Erlebte den Strukturwandel der Familie hautnah mit: Sibilla Geuenich-Lorscheid leitete den Pfarrkindergarten Miesbach von 2002 bis 2018. Sie gründete Miesbachs erste Krippe.
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Erlebte den Strukturwandel der Familie hautnah mit: Sibilla Geuenich-Lorscheid leitete den Pfarrkindergarten Miesbach von 2002 bis 2018. Sie gründete Miesbachs erste Krippe.

Heute ist Weltfrauentag

„Frauen sollen unabhängig sein können“: Sibilla Geuenich-Lorscheid über Rollenbilder

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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Anlässlich des heutigen Weltfrauentages haben wir mit der langjährigen Leiterin des Pfarrkindergartens Miesbach über die Gründung der Krippe im Jahr 2010, die Rolle der Frau – und über Buben im Prinzessinnenkleid gesprochen.

Miesbach – Frauen und Männer sind gleichberechtigt, aber anders: Alle politischen Maßnahmen zur Gleichstellung ändern nichts an der Tatsache, dass es die Frauen sind, die Kinder kriegen – und in der Folge meist den Hauptteil der Erziehung schultern. Einen Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Job und Familie hat in Miesbach Sibilla Geuenich-Lorscheid (68) geleistet.

Anlässlich des heutigen Weltfrauentages sprachen wir mit der ehemaligen und langjährigen Leiterin des Pfarrkindergartens Miesbach über die Gründung der Krippe im Jahr 2010, die Rolle der Frau – und über Buben im Prinzessinnenkleid.

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„Frauen sollen unabhängig sein können“: Sibilla Geuenich-Lorscheid über Rollenbilder

Frau Geuenich-Lorscheid, Sie haben 2010 die erste Krippe Miesbachs gegründet. Warum?

Mein Anliegen war, den Frauen entgegenzukommen, die ihre Kinder gut und professionell betreut haben wollten. Zwar wussten wir, dass ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz kommen wird, aber das war nicht mein Beweggrund. Mir ging es darum, Frauen Unterstützung zu bieten. Es gibt viele Alleinerziehende, die keine andere Möglichkeit haben, als ihr Kind außer Haus betreuen zu lassen. Außerdem war mir wichtig, die Krippe in den Kindergarten zu integrieren. Damit die Kleinen beim Übertritt in den Kindergarten in ihrer Einrichtung bleiben können. Schließlich ist ein Wechsel mit einer Ein- und Umgewöhnung verbunden.

Wie haben die Miesbacher auf die Krippe reagiert?

Anfangs haben wir Vorbehalte gespürt. In den Köpfen der Menschen war nach wie vor die Überzeugung, es sei nicht gut, so kleine Kinder außer Haus zu geben. Vor allem die Großeltern, die aus einer anderen Generation stammen, fanden, so kleine Kinder gehören zur Mutter. Unsere Erzieher wurden damals sogar beschimpft, wenn sie mit dem Krippen-Wagen in der Stadt unterwegs waren. Ob das sein müsse, dass so kleine Kinder jetzt auch schon in den Kindergarten gehen. Ob sich die Mütter nicht selbst um ihre Kinder kümmern können.

Hatten Sie selbst keine Vorbehalte?

Doch. Ich bin im Westen aufgewachsen. Das Frauenbild war, dass die Mutter zuhause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Mit gutem Gewissen eine Krippe anbieten zu können, dafür musste ich einen Prozess durchmachen. Das ging nicht von heute auf morgen. Die Fachberatung schlug uns damals vor, Kinder ab sechs Monaten anzunehmen. Dazu konnte ich mich nicht durchringen. Aber eine Betreuung ab einem Jahr, da stehe ich noch immer dahinter. Weil ich wusste, dass wir eine gute Betreuung bieten.

Welche Frauen nutzten die Krippe anfangs?

Gut ausgebildete Frauen, die weiter in ihrem Beruf tätig sein wollten und für die es ganz wichtig war, eine gute Betreuung zu haben. In der Regel Akademikerinnen.

Als Erzieherin haben Sie den Wandel des Frauen- und Familienbildes hautnah miterlebt.

Gott sei Dank hat sich in der Partnerschaft viel verändert. Inzwischen teilen sich viele Männer und Frauen die Verantwortung für die Kinder gleichberechtigt. Auch den praktischen Teil, wie das Bringen und Abholen der Kinder im Kindergarten. Ich konnte ohne Probleme auch die Väter anrufen, wenn ein Kind im Lauf des Tages krank wurde und abgeholt werden musste. In einigen Familien arbeiten beide nur 60 Prozent, damit sich jeder um die Kinder kümmern kann. Das finde ich sehr gut.

Welche Rolle kommt den Kindergärten bei der Vermittlung der Gleichstellung von Mann und Frau zu?

Ich denke, da ist die Familie prägender. Kinder lernen ja vor allem über Vorbilder. Wenn allerdings ein Fünfjähriger im Kindergarten sagt, dies oder jenes sei nur für Mädchen, dann müssen wir reden. Zum Beispiel hatte ich in meiner Zeit im Kindergarten immer wieder Buben, die im Fasching als Prinzessin kommen wollten. Hier kam es auf uns Erzieher an, den anderen Kindern zu vermitteln, dass es in Ordnung ist, wenn Buben sich als Prinzessin verkleiden. Damit war das Thema dann erledigt. Mein sechsjähriger Enkel übrigens liebt rosa und lila (lacht).

Sie sind selbst Mutter und Oma. Waren sie immer berufstätig?

Ja. Nur nach der Geburt meiner Tochter habe ich kurz pausiert. Als sie fünf Jahre alt war, habe ich wieder Vollzeit gearbeitet. Deshalb kenne ich auch die Notwendigkeit einer guten Betreuung. Ich selbst hatte großes Glück, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie anbelangt. Meine Tochter durfte nach der Schule zu mir in den Kindergarten kommen und dort Hausaufgaben machen. Die damalige Leitung, Schwester Helga, hat mir das ermöglicht. Später hatte meine Tochter jedoch keine Lust mehr auf den Kindergarten, die Kinder waren ihr zu jung. Sie durfte dann allein zuhause bleiben. Ich kam in der Mittagspause heim und bin danach wieder zur Arbeit gegangen.

Welches Frauenbild wollten Sie ihrer Tochter vermitteln?

Mir war es wichtig, ein unabhängiges Frauenbild zu vermitteln. Frauen sollten einen guten Beruf erlernen, der es ihnen ermöglicht, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Nur wenn sie unabhängig sind, können sie freie Entscheidungen treffen. Ich kenne ältere Frauen, die sich von ihrem Mann getrennt haben und nun mit einer minimalen Rente auskommen müssen, weil sie ihr Leben lang in prekären Arbeitsverhältnissen waren.

Manche Frauen entscheiden sich bewusst dafür, daheim zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern. Wie finden Sie das?

Ich kann das verstehen und respektiere das auch. Jede Frau darf selbst entscheiden, wie sie ihr Leben gestaltet. Alle Frauen sollten sich gegenseitig respektieren – egal welches Lebensmodell sie führen.

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