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In echt und auf Papier: Das Kalenderteam des Katholischen Frauenbunds Miesbach (v.l.) Ursula Rummel, Verena Zemme und Irene Bauer (r.) präsentiert zusammen mit Vorstandssprecherin Sieglinde Rosner den eigens zum 100-jährigen Jubiläum gestalteten Jahreskalender.

Seit 100 Jahren in der Kreisstadt aktiv

Frauenbund-Jubiläum: Wie 90 Miesbacherinnen den Nazis die Stirn boten

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Back- und Bastelaktionen, und ab und zu ein Ausflug: Damit verbinden die meisten Leute einen Frauenbund. Doch die Miesbacher Gruppe hat in 100 Jahren auch politisch viel bewegt.

Miesbach – Sie backen Kuchen, verzieren Osterkerzen oder stecken Adventskränze. Immer für den guten Zweck und ganz oft im Stillen. Die vielen Helferinnen in der 100-jährigen Geschichte des Katholischen Frauenbunds Miesbach haben nie ein großes Aufheben um ihre Aktionen gemacht. Dennoch haben sie ihre Zeichen in der Kreisstadt hinterlassen. Die eindrücklichsten Anekdoten hat Frauenbund-Schriftführerin Verena Zemme in einem Jubiläumskalender zusammengefasst.

„Ein Ereignis war so politisch, dass es bis heute unvergessen ist“, sagt Zemme. Im Sommer 1941 oder 1942 – das genaue Datum lässt sich nicht mehr rekonstruieren – marschierten 90 Miesbacherinnen ins Rathaus, um gegen die von Schulleiter und Bürgermeister angeordnete Entfernung der Kreuze aus den Klassenzimmern zu protestieren. Zwei Stunden lang hielten die Frauen die Stellung, selbst die Polizei konnte sie nicht vertreiben. Sie gingen erst nach Hause, als Stadtangestellte die eingesammelten Kruzifixe wieder an die Schulen zurückbrachten.

Auch die Entstehung des Miesbacher Frauenbund ist eng mit gesellschaftlichen Umwälzungen verknüpft. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs waren die meisten Männer an der Front – und plötzlich waren die Frauen auch außerhalb ihrer Familien gefordert. Die Idee eines Zusammenschlusses tauchte auf. Am 19. November 1917 war es dann so weit. Die Gründungsversammlung im Königssaal des Gasthofs Waitzinger leitete allerdings noch ein Mann: Stadtpfarrer Georg Schlickenrieder lud 30 „von ihm handverlesene und ihm wohl bekannte Frauen“ ein, heißt es in der Chronik.

Die Aufgaben des neuen Frauenbunds waren von zwei Themen geprägt: religiöse Bildung und karitative Arbeit. Daran hat sich bis heute nichts verändert. Wohl aber am Stand der Frauen in der Gesellschaft. „Heute gestalten wir die Gottesdienste mit“, meint Zemme schmunzelnd. Doch schon in der Anfangszeit erfreute sich der Frauenbund großen Zuspruchs. Nur drei Jahre nach der Gründung zählte er bereits 105 Mitglieder, 1945 waren es sogar 390.

Während des Zweiten Weltkriegs erlebte der Frauenbund – wie viele kirchliche Gruppen – eine harte Zeit. „Es war eigentlich politisch verboten, sich zu diesem Zweck zu treffen“, erzählt Zemme. Doch die Miesbacher Frauen waren erfinderisch. Sie gaben vor, Socken für die Soldaten zu stricken. Ihr Motto: „Wir lassen uns nicht unterkriegen, wir packen gemeinsam an.“

Über die Jahrzehnte sind die Aufgaben der Frauen eher noch vielfältiger geworden, erklärt Zemme. Heute seien viele Frauenbund-Mitglieder als Caritas-Sammlerinnen und damit als Botinnen der Pfarrei unterwegs. Wo sie verborgene Not spüren, versuchen sie, diese auch zu lindern. Aktionen wie die Gestaltung des Weltgebetstags, die getanzte Maiandacht und das internationale Frauenfrühstück seien „sichtbare und lebendige Zeichen weiblichen Engagements in der Kirche und unserer Stadt“.

Und doch muss der Frauenbund auch heute kämpfen – vielleicht mehr denn je in seiner Geschichte. Die Zahl der Mitglieder liegt zwar noch bei 100, aktiv seien jedoch nur noch zwischen 30 und 35, meint Zemme. Das macht sich auch in der Altersstruktur bemerkbar. „Mit 50 gehört man zu den Jüngeren“, sagt die Schriftführerin. Zwischenzeitlich war sogar unklar, ob ausreichend Personen für den Vorstand gefunden werden (wir berichteten).

Damit das nicht mehr passiert, muss der Frauenbund neue Wege gehen. „Wir brauchen einen Frauenbund 2.0“, sagt Zemme. Ideen für neue Angebote gebe es viele. An der Verankerung im Glauben und in der Nächstenliebe wollen die Miesbacherinnen aber nicht rütteln. „Nur dann kommt man an die echten Sinnfragen des Lebens heran“, findet Zemme. Auch ein Grund, warum in der 100-jährigen Geschichte Generationen von Frauen zum Frauenbund gekommen sind. Frauen, die mitten im Leben stehen und selbst viel erlebt haben. Zemme bringt die Philosophie in einem Satz auf den Punkt: „Wenn alle Armeen darauf angewiesen wären, ihre Waffen, Panzer und Flugzeuge durch Kuchenbasare zu finanzieren, sähe die Welt anders aus.“

Der Festgottesdienst

zum 100-jährigen Bestehen des Katholischen Frauenbunds Miesbach findet am Sonntag, 22. Oktober, um 10 Uhr in der Stadtpfarrkirche statt. Am Altar stehen werden Prälat Peter Neuhauser, Geistlicher Beirat des Landesverbandes KDFB, und Pfarrer Michael Mannhardt. Beim anschließenden Festakt im Bräuwirt sind Reden von Neuhauser und der ehemaligen Bürgermeisterin von München, Dr. Gertraud Burkert, geplant. Für musikalische Begleitung sorgen Monika und Hans Georg Hering. Der Jubiläums-Jahreskalender mit Geschichten und Fotos rund um den Frauenbund gibt es in der Kirche und beim Bräuwirt zum Preis von zwölf Euro.

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