Hier geht’s lang: Gebietsbetreuer Florian Bossert hat grüne Schilder aufgestellt, die Skitourengehern, Schneeschuhgehern und Winterwanderern naturverträgliche Winter-Routen anzeigen.
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Hier geht’s lang: Gebietsbetreuer Florian Bossert hat grüne Schilder aufgestellt, die Skitourengehern, Schneeschuhgehern und Winterwanderern naturverträgliche Winter-Routen anzeigen.

Florian Bossert über die Folgen des Tourengehens

„Die Berge sind kein Fitnessstudio“ - Gebietsbetreuer warnt vor Folgen des Skitouren-Ansturms

  • Jonas Napiletzki
    vonJonas Napiletzki
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Skigebieten im Landkreis Miesbach droht ein Ansturm von Skitourengehern – das befürchten Liftbetreiber und Umweltschützer. Florian Bossert gibt Tipps für schonenden Wintersport.

  • Skigebieten im Landkreis Miesbach droht ein Ansturm von Skitourengehern
  • Der Wintersport könnte geschützten Tieren im Mangfallgebirge erheblich schaden
  • Im Interview gibt Florian Bossert Tipps für umweltverträgliches Tourengehen

Landkreis – Antonia Asenstorfer von den Alpen-Plus-Skigebieten vermutete schon Anfang November (wir berichteten): „Der Trend des Tourengehens in den Skigebieten könnte sich in diesem Winter noch verstärken.“ Die Schließung oder spätere Öffnung der Skigebiete birgt das Risiko, den ohnehin boomenden Trendsport weiter zu fördern – auch weil manch einer die Menschenansammlungen an den Liftstationen meiden will.

Diese Entwicklung hätte auch Folgen auf das sensible Ökosystem der Gebirge. Über die Auswirkungen des Tourengehens und über deren Minimierungsmöglichkeiten klärt Florian Bossert (36), Gebietsbetreuer für das Mangfallgebirge am Landratsamt Miesbach, im Gespräch mit unserer Zeitung auf.

Herr Bossert, leidet die Natur generell unter Skitourengehern?

Bossert: Skitourengeher sind häufig im freien Gelände unterwegs – und genau hier haben die Wildtiere ihr Wohn- und Schlafzimmer. Ohnehin ist jeder Winter aufgrund der äußeren Bedingungen eine große Herausforderung für die heimischen Arten. Kommen dann auch noch wiederholte und anhaltende Störungen dazu, wird es für unsere Wildtiere ganz eng.

...und heuer noch enger als sonst?

Bossert: Ja, die zu erwartende Häufung von Skitourengehern und Schneeschuhwanderern ist problematisch. Beide Sportarten sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Heuer öffnen Skigebiete entweder gar nicht oder erst später. Abstände lassen sich draußen aber am besten einhalten. Ich rechne deshalb nochmals mit einem sprunghaften Anstieg – mit Konsequenzen für die Tiere. Wenn eine Art ausstirbt, gerät das Ökosystem ins Ungleichgewicht, da andere von dieser abhängen. Es entsteht eine Kettenreaktion. Auch wir Menschen sind Teil davon und spüren die Auswirkungen am eigenen Leib. Artenschutz sollte uns also auch aus unserem eigenen Interesse heraus beschäftigen.

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Welche Tieren sind besonders bedroht?

Bossert: Besonders betroffen sind Birk- und Auerhuhn, aber auch Rotwild und Gamsen können gestört werden. Das Birkhuhn hat im oberen, offenen Latschenbereich und auf Almweiden wie im Mangfallgebirge sein letztes größeres Rückzugsgebiet in Bayern – im Flachland ist es bereits ausgestorben. Im bewaldeten unteren Teil lebt das Auerhuhn, hier sind häufiger Schneeschuhgeher unterwegs. Beide Vogelarten sind vom Aussterben bedroht und streng geschützt. Die Lebensräume überschneiden sich – bedingt durch die relativ niedrigen Berge und die gipfelnahen Waldgrenzen – mit dem Aktionsradius der Skibergsteiger. In den Dämmerungs- und Nachtzeiten – besonders im Winter – ist die Störwirkung enorm. Das gleiche gilt auch für die Balz-, Brut- und Aufzuchtzeit von Anfang April bis August.

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Was passiert bei einer solchen Störung?

Bossert: Birkhühner fliegen beim Aufscheuchen meist talwärts und müssen anschließend wieder mühsam zu Fuß aufsteigen. Gerade im Winter finden sie oft nur an den abgewehten Gipfelgraten und Kammbereichen genügend Nahrung. Daher ist es so wichtig, dass die Dämmerungszeiten morgens und abends störungsfrei bleiben und die Wildtiere Schon- und Schutzgebiete haben.

Wie können Sportler diese Auswirkungen vermeiden?

Bossert: Der Deutsche Alpenverein hat schon vor 25 Jahren Wald-Wild-Schongebiete, die im Winter nicht betreten werden sollen, ausgewiesen. Diese freiwillige Regelung ist auf die Mitarbeit und Rücksicht aller Wintersportler angewiesen. Die sensiblen Gebiete sind auf Karten des DAV eingezeichnet. Auch im Internet und beispielsweise in der App „alpenvereinaktiv“ von der Firma Outdooractive sind die Zonen hinterlegt. Zusätzlich kennzeichnen grüne Schilder die naturverträglichen Aufstiegsrouten im Gebirge, während meist gelbe Schilder auf die Schongebiete hinweisen.

Diese Schilder weisen die Wald-Wild-Schongebiete aus. Die Regelung basiert auf Freiwilligkeit.

Gibt es sonst noch etwas zu beachten?

Bossert: Bitte auf die Feierabendskitour mit Stirnlampe und den Aufstieg zum Sonnenaufgang verzichten. Die Morgen- und Abendstunden nutzen die Wildtiere zur Nahrungsaufnahme. Einen schönen Pulverhang auslassen, wenn er im Schongebiet liegt. Und nicht blind einer Spur folgen, sondern zuerst überlegen, ob diese naturverträglich ist. Die Berge sind eben kein Fitnessstudio.

Was können Sie als Gebietsbetreuer tun?

Bossert: Ich versuche, die Beschilderung zu optimieren, sodass jeder im Gelände auch ohne Vor-Ort-Präsenz die naturverträgliche Route findet. Trotzdem appelliere ich, sich vorab über die Schongebiete zu informieren. Zusätzlich bin ich an hochfrequentierten Tagen im Gelände vor Ort und versuche, die Wintersportler zu dem Thema zu sensibilisieren. Bei den Gesprächen hoffe ich auf Verständnis und Rücksichtnahme für unsere Tierwelt. Da mein Arbeitsgebiet das komplette Mangfallgebirge umfasst und es mehrere Hotspots gibt, bin ich sehr froh, dass ich in diesem Winter Unterstützung von touristischen Rangern bekomme. Die Alpenregion Tegernsee Schliersee (ATS) organisiert und finanziert diese. Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken.

Welche Möglichkeiten gibt es, um uneinsichtigen Sportlern beizukommen?

Bossert: Leider hat die Regelung der Wald-Wild-Schongebiete im Spitzing-/Rotwandgebiet in den vergangenen Jahren nicht funktioniert. Das wurde vielfach dokumentiert und immer wieder auf die Einhaltung hingewiesen – auch mit Ansprachen im Gelände. Nach mehreren Runden Tischen ist die Einschätzung gewachsen, dass in diesem Bereich die freiwillige Regelung leider nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Daher ist derzeit die Ausweisung von Wildschutzgebieten in besonders stark belasteten Bereichen in Arbeit. Ein Entwurf darüber lag kürzlich im Landratsamt öffentlich aus. Jetzt gilt es, alle Einwände zu prüfen. Eine mögliche Folge der Ausweisung als Wildschutzgebiet wäre ein saisonales Betretungsverbot – die Entscheidung steht aber noch aus.

Das Gespräch führte: Jonas Napiletzki.

Bergwacht sieht den Skibergsteigern gelassen entgegen

In der Bergwacht Schliersee hat man sich bisher nicht separat auf den möglichen Ansturm der Skitourengeher vorbereitet. Lorenz Haberle, stellvertretender Bereitschaftsleiter, sagt: „Das ist auch nicht notwendig.“ Grundsätzlich halte die Bergwacht keine Extra-Reserven für Skibergsteiger vor. „Auch wenn es heuer mehr werden – wir sind wie jedes Jahr gerüstet und auf alles vorbereitet“, betont Haberle.

Vor vielen Jahren gab es eine „Gipshütte“, eingerichtet für Bruch-Verletzungen der Wintersportler. „Aber diese Zeiten sind vorbei“, sagt der Haushamer. Auch besondere medizinische Ausrichtungen für Skitourengeher seien nicht nötig. Schließlich hätten diese Sportler genau die gleichen Verletzungen wie alle anderen Skifahrer: „Unterschenkel und Knie erwischt es am häufigsten.“

Wenn es einen Ansturm an Skibergsteigern, Schneeschuhwanderern und sonstigen Wintersportlern gebe, sei die Bergwacht vorbereitet. „Und wenn es gar keinen Schnee gibt, dann bleiben die Leute eh daheim“, sagt Haberle pragmatisch.  nap

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