilfe werden sie an die Einrichtung verwiesen, wenn sie beim Drogenkonsum erwischt wurden. Auch hier sind es deutlich mehr Jungen als Mädchen. „2015 sind die Anfragen wegen Drogen gestiegen“, erzählt Sozialpädagogin Peis-Hallinger. Das Alter dagegen ist gesunken: 2015 kamen acht Jugendliche unter 14 Jahren zur Suchtambulanz im Landkreis, doppelt so viele wie im Jahr davor.

Auf dem Land sei das Drogenangebot das gleiche wie in der Stadt – nur nicht so deutlich und im Übermaß. Durch das Internet wird aber der Konsum vereinfacht, die Gefahren werden größer. „Zum Teil sind diese Drogen gar nicht verboten“, erklärt die Pädagogin. Diverse Kräutermischungen werden als Cannabis-Ersatz genommen und haben manchmal fatale Wechselwirkungen mit anderen Mitteln. „Die Leute nehmen oft verschiedene Dinge ein“, sagt Peis-Hallinger.

Statistiken spiegeln nicht die Realität wider

Die Erfolgsquote der Behandlungen ist nur schwer darzustellen. „Es gibt viele, die trinken nie wieder“, stellt die Leiterin klar. Doch dann gibt es da auch diejenigen, die Rückfälle erleiden. Das sei jedoch kein Grund, Suchterkrankte zu stigmatisieren, frei nach dem Motto „Einmal Suchtler, immer Suchtler“. Die meisten Rückfälle gebe es im ersten Halbjahr nach der Entlassung aus einer Therapie. „Deshalb ist die Anbindung an Selbsthilfegruppen ganz wichtig“, betont die Expertin.

Statistiken kann man in Sachen Erfolgsquote nur wenig vertrauen. Demnach wird nur bei gut einer Hälfte der Patienten die Therapie erfolgreich abgeschlossen. Ermittelt wird das per Fragebogen, der ein Jahr nach der Behandlung an die Betroffenen geschickt wird. „Wer nicht antwortet, fällt in die Kategorie ,nicht erfolgreich’“, erklärt Peis-Hallinger. Ob eventuell jemand umgezogen ist oder schlicht keine Lust hat zu antworten, wird dabei nicht berücksichtigt. Wenn Gemeinderäte also wieder einmal mit der Entscheidung hadern, die Einrichtung zu unterstützen, sollten sie ihre Überlegungen nicht auf Statistiken stützen.

Kontakt aufnehmen mit der Suchtambulanz können Interessierte unter auf der Homepage der Suchtambulanz Miesbach.

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